Preußen im Siebenjährigen Krieg

 

Unsere Niederlage ist enorm. Von einer Armee von 48.000 Mann habe ich keine dreitausend mehr. Indem ich dies schreibe, flieht alles, und ich bin nicht mehr Herr meiner Leute. Man wird gut daran tun in Berlin, an seine Sicherheit zu denken. Das ist ein grausamer Rückschlag, ich werde ihn nicht überleben; die Folgen dieses Treffens werden schlimmer sein als das Treffen selbst. Ich habe keine Reserve mehr, und, um nicht zu lügen, ich glaube, dass alles verloren ist. Ich werde den Untergang meines Vaterlandes nicht überleben. Adieu für immer! Friedrich“

Politische Correspondenz, Bd. 18, S. 481; dt.

Diese Sätze schrieb Friedrich der Große am Abend des 12. August 1759 an den Staatsminister Graf von Finckenstein. Den Oberbefehl über die Armee übertrug er seinem Bruder Prinz Heinrich. Friedrich hielt den Krieg für verloren.

Doch die Österreicher und Rusen nutzten ihre Chance nicht. Sie griffen nicht weiter an und gaben dem preußischen König die Chance, sein Heer zu reorganisieren.

1740: Preußen steigt zur Großmacht auf

Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts schaffte Preußen den Aufstieg in den Kreis der europäischen Großmächte. Im Ersten Schlesischen Krieg von 1740 bis 1742 nahm es den Habsburgern die wertvolle Provinz Schlesien ab, und konnte sie auch im Zweiten Schlesischen Krieg (1744/45) behaupten.

Der Gewinn Schlesiens stärkte die Stellung der preußischen Könige in Europa. Aber das Haus Habsburg war nicht bereit, sich mit dem Verlust der wertvollen Provinz abzufinden.

Zwischen 1748 und 1756 gelang es der Wiener Diplomatie, die Bündnisverhältnisse auf dem Kontinent zu verändern. Zwischen Frankreich und dem Erzherzogtum Österreich wurden die jahrhundertealten Meinungsverschiedenheiten beigelegt. Polen, Schweden, Russland und Sachsen schlossen sich der Achse Paris-Wien an. Friedrich II. hatte keinen Hehl aus seinen Absichten gemacht, Sachsen zu annektieren. Berlin konnte lediglich mit England einen Vertrag abschließen, der Preußen Geldmittel für den nächsten Krieg zusicherte.

Hatte der Preußenkönig noch 1745 bekräftigt, er würde keinen weiteren Krieg mehr führen, so spitzte sich die Situation im Hochsommer 1756 zu. In Berlin rechnete man mit einem Angriff der gegnerischen Koalition. Friedrich der Große gab den Befehl zum Einmarsch in Sachsen. Der Siebenjährige Krieg, der endgültig Friedrichs Ruhm begründen sollte, hatte begonnen. Aber es war auch ein militärisches Ringen, in dem die Existenz Preußens mehrmals auf dem Spiel stand.

1756 bis 1757: Friedrich sucht die Entscheidung

Die Preußen besetzten Sachsen. Das sächsische Heer kapitulierte, und ein großer Teil der Truppen wurde in die preußische Armee eingegliedert. Ein habsburgisches Heer erlitt 1756 bei Lobositz eine Niederlage, aber die Preußen räumten ein, dass der Gegner aus seinen Niederlagen in den beiden Schlesischen Kriegen gelernt hatte.

Im Frühjahr 1757 marschierte Friedrich in Böhmen ein und schlug eine habsburgische Armee bei Prag. Die Österreicher retteten sich in die Festung. Während der preußische König noch die Belagerung organisierte, stellte Maria Theresia ein Entsatzheer auf, das unter dem Kommando des Grafen Daun stand. Daun hatte seit 1748 die habsburgischen Streitkräfte reorganisiert. Er war ein Truppenführer der alten Schule, vermied nach Möglichkeit eine Schlacht und versuchte, den Gegner mit einer ausgeklügelten Marschstrategie zu bezwingen.

Doch Maria Theresia drängte Daun, sich Friedrich entgegenzustellen. Der General bezog eine Stellung bei Kolin in der Nähe von Prag, verleitete den Preußenkönig, seine Truppen zu teilen und Daun trotz Unterzahl am 18. Juni 1757 anzugreifen. An einem heißen Frühsommertag begann die Schlacht. Friedrich wollte die zahlenmäßige Unterlegenheit mit einem taktischen Manöver, der „Schiefen Schlachtordnung“, ausgleichen. Der verstärkte Angriffsflügel sollte attackieren, während der schwächere Flügel den Gegner zu beschäftigen hatte.

Daun hatte sich geschickt verschanzt und wartete den preußischen Angriff ab. Er wusste, dass seine Grenadiere im freien Feld dem Gegner unterlegen waren. Er behielt die Nerven, auch nachdem der Feind erste Einbrüche in die habsburgische Linie erzielt hatte. Geschickt setzte Daun seine Reserven ein und ging am späten Nachmittag zum Gegenangriff über.

Friedrich der Große erkannte gegen 17.30 Uhr seine Niederlage und räumte das Schlachtfeld. Am nächsten Tag hob er die Belagerung von Prag auf und räumte Böhmen. Der preußische König hatte nicht nur eine Schlacht verloren, sondern sein Plan, angesichts der übermächtigen Feinde eine schnelle Entscheidung zu erzwingen, war gescheitert.

Die preußische Armee musste Böhmen räumen. Friedrich teilte sie in zwei Kolonnen und übergab das Kommando über eine Marschgruppe seinem ältesten Bruder. Prinz August Wilhelm zeigte sich den Anforderungen jedoch nicht gewachsen, und als sich die beiden Heeresteile vereinigten, konnte er dem König nur eine abgekämpfte Truppe übergeben. Die Österreicher hatten geschickt Hinterhalte ausgenutzt und mit einer Art Kleinkrieg den Rückzug der Preußen erschwert. Friedrich der Große enthob seinen Bruder unter entwürdigenden Umständen seines Kommandos; ein Jahr darauf starb der Prinz.

Die restlichen Monate des Jahres 1757 brachten den Preußen zwei Siege ein, die das Ansehen Friedrich des Großen stärkten, aber nicht den Krieg entschieden. Bei Roßbach besiegte er ein Heer, das aus Truppen der Reichsarmee und der Franzosen bestand, und bei Leuthen in Schlesien bezwang er im Dezember 1757 ein doppelt so starkes habsburgisches Heer.

1758 bis 1762: Am Rande der Niederlage

Beide Erfolge konnten nicht darüber hinweg täuschen, dass Preußen in die strategische Defensive gedrängt war. Friedrich musste seine Truppen zu Krisenherden schicken, um einen Zusammenbruch zu vermeiden. Sein Glück bestand darin, dass es seinen Feinden an einem abgestimmten Feldzugplan fehlte.

Zwar gab es Niederlagen auf Nebenkriegsschauplätzen, aber Friedrich mit der preußischen Hauptarmee und Prinz Heinrich, sein jüngerer Bruder, hielten die Gegner in Schach. Während der König nach Möglichkeit die Entscheidung in der Schlacht suchte, setzte Prinz Heinrich mit seinen Truppen auf eine Ermattungsstrategie, die eine offene Konfrontation vermied.

Und immer wieder war es Graf Daun, der Friedrich unangenehme Überraschungen bereitete. 1758 überfiel eine habsburgische Armee unter seinem Kommando bei Hochkirch in den frühen Morgenstunden das preußische Heerlager. Der König hatte Warnungen nicht ernst genommen und konnte am Vormittag nur die Reste seiner geschlagenen Truppen sammeln.

1759 sah es so aus, als ob das Ende Preußens gekommen sei. Ein habsburgisches und ein russisches Heer rückten auf Berlin zu. Friedrich stellte sich bei Kunersdorf zur Schlacht. Nach anfänglichen Erfolgen setzte er die Kampfhandlungen fort, obwohl seine Offiziere ihm rieten, die Schlacht abzubrechen.  Deiser Entschluss sollte sich als schwerer Fehler erweisen: Österreicher und Russen nahmen die Preußen in die Zange. Am Abend der Niederlage schrieb er einen verzweifelten Brief an seinen Bruder, Prinz Heinrich, und bat ihn, als Reichsverweser die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Doch Russen und Österreicher ließen die Chance zum Marsch auf Berlin ungenutzt verstreichen. Friedrich konnte sein Heer reorganisieren.

1760 schien Preußen dennoch am Ende seiner Kräfte zu sein. Zwar gelang Friedrich bei Torgau ein knapper Sieg über Daun, aber Schlesien, Ostpreußen und Teile Sachsens befanden sich in der Hand der Gegner. Doch auch in Österreich und Russland machte sich Kriegsmüdigkeit breit. Frankreich hatte außerdem in Übersee gegen England schwere Kämpfe zu bestehen.

1761 sah sich Friedrich der Große nicht mehr zu einer offensiven Kriegführung in der Lage. Die preußischen Reserven waren erschöpft. In Bunzelwitz bei Niederschlesien verschanzte sich der König an einem strategisch wichtigen Punkt gegen eine Übermacht aus Österreichern und Russen. Es gelang den Verbündeten nicht, die Preußen zur Schlacht zu stellen. Schweden zeigte ebenfalls keine große Initiative.

1762 kam es in Russland zu einem Thronwechsel. Der junge Zar Peter, ein Bewunderer des Preußenkönigs, scherte aus der Koalition aus und wollte sogar gemeinsam mit Berlin kämpfen. Sein Sturz verhinderte diese Pläne, aber seine Nachfolgerin, die Zarin Katharina, wollte sich am Krieg gegen Preußen nicht mehr beteiligen. Ohne Russland vermochte auch Habsburg nicht weiterzukämpfen. Als Prinz Heinrich 1762 in Freiberg ein habsburgisches Heer besiegte, waren die europäischen Mächte zu Friedensverhandlungen bereit. Wien musste sich endgültig mit dem Verlust Schlesiens abfinden. Preußen hingegen zog aus Sachsen ab. In Übersee überließ Frankreich Kanada den Engländern.

Der Friede von Hubertusburg

Der Friede von Hubertusburg bestätigte, dass es fortan zwei Großmächte im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gab: Habsburg und Preußen. Das Erzherzogtum Österreich galt aufgrund seiner Landmasse als der mächtigere Staat. Der deutsche Dualismus war geschaffen und erst 1866 sollte er mit der Niederlage Österreichs gegen die Preußen bei Königgrätz enden.

Dass Friedrich der Große bis zum Frieden von Hubertusburg durchhielt, hatte er dem Ausscheiden Russlands zu verdanken. Hinzu kam sein Talent als Truppenführer. Der König erlitt bei Kolin, Hochkirch und Kunersdorf schwere Niederlagen; bei Leuthen, Torgau und Liegnitz konnte er seine Feldherrnqualitäten unter Beweis stellen.

Unterstützung erhielt er von seinem Bruder Heinrich, den nicht nur Friedrich, sondern auch Historiker als fähigsten Feldherrn seiner Zeit betrachteten. Hinzu kam, dass die antipreußische Koalition sich nie auf einen gemeinsamen Kriegsplan einigen konnte. Einer konzentrierten Offensive von allen Seiten zur gleichen Zeit hätte Berlin nichts entgegensetzen können. Prinz Heinrich wäre wohl bereit gewesen, nach Kunersdorf 1759 Schlesien an Österreich abzutreten, um Preußen als Mittelmacht zu erhalten. Aber Friedrich lehnte jeden Kompromiss ab.

So stand Preußen 1763 al ein Staat da, dessen Soldaten zu den Besten in Europa gehörten. Allzu lange sonnte sich das preußische Offizierkorps in diesem falschen Glanze. Der König war da skeptischer. Er wusste, dass nur die Anlehnung an Russland seinem Lande Sicherheitsgarantien bot.

Mit dem Siebenjährigen Krieg hatte sich Friedrich endgültig unsterblich gemacht. Aber der Weg zu historischer Größe führte nahe am Abgrund vorbei. Der Preußenkönig wusste dies und räumte ein, dass sein Land die kleinste Großmacht in Europa sei. Bis zu seinem Tode widmete sich Friedrich dem Aufbau und der Modernisierung des Staates. Er war nicht nur ein großer Soldat, sondern auch ein hervorragender Verwaltungsfachmann, der Reformen im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus durchsetzte.

Schon ein halbes Jahrhundert später, bei der Niederlage von Jena und Auerstedt gegen Napoleon im Jahre 1806, wurde deutlich, dass Preußens Großmachtposition auf tönernen Füßen stand. Der Korse soll an Friedrichs Grab gesagt haben, dass er jetzt nicht hier wäre, wenn der große König noch lebte.

Vielleicht war dies eine rhetorische Verbeugung vor dem letzten europäischen Monarchen, der den Beinamen „der Große“ trug. Friedrich II. (1740 bis 1786) hatte den preußischen Staat vergrößert und modernisiert. Aber in den Jahren 1759 und 1760 war er der Niederlage näher als dem Sieg. Zur historischen Größe gehört neben einer Portion Glück auch die Fähigkeit, Krisen durchzustehen.