Nur eine Laune

„Leutnant Chlopow von der Leibgarde Ihrer Majestät.“

Der junge Mann stellt sich vor. So fängt es immer an. Offiziell sind die jungen Offiziere zu meinem Schutz abkommandiert, hier im Petersburger Schloss.

Aber wer sollte mich überfallen? Die Türken sind weit weg, die Preußen nicht mehr das, was sie einmal waren und die Habsburger führen keine Kriege, die heiraten lieber.

Attentatsversuche sind nicht bekannt, und mein Polizeiminister hat seine Spitzel überall. Einmal in der Woche, wenn ich alle meine Minister sehe, kann ich auch in sein hündisch ergebenes Gesicht blicken. Ich weiß, dass Spottgedichte über mich im Umlauf sind, dass man mich als alte Matrone karikiert. Ich weiß auch, dass er und seine Beamten diese Pamphlete mit Genuss lesen. Mich stört das nicht, und außerdem tun sie dann wenigstens etwas für ihre Besoldung.

Ich heiße Katharina, bin Zarin von Russland und 66 Jahre alt. Die offiziellen Bilder zeigen mich immer noch als Schönheit. Das war einmal. Jetzt bin korpulent, habe nur noch einen Teil der Zähne und die Haare fallen aus. Den üblen Atem bekämpfe ich mit Pastillen und meine welke Haut habe ich in die Hände eines französischen Kosmetikers gegeben, der vor der Revolution geflohen ist.

„Majestät haben Befehle?“

Fragend blickt Chlopow mich an. Ich verweise auf das Kaffeegedeck und bitte ihn einzugießen. Kaffee ist das Glück meines Alters. Er wärmt den Körper und hellt die Stimmung auf, sodass es mir nicht schwerfällt, den Offizier anzulächeln.

Ein wenig linkisch handelt er wie befohlen. Vor dem Beistelltisch mit dem Gebäck bleibt er unschlüssig stehen. Jetzt weiß er nicht, was er tun soll, ein solches Manöver gibt es nicht auf dem Truppenübungsplatz.

„Setzen Sie sich, nehmen Sie auch eine Tasse. Oder bevorzugen Sie unseren heimischen Tee?“

Er nimmt mir gegenüber Platz, hockt etwas verlegen auf der Kante des Stuhls. Natürlich, der Säbel behindert ihn und die Uniform muss sehr unbequem sein. Chlopow ist kein Salonlöwe, das sehe ich gleich. Da hat man mir eine Rarität ausgesucht für die heutige Nacht. Bassilow, mein Hofmarschall, regelt diese Dinge. Wenn mein offizieller Liebhaber, Fürst Subow, mal wieder bei seinen Tänzerinnen weilt, muss Bassilow dafür sorgen, dass ich in Stimmung bleibe.

Ich bin Katharina, Kaiserin von Russland. In Europa sagt man, ich sei mannstoll und brauche drei Leibhusaren jede Nacht.

Dummes Gewäsch! Früher war ich eine leidenschaftliche Frau. Ich habe nur das genossen, was jedem Herrscher in Europa zugebilligt wird – bei einer Frau macht man so viel Aufhebens davon. Aber ich bin schon lange müde und habe keine Lust mehr.

Was für Gecken man mir zuletzt geschickt hat! Einen gewissen Rittmeister Alanin zum Beispiel. Schön und stattlich war er. Ich spürte wieder einmal dieses Kribbeln, das Blut in meinen Adern kreiste schneller und ich rief ihm zu: „Attacke, Herr Rittmeister, Ihre Zarin wünscht erobert zu werden.“

Wenn meine Armee kämpft, wie Alanin liebt, dann hoffe ich, dass Gott im Himmel unserem Lande jeden weiteren Krieg erspart. Selbst die Österreicher würden uns in Stücke hauen. Er mühte sich redlich, aber die Kräfte ließen ihn im Stich. Ein Jagdhund mit schnellem Antritt und schwacher Kondition. Schließlich mimte ich die sturmreife Festung, die den Belagerern ihre Tore öffnen muss. Wie ein Pfau stolzierte er aus dem Zimmer, dieser Blödian. Meine Schreie nahm er für bare Münze und hielt sich für einen großen Eroberer.

Zwei Wochen später machte ich ihn zum Oberst und zum Befehlshaber eines unwichtigen Postens tief in der Provinz. Die Petersburger Dirnen heulten eine Nacht um ihren verlorenen Schönling, in der folgenden landeten sie in den Armen eines anderen Leibgardisten. Also auch an dieser Front kein Verlust.

„Erzählen Sie von sich, und reichen Sie mir noch einmal Kaffee“, ich lächle ihm aufmunternd zu, dem jungen Leutnant.

Dabei weiß ich längst, mit wem ich es zu tun habe. Mein Sekretär gibt mir jeden Morgen einen kurzen Überblick über das geplante Menü, das Befinden des Erbprinzen, die Migräne meiner Hofdamen und die Eigenheiten der Herren Offiziere, die die Ehre haben, zu meinem Schutz abkommandiert zu sein. Ich weiß, dass Chlopow einer Familie verarmter Landadeliger entstammt. Der Vater verlor seine Güter beim Kartenspiel und trank sich zu Tode. Der junge Chlopow trat in die Armee ein und kam auf Empfehlung in meine Leibgarde. Jetzt sitzt er mir gegenüber, und ich sehe, dass unsere Spitzel wirklich gute Arbeit leisten.

Russland ist ein merkwürdiges Land. Als ich Kaiserin wurde, wollte ich die Leibeigenschaft abschaffen, die Justiz reformieren und aus diesem Riesenreich eine terra felix machen. Ich lernte schnell, dass die russischen Bauern gar nicht in der Lage gewesen wären, ihre Bauernhöfe selbstständig zu bewirtschaften. Ich habe mit meinen Reformen einen Kerker etwas wohnlicher gemacht, aber ein Kerker ist es geblieben.

Voltaire nannte mich Minerva des Nordens – auch so ein Geck! Ich war eine deutsche Prinzessin in einem fremden Land, ich half mit, meinen Mann, Zar Peter, 1762 umzubringen. Ein Trunkenbold mit abartigen Neigungen, der dabei war, das Land zu ruinieren.

Hätte ich seinen Mördern die Privilegien gestrichen, ich wäre das nächste Opfer gewesen. Ich habe mich ihnen ein wenig angepasst, hier etwas verändert, dort ein wenig reformiert, einige Freigeister reden lassen und die Intelligenteren eingesperrt.

„So, jetzt stehen Sie also am Beginn einer stolzen Karriere. In zwanzig Jahren werden sie Sie wohl General sein, mein lieber Graf“, versuche ich ihn aufzumuntern.

Das ist noch nicht einmal gelogen. Viele Offiziere der Garde schaffen es in höchste Kommandostellen. Russland ist groß, und selbst wenn wir einmal eine Schlacht verlieren, einen ganzen Krieg haben wir noch nie verloren. Da reicht es, wenn unsere Offiziere gut aussehen und eine passable Figur machen.

„Majestät, Sie wissen, dass ich noch nicht einmal das Geld besitze, mein Wappen erneuern zu lassen. Ich bin Graf und bin es doch nicht. Und – Majestät – haben Sie schon einmal eine Schlacht erlebt? Ich war bei der letzten Kampagne gegen die Türken dabei. Ich hatte Glück, eine Kugel blieb wie durch ein Wunder in meinem Stiefel stecken. Haben Sie die Schreie der Soldaten gehört, wenn der Feldscher ihnen die Gliedmaßen amputiert? Wenn sie das überlebt haben, kommt der Brand in die Wunden, sie beginnen zu fiebern und ein paar Tage später sind sie tot. Der Führer meiner Schwadron schrie eine ganze Nacht – es gab kein Laudanum mehr gegen die Schmerzen -, dann biss er sich die Zunge durch.“

Chlopow redet nicht mit mir, er rührt mechanisch in seinem Kaffee, der längst kalt ist. Ich verspüre Unruhe. Was soll das, werde ich jetzt sentimental? Natürlich, die Soldaten krepieren auf grausame Weise. Aber was kann ich dafür? Das ist der Lauf der Dinge. Ich habe in der Armee und auf dem Land Lazarette eingeführt, was kann ich dafür, dass die Lieferanten schludern, ich …

Ich stehe auf und gehe auf Chlopow zu. Er schnellt hoch und schüttelt sich wie ein Schlafwandler, der in die Wirklichkeit zurückgeholt wurde. „Majestät“, stammelt er und denkt wohl, er müsse jetzt seinen Pflichten nachkommen.

„Setzen Sie sich“, befehle ich ihm und nehme an seiner Seite Platz. „Nehmen Sie mich in den Arm, bitte“, sage ich mit leiser Stimme. Er starrt mich an, streckt mechanisch die Arme aus und berührt meine Schultern. „Sanfter bitte! Man sagt, ich sei Mütterchen Russland und sein Mütterchen nimmt man doch in den Arm, nicht wahr?“

Ganz langsam zieht er mich zu sich heran, ich schmiege mich an ihn und spüre nach einer Weile, wie sein Körper nachgibt. Er riecht gut. Seine Arme sind nicht besonders kräftig, er hat zierliche Finger. Ein erfahrener Liebhaber scheint er nicht zu sein, aber sein Griff wird immer sanfter, immer entspannter. Seine Umarmung ist ein schützender Mantel. Ich bin nicht mehr Katharina, Zarin von Russland, ich bin ein junger Vogel in einem schützenden Nest, ich bin eine alte Frau, die von ihrem Enkel zärtlich gewärmt wird.

Ich schließe die Augen und genieße …

Ich weiß nicht, wie lange wir da gesessen haben. Als ich erwache, sind die Kerzen nahezu abgebrannt. Wir müssen wohl eine Stunde so verbracht haben. Chlopow hat ebenfalls geschlummert, er reibt sich die Augen und versucht, seinen Arm zu bewegen.

Mit einem Ruck stehe ich auf. Er folgt mir und verliert fast das Gleichgewicht. Sein Arm, den er um mich gelegt hatte, ist eingeschlafen.

Gleichgewicht, das ist wichtig jetzt. Wir stehen uns gegenüber. Ich bin wieder die Zarin aller Reußen und er einer kleiner Subalternoffizier.

„Leutnant Graf Chlopow“, höre ich mich sagen, „wir danken für Ihren Besuch und bedauern sehr, dass Sie den Abschied nehmen und auf Ihre Güter zurückkehren wollen. Als General der Leibgarde nehmen wir Ihr Gesuch an. Es ist uns eine Freude, Sie als Rittmeister zu verabschieden. Ferner beehren wir uns, zum Dank für Ihre Tapferkeit Ihr Gut aus unserer Schatulle zu entschulden. Leben Sie wohl.“

Ich reiche ihm den Handrücken zum Kuss. Er beugt sich vor, verharrt einen Moment und küsst meine welken alten Hände. Dann salutiert er und geht.

Ja, ich bin Katharina die Große. Die Minerva des Nordens, die Brieffreundin Voltaires, die Begründerin der russischen Großmacht. Diese Spuren werde ich hinterlassen. Von meiner sentimentalen Laune wird niemand jemals etwas erfahren.

Ich setze mich an den Schreibtisch und klingele nach dem Diener. Er weiß längst, was mit mir los ist und hat sich bereitgehalten. Ich bitte ihn, die Kerzen anzuzünden und frischen Kaffee zu bringen. Ich greife zu der Mappe mit den Berichten des Polizeiministers. Die wenigen Freigeister, Schreihälse oder verkrachten Dichter hier interessieren mich nicht. Ich schlage den Bericht der Spitzel auf, die notiert haben, was in den Schenken und Salons der Stadt über mich geflüstert wird: „Katharina, die Mannstolle“ und so weiter.

Es wird ein vergnüglicher Abend werden.