Königgrätz – eine Schlacht veränderte Europa

Königgrätz – eine Schlacht veränderte Europa. Das preußische Heer schlug am 3. Juli 1866 die Österreicher. Friedrich Engels, im 19. Jahrhundert als Militärschriftsteller nicht unbekannt, veröffentlichte am Tage der Schlacht einen Zeitungsartikel, in dem er sich kritisch über die preußische Strategie äußerte. Internationale Beobachter schätzten die österreichischen Truppen recht hoch ein. Doch es kam alles ganz anders.

Preußen fordert Österreich heraus

1866 gehörten Preußen und Österreich dem Deutschen Bund an und rangen dort um die Vorherrschaft. Noch zu Beginn der fünfziger Jahre galt Österreich als Vormacht in Deutschland. Bismarck betrieb seit seiner Berufung zum Ministerpräsidenten in Preußen 1862 eine gegen Habsburg gerichtete Politik.

Nach dem Sieg über Dänemark 1864, der dazu geführt hatte, dass Berlin und Wien sich die Verwaltung der annektierten Provinzen Schleswig, Holstein und Lauenburg teilten, setzte er ab 1865 zunehmend auf Konfrontation. König Wilhelm von Preußen und sein Sohn, der Kronprinz, rieten zur Vorsicht. Eine wichtige Größe in diesem diplomatischen Machtpoker stellte Frankreich dar. Beide Seiten bemühten sich um Napoleon III. der damals auf dem Höhepunkt seiner Macht stand.

Noch im Februar 1866 schien eine Verständigung zwischen den beiden deutschen Mächten möglich. Doch im Frühling überschlugen sich die Verhältnisse. Am 8. April 1866 schloss Bismarck mit Italien ein Bündnis, das sich gegen Wien richtete. Einen Tag präsentierte der preußische Vertreter in Frankfurt einen „Bundesreformplan“, der vorsah, die Bundesversammlung solle in Zukunft aus direkten Wahlen nach dem allgemeinen Stimmrecht hervorgehen. Bis jetzt hatten sich in der alten Krönungsstadt des Heiligen Römischen Reiches die Vertreter der Regierungen getroffen. Die Situation des preußischen Ministerpräsidenten sah nicht günstig aus, aber der preußische Ministerpräsident hatte das Glück, dass in Wien die Kriegspartei die Oberhand gewann. Nun stimmte auch der preußische König einer Mobilmachung zu, die am 10. Mai abgeschlossen war.

Wien führte die Auseinandersetzung nun in Frankfurt weiter und warf die Frage nach der Zukunft einer gemeinsamen Verwaltung der 1864 erworbenen norddeutschen Herzogtümer auf. Berlin ließ als Reaktion seine Truppen in Holstein einmarschieren. Damit war endgültig eine bilaterale Klärung unmöglich. Bismarck brachte noch einmal den Plan einer Bundesreform auf die Tagesordnung. Die österreichische Regierung betrachtete das preußische Vorgehen in Norddeutschland als Vertragsbruch und beantragte am 11. Juni 1866 die Mobilisierung des nichtpreußischen Bundesheeres. Drei Tage später stimmte die Bundesversammlung dem zu. In Berlin betrachtete man den Deutschen Bund für erloschen, während die Bundesratsmehrheit darauf bestand, dass Preußen an den Verhandlungstisch zurückkehren sollte. Doch Bismarck war zu keinen Verhandlungen bereit. Es kam zum Krieg.

Die günstigen Prognosen von Friedrich Engels schienen zuerst zuzutreffen. Am 24. Juni 1866 besiegten die habsburgischen Truppen die Italiener bei Custozza. In Deutschland mussten die preußischen Grenadiere bei Langensalza eine Schlappe hinnehmen. In der letzten Schlacht in der Geschichte der hannöverschen Armee konnten die Welfen bei Langensalza den Sieg an ihre Fahnen heften. Doch alle Tapferkeit der Hannoveraner half nichts: Der König des mittelgroßen Flächenstaates musste sein Land verlassen und starb Jahre später im Wiener Exil. Strategisch gesehen hatte Preußen einen Erfolg errungen und Hannover in Besitz genommen.

Die Entscheidung musste in Böhmen fallen. Drei preußische Armeen marschierten getrennt auf und nutzten die Eisenbahn als Transportmittel. Der Feldzugsplan, den der Chef des Generalstabes, Hellmuth von Moltke, entworfen hatte, war nicht ohne Risiken. Getrennt marschieren, vereint schlagen – das setzte voraus, dass der Transport der Truppen ohne Verzögerung geschah.

Moltke als Chef des Generalstabes war der führende Kopf der preußischen Operationsführung. Seine dezentrale Kommandoführung setzte auf die Auftragstaktik und ließ den unterstellten Feldkommandeuren viel Freiraum. Ihre Generalstabsoffiziere hatten gelernt, größere Truppenbewegungen mithilfe des neuen Transportmittels zu organisieren.

Die österreichischen Truppen standen unter dem Oberkommando von Generalfeldzeugmeister Ludwig Ritter von Benedek. Der gebürtige Ungar hatte sich in Italien einen Namen gemacht.  Während seiner Karriere bewährte er sich als tüchtiger und tapferer Offizier. Zu seiner Überraschung wurde er nach Kriegsbeginn aus Italien abberufen und nach Böhmen versetzt, wo er den Oberbefehl über die Nordarmee übernehmen sollte. Benedek folgte dem Befehl, machte allerdings keinen Hehl daraus, dass er diesen Kriegsschauplatz gar nicht kannte und ihm die Zeit fehlte, sich mit dem neuen Operationsgebiet vertraut zu machen. Außerdem befand sich die Nordarmee in einem desolaten Zustand. Im Gegensatz zur preußischen Seite fehlte im habsburgischen Oberkommando ein Feldzugsplan. Auf beiden Seiten standen sich etwas mehr als 200 000 Soldaten gegenüber – die Preußen waren leicht überlegen.

Als Nachteil erwies sich, dass die habsburgischen Truppen nicht über ausreichendes und gutes Kartenmaterial verfügten. Benedek hatte fast seine gesamte Dienstzeit in Italien verbracht. Ein funktionierender Generalstab hätte diesen Nachteil ausgleichen können. Zwar hatte man in den letzten Jahren versucht, in Wien ein Stabssystem aufzubauen, aber mit dem preußischen Generalstab konnte sich das österreichische System nicht vergleichen. Benedek fehlte es an geschulten Beratern. Der amerikanische Historiker Gordon A. Craig berichtete die Anekdote, dass das „Kriegsspiel“, also eine Planübung, in der Offiziere am „grünen Tisch“ ihre Führungsfähigkeiten unter Beweis stellen sollten, als lächerlich abgetan wurde: Im Gegensatz zum Kartenspiel könne man doch nichts gewinnen. Ein Offizier, der für aktuelle Geländekarten außerhalb Österreichs sorgen sollte, verbrachte seine Zeit lieber im Spielkasino; Kartenmaterial gäbe es in jeder guten Buchhandlung, und eine Karte lesen, das lerne jeder Leutnant.

Als oberste Tugend eines Offiziers und eines Soldaten in der habsburgischen Armee galten Mut und Tapferkeit – und daran sollten die Österreicher ihren Gegnern bei Königgrätz um nichts nachstehen.

Die Schlacht von Königgrätz

Benedek hatte am 3. Juli 1866 bei Königgrätz mit seinen Truppen eine Verteidigungsstellung bezogen. Seine Aufklärung meldete ihm, dass er es zunächst mit zwei gegnerischen Armeen zu tun hätte und die Dritte noch zu weit entfernt war. Benedek ging damit das Risiko ein, sich einer Umfassung auszusetzen. Der österreichische General wollte aus der Nachhand den Gegner schlagen, also erst seine Offensive abwarten, um dann mit der eigenen Reserve den Gegenstoß zu führen.

Am Vormittag des 3. Juli schien es für kurze Zeit so auszusehen, als ob sein Plan Aussicht auf Erfolg hätte. Die Österreicher kämpften tapfer und gingen an einigen Stellen zum Gegenangriff über. Doch gerade diese Entscheidung sollte zu den Fehlern gehören, die zur Niederlage führen sollten. Benedek hatte – wegen des überlegenen preußischen Infanteriegewehrs – Stellungen beziehen lassen, in denen die habsburgische Infanterie in guter Deckung die preußischen Angriffe erwartete. Die auf Anordnung österreichischer Unterführer eingeleiteten Konterattacken verspielten diesen Vorteil.

Die Schlacht war entschieden, als der preußische Kronprinz mit seiner Armee auf dem Schlachtfeld erschien und sie geistesgegenwärtig in den Kampf warf. Schnell gelang es ihm, eine Schlüsselstellung der Österreicher zu erobern. Benedek setzte seine Reserven zum Gegenangriff ein, aber die Preußen konnten die Stellung halten. Damit war die Schlacht entschieden.

Seit dem frühen Nachmittag ging es für das österreichische Oberkommando nur noch darum, eine vernichtende Niederlage zu verhindern. In diesen Nachmittagsstunden bewies Benedek seine Qualitäten und leitete den Rückzug der Elbarmee meisterhaft. Aber er konnte nicht mehr tun, als die Niederlage zu begrenzen.

Fasst man die Ursachen für den Verlust der Schlacht zusammen, dann wird der Einfluss des preußischen Zündnadelgewehrs nicht mehr so hoch eingeschätzt wie früher. Die Österreicher verloren die Schlacht, weil sie schlecht ausgerüstet und vorbereitet waren, weil Teile des Offizierkorps es an taktischer Disziplin fehlen ließen und weil man in Wien nicht die Bedeutung eines gut funktionierenden Stabssystems erkannt hatte.

Königgrätz – mehr als eine Niederlage

Benedek gehört zu jenen unglücklichen Führungspersönlichkeiten, deren Ruf trotz einer vorbildlichen Laufbahn durch eine Niederlage verdunkelt wird. Moltkes genialer Aufmarsch, das sprichwörtliche Glück des Tüchtigen und Fehler der mittleren habsburgischen Truppenführer entschieden den Tag für Berlin.

Königgrätz war mehr als eine Niederlage – es war das Ende einer Epoche. Am 26. Juli 1866 kam es zu einem Vorfrieden, dem später der Frieden von Prag folgte. Bismarck musste seine ganze Energie aufwenden, um den preußischen König davon abzuhalten, als Sieger in Wien einzumarschieren.

Der preußische Ministerpräsident wollte in erster Linie den Deutschen Bund auflösen, Preußen als Vormacht in Deutschland etablieren, und Frankreich keinen Grund zum Eingreifen geben. Ihm schwebte die Reichseinheit ohne Österreich vor. Seit dem Mittelalter hatte Habsburg eine zentrale Rolle in Deutschland gespielt, aber Bismarck war kein politischer Romantiker. Bei der Neugestaltung der politischen Landkarte kannte er als Konservativer keine dynastischen Skrupel. Das Königreich Hannover verschwand von der Landkarte, und auch andere deutsche Fürstentümer wie Nassau, Hessen-Kassel und die Freie Stadt Frankfurt am Main wurden zu preußische Provinzen.

Österreich verpflichtete sich, in Zukunft keinen Einfluss mehr auf innerdeutsche Angelegenheiten zu nehmen. Ein Jahr später kam es zum Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867. Kaiser Franz-Joseph wurde zum ungarischen König gekrönt; in Budapest trat ein ungarischer Reichstag zusammen. Wien orientierte sich in Richtung Balkan und blieb als Vielvölkerstaat bis 1918 erhalten.

Darin liegt die Bedeutung von Königgrätz, einer blutigen Schlacht, die die politischen Verhältnisse in Europa grundlegend verändern sollte. Und auch ein Friedrich Engels kann sich irren.