Kriegsverbrechen im Atlantik

Der U-Boot-Krieg auf allen Meeren forderte auf beiden Seiten Opfern: Matrosen der Handels- und Kriegsschiffe sowie U-Boot-Fahrer mussten ihr Leben lassen. In diesem Aufsatz ist von einem Kommandanten eines deutschen Unterseebootes die Rede, der sich nach Kriegsende vor einem alliierten Kriegsgericht verantworten musste.

Kapitänleutnant Heinz-Wilhelm Eck und die Offiziere Leutnant zur See Hoffmann und Marine-Oberstabsarzt Dr. Weispfennig wurden wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt.

Eck war der einzige U-Boot-Kommandant des Zweiten Weltkriegs, der als Kriegsverbrecher hingerichtet worden ist. Wurden er und seine Kameraden das Opfer alliierter Siegerjustiz?

Die Versenkung der Peleus

Heinz-Wilhelm Eck kam 1916 in Hamburg zur Welt, wuchs in Berlin auf und trat 1934 als Offizieranwärter in die Marine ein. 1937 erhielt er ein Patent als Leutnant zur See. Dann wurde er zur Minensuchwaffe versetzt. Bei Kriegsausbruch kommandierte er ein Minensuchboot. 1941 wurde er zum Kapitänleutnant befördert.

Ein Jahr später meldete er sich freiwillig zur U-Boot-Waffe. Die Besatzungen der „Grauen Wölfe“ galten als Elite der Kriegsmarine. Eck wurde als Kommandantenschüler einem erfahrenen U-Boot-Kommandanten zugeteilt. Normalerweise musste sich ein Offizier in mehreren „Feindfahrten“ als Wachoffizier bewährt haben, bevor er ein eigenes Kommando erhielt. Die hohen Verluste zwangen die Marine, die Ausbildung angehender Kommandanten zu verkürzen. Eck absolvierte als „Kommandantenschüler“ eine „Feindfahrt“ auf U 124 mit Korvettenkapitän Mohr, einem erfolgreichen Marineoffizier, und erhielt das Kommandantenzeugnis.

Im August 1943 übernahm Eck den Befehl über U 852, einem Neubau vom Typ IX D2. Diese „Monsun-Boote“ waren größer als die Einheiten vom Standardtyp Typ VII C, der im Atlantik operierte. Die “Monsun-Boote“ konnten deshalb in entlegenen Seegebieten eingesetzt werden.

Im Südatlantik oder im Indischen Ozean war die alliierte Luftüberwachung noch nicht so intensiv wie im Nordatlantik. Auch wenn die Schifffahrtsrouten dort nicht so dicht befahren waren, bot sich doch aus Sicht der deutschen Seekriegsleitung die Gelegenheit, der alliierten Handelsflotte Schaden zuzufügen. Außerdem zwang die deutsche Marine ihre Gegner, Schiffe und Flugzeuge für die Jagd auf deutsche Unterseeboote bereitzustellen; Einheiten, die ansonsten direkt gegen Deutschland hätten eingesetzt werden können.

In der zweiten Jahreshälfte 1943 absolvierte U 852 ein intensives Trainingsprogramm in der Ostsee. Die Seekriegsleitung hatte Penang, einen deutschen U-Boot-Stützpunkt im Indischen Ozean, als Ziel vorgesehen. Vor dem Auslaufen wurde Eck von einem erfahrenen U-Boot-Kommandanten, Kapitänleutnant Adalbert Schnee, im Oberkommando der Marine instruiert. Der Offizier wies Eck auf die Bedrohung aus der Luft hin.

Die größeren Bootstypen seien anfälliger für Luftangriffe, denn sie könnten nicht so schnell tauchen wie die kleineren Bootsklassen, soll Schnee gesagt haben. Der Kapitänleutnant informierte Eck darüber, dass die vor ihm ausgelaufenen Boote wahrscheinlich aus diesem Grund von Flugzeugen versenkt worden waren. Er empfahl ihm, erst südlich von Gibraltar auch am Tage über Wasser zu marschieren.

Am 18. Januar 1944 verließ U 852 Kiel. Nur nachts konnte das Boot auftauchen, um seine Batterien aufzuladen. Um Luftangriffen zu entgehen, marschierte U 852 bei Tage getaucht. Die Verhältnisse an Bord einer engen Tauchröhre stellen schon im Frieden die Besatzung auf eine harte Probe. Im Krieg wirkte sich der Druck auf die Männer noch stärker aus.

Die Marineführung um Dönitz stilisierte den Einsatz der Boote in der zweiten Hälfte des Krieges zu einer Art Opfergang hoch, der angesichts der militärischen Gesamtlage notwendig sei:

„Trotz Kenntnis von der Schwere der Verluste, trotz vieler Verfolgungen und Strapazen lässt sich der U-Boot-Fahrer nicht unterkriegen. Hart gegen sich und das Schicksal, den Gegner hassend, an seine Waffe und den Sieg glaubend geht es immer wieder hinaus in den ungleichen Kampf.“

Kapitänleutnant Eck wird diese Worte zumindest dem Sinn nach gekannt haben und es ist davon auszugehen, dass er ihnen gerecht werden wollte.

In den ersten Wochen verlief die Fahrt von U 852 problemlos. Eck führte sein Boot sicher in den Atlantik und hatte damit erfolgreich den ersten gefährlichen Abschnitt der Operation gemeistert.

Am Nachmittag des 13. März 1944 kam es im Südatlantik zu einer schicksalhaften Begegnung zwischen dem griechischen Frachter Peleus und U 852. Kapitänleutnant Schnee hatte Eck darauf hingewiesen, dass sein Kampfauftrag darin bestand, Penang zu erreichen. Falls er aber im Atlantik auf eine „fette Prise“ träfe, stünde es in seinem Ermessen, das gegnerische Schiff anzugreifen.

Der Kommandant von U 852 wollte die Chance nutzen. Bis Einbruch der Dunkelheit verfolgte er den griechischen Frachter und versenkte dann den Kauffahrer mit zwei Torpedos. Die Peleus sank schnell, doch am Sehrohr konnte der Kommandant von U 852 beobachten, dass einige Überlebende sich auf Wrackteile gerettet hatten. Das deutsche Unterseeboot tauchte auf, und Eck ließ einen Offizier des Handelsschiffes an Bord holen, um ihn verhören zu lassen. Danach schickte er ihn wieder zurück.

Anschließend gab Eck Befehl, eine halbe Seemeile abzulaufen. Er ließ Maschinengewehre und Handgranaten auf den Turm seines Bootes bringen. U 852 nahm wieder Kurs auf die Stelle, an der die Peleus untergegangen war.

Eck, ein Wachoffizier, ein Matrose und der Bordarzt beschossen nun fünf Stunden lang die Wrackteile und wollten sie versenken. Der Kommandant von U 852 fürchtete, dass die auf dem Wasser treibenden Trümmer von der alliierten Luftwaffe entdeckt werden könnten. Nach mehreren Stunden gab Eck sein Vorhaben auf, denn es war nicht gelungen, die Wrackteile zu vernichten.

U 852 verließ jetzt das Seegebiet. Anscheinend hatten die Ereignisse bei der Besatzung ihre Spuren hinterlassen. Eck informierte die Matrosen über Bordmikrofon von dem Vorfall und erinnerte an die alliierten Luftangriffe gegen deutsche Städte, denen auch Frauen und Kinder zum Opfer fielen.

Am 1. April 1944 versenkte U 852 den Frachter Dahomian bei Capetown an der südafrikanischen Küste.

Das Boot umrundete anschließend das Kap der Guten Hoffnung und wurde vor der Küste Ostafrikas von einem alliierten Flugzeug schwer beschädigt. Eck konnte mit U 852 noch Land erreichen und seine Besatzung retten.

Im Wrack fanden die Engländer das Kriegstagebuch. Die Aufzeichnungen gaben Aufschluss über die Versenkung der Peleus und führten dazu, dass gegen Kapitänleutnant Heinz Eck, den Schiffsarzt, zwei Wachoffiziere und einen Mannschaftsdienstgrad ein Kriegsverbrecherprozess in Hamburg eröffnet wurde.

Prozess und Verurteilung

Das Gericht bestand aus britischen und griechischen Offizieren. Vier Prozesstage waren vorgesehen. Angelsächsisches Prozessrecht bildete die Rechtsgrundlage. Die Verhandlung wurde von Dolmetschern übersetzt. Die Anklage lautete, Eck und die Mitangeklagten hätten mit seinen Befehlen gegen geltendes Kriegsvölkerrecht verstoßen.

Am ersten Prozesstag beantragte ein Verteidiger das Verfahren zu vertagen, um der Verteidigung mehr Zeit zur Vorbereitung zu geben. Das Gericht lehnte den Antrag ab.

Die Anklage begründete den Strafantrag mit der Verletzung internationalen Rechts. Die Verteidigung versuchte nachzuweisen, dass Eck keinen Tötungsvorsatz gehabt hätte und die Versenkung der Überreste der Peleus eine militärische Notwendigkeit gewesen sei.

Der Sachverhalt, die Schüsse und der Einsatz von Handgranaten wurden nicht in Abrede gestellt. Allerdings versuchte die Verteidigung, Ecks Handlungen als militärisch notwendig darzustellen.

Das Gericht folgte dieser Argumentation nicht und billigte dem Kommandanten, dem Wachoffizier und dem Bordarzt keine mildernden Umstände zu. Sie wurden zum Tode verurteilt. Ein Offizier erhielt eine lebenslange Haftstrafe; ein Mannschaftsdienstgrad 15 Jahre Haft.

Der britische Militärbefehlshaber bestätigte die Urteile.

Eck nahm im Prozess die volle Verantwortung auf sich. Als er am Morgen des 30. November 1945 vor dem Erschießungskommando stand, verzichtete er auf eine Augenbinde.

Ein mehr als fragwürdiges Urteil

Zweifellos hatte sich Eck eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht. Der Kapitänleutnant traf in einer Belastungssituation eine falsche Entscheidung. Der Marineoffizier Helmut Schmoeckel räumt ein, dass Eck gegen geltendes Kriegsvölkerrecht und traditionelle Führungsprinzipien der deutschen Kriegsmarine verstoßen hätte, kritisiert jedoch das Strafmaß:

„Der Kommandant hat zwar nicht aus Hass oder Menschenverachtung gehandelt, sondern aus Furcht, von feindlichen Flugzeugen entdeckt zu werden. Dieser Tatbestand hätte in einem fairen Prozess berücksichtigt werden müssen, was zu einer milderen Strafe geführt hätte.“

Vergleichbare Verbrechen von englischen und amerikanischen Kommandanten wären nicht bestraft worden. Dwight R. Messimer, ein Historiker vom U.S. Naval Institute, kam 1998 zu dem Urteil:

„Regardless of whether or not Heinz Eck and the others were guilty of war crimes, poor judgment, or of just following orders, the outcome of the trial was Siegerjustiz.”

Messimer beschäftigte sich intensiv mit dem “Fall Eck”. Seiner Meinung nach überschätzte der Kapitänleutnant die Warnungen von Schnee vor Luftangriffen. Natürlich konnten Wrackteile als Indiz für die Nähe eines deutschen Unterseebootes gewertet werden. Es wäre aber besser gewesen, die Untergangsstelle möglichst schnell zu verlassen.

Die Zusammensetzung des Gerichts – Sieger urteilten über Besiegte – wecken auch in meinen Augen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens. Den Verteidigern hätte man mehr Zeit für die Vorbereitung einräumen müssen. Der Vorsitzende des Gerichts schien von Anfang an von der Schuld der Angeklagten überzeugt gewesen zu sein, was seiner Verhandlungsführung anzumerken war.

Kapitänleutnant Heinz-Wilhelm Eck – ein Fazit

War Heinz Eck zur Führung eines Unterseebootes befähigt?

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Vortrag von Kapitän zur See Wolfgang Lüth aus dem Jahr 1943. Lüth, einer der erfolgreichsten U-Boot-Kommandanten der Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg, wies daraufhin, dass der Geist einer Besatzung im Wesentlichen vom Erfolg des Kommandanten abhängig sei. Ihm und seinen Offizieren fiel die Aufgabe zu, während der eintönigen und ungesunden Fahrt die Haltung der Besatzung zu prägen. Fachliche Kompetenz und eine einwandfreie und vorbildliche Haltung seien die Voraussetzungen, die ein U-Boot-Kommandant mitbringen müsse.

Legt man diese Maßstäbe zugrunde, dann hat sich Heinz Eck – abgesehen von seinem Verhalten nach der Torpedierung der Peleus – seiner Aufgabe voll gewachsen gezeigt. Er versenkte zwei Frachter mit etwas mehr als 9000 Bruttoregistertonnen in einem Seegebiet, in dem deutsche Boote schon lange nicht mehr zu Erfolgen gekommen waren. Nachdem ein Flugzeug sein Boot schwer beschädigt hatte, konnte er den größten Teil seiner Besatzung retten.

Der Prozess gegen Eck spielt im Vergleich mit den anderen Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen eine Nebenrolle. Erst der Journalist und Schriftsteller Hans Herlin machte den Fall Eck in seinem Buch „“Verdammter Atlantik“, das 1959 in erster Auflage erschien, der Öffentlichkeit bekannt.

Das Grab des Offiziers ist seit 2006 nicht mehr aufzufinden.

Literatur:

Hellmut Diwald, Die Erben Poseidons. Seemachtpolitik im 20. Jahrhundert, München

Hans Herlin, Verdammter Atlantik, 13. Aufl. , München 1983

Peter Padfield, Dönitz. Des Teufels Admiral, Berlin, Frankfurt/M., Wien 1984

http://www.uboat.net/articles/index.html?article=18&page=5 (Hier findet man den Beitrag von Dwight R. Messimer).

Helmut Schmoeckel, Völkerrecht und Fairness im Seekrieg, Einhaltung und Verstöße, in: Hans Poeppel, Wilhelm Karl Prinz von Preußen, Karl-Günther von Hase (Hrsg.): Die Soldaten der Wehrmacht, 6. Aufl., München, 2000, S. 324-360