Fritz J. Raddatz – Tagebücher 1982 bis 2001

Warum erscheint eine Besprechung der Tagebücher von Fritz J. Raddatz in der Rubrik „Bonner Republik“?

Fritz J. Raddatz (1931 bis 2015) studierte in Berlin (Ost) und wurde 1958 mit einer Arbeit über Johann Gottfried Herder promoviert. Zwei Jahre später siedelte er in die Bundesrepublik über. 1971 habilitierte er sich bei Hans Mayer an der TH Hannover. Er arbeitete als Cheflektor im Rowohlt Verlag und leitete von 1976 bis 1985 das Kulturressort der „ZEIT“. Wegen eines fehlerhaften Goethezitats musste er diesen Posten abgeben und erhielt befristete Verträge. Ein „typisch westdeutscher Lebenslauf“ ist das nicht, aber Raddatz prägte die westdeutsche Literaturszene nachhaltig.

Man liest über ein Abendessen bei der Gräfin Dönhoff; ein Treffen mit Maximilian Schell und immer wieder Günter Grass: Die Tagebücher von Raddatz ersetzen eine Literatur – und Gesellschaftsgeschichte.

Ein bekannter Publizist besuchte am 22. Januar 1983 einen bekannten Schauspieler in München. Beide sind Anfang 50. Der Journalist notiert über den Anblick des Schauspielers, der früher schön war wie ein junger Gott:

„Der erste Schock: Da saß ein rückenkrummer, ältlich und auseinandergelaufen aussehender Maximilian Schell, mit dicken Ringen unter den Augen und einer Strickjacke an. Nix mehr vom einstigen Film-Beau und Tennissstar-haften.“

Bei dem Schauspieler handelte es sich um Maximilian Schell; der Journalist war Fritz J. Raddatz. Schell führte ihm den Mittschnitt eines Films vor, den er über und mit Marlene Dietrich gemacht hatte, die zu diesem Zeitpunkt ihre Wohnung in Paris nicht mehr verließ. Danach lud ihn der Schauspieler in seine Wohnung ein. Raddatz war entsetzt:

“ … ein unordentlicher, leicht schmuddeliger Junggesellenhaushalt, ungemütlich und auch häßlich, lieblos eingerichtet – – – und dabei die wundervollsten Kunstgegenstände an der Wand, Picasso (ihm gewidmet), Rothko, Chagall, Giacometti. Aber auf dem Tisch eine Decke mit kleinen, eingestickten Weihnachtsbäumen – und AM Tisch ein müder, resignierter Mann, der seinen Beruf nicht mehr mag und nicht weiß, welchen anderen er ausüben soll. Das Essen – Büchsensuppe und Geschnetzteltes – war um 18. Uhr vorbei!“

Der Leser spürt den leichten Ekel, aber auch die Enttäuschung über ein Idol, das keines mehr ist und das nun in einer etwas schmuddeligen Wohnung inmitten von Kunstwerken sitzt, die er mit einer Tischdecke kombiniert, die aus dem Supermarkt stammen könnte – wo sehr wahrscheinlich auch die Büchsensuppe gekauft wurde.

Raddatz war ein einflussreicher und umstrittener Publizist. Seine Biografie über Karl Marx, die 1975 erschien, wurde von dem in der DDR lebenden Philosophen Wolfgang Harich im Nachrichtenmagazin SPIEGEL „zerrissen“. Günter Grass musste seinen Freund, ebenfalls im SPIEGEL, wieder herauspauken. Raddatz und Grass sekundierten einander noch weiter im deutschen Literaturbetrieb. Raddatz richtete Grass den 60. Geburtstag aus, aber der hielt es nicht für nötig sich zu bedanken, wie der Journalist enttäuscht notierte.

Dass macht den Wert dieser Tagebücher aus: Unverblümt sagt Raddatz seine Meinung; sein Urteil saust hinab wie ein Fallbeil. Die berüchtigte Schlangengrube muss im Vergleich zum deutschen Literaturbetrieb ein angenehmer Ort sein. Der Leser erfährt von Zänkereien, Eifersüchteleien und Verlogenheit:

„Habermas fällt über Enzensberger her, der hält nichts von Habermas, Enzensberger mokiert sich – schweigend, aber im Gespräch mit mir – über Walser (‚ichgestört ist eines seiner neuen Lieblingsworte) -, und Handke fällt über Enzensberger her – – – – – – alle zusammen Autoren des Suhrkamp Verlages.“

Manchmal scheint es, Raddatz fühle sich andauernd beleidigt. Unter dem Datum 16. August 1984 notiert er über eine Abendgesellschaft im Hause der ZEIT-Herausgeberin, Marion Gräfin Döhnhoff, an der neben ihm unter anderem auch Günter Grass und der Regierende Bürgermeister von Hamburg, Klaus von Dohnanyi, teilnahmen:

„Er richtete ni EIN Kompliment an Grass ni an Wunderlich à la: ‚Ich bin ein Bewunderer Ihrer Werke…‘. Dann ist er‘ s entweder nicht oder zu arrogant, es zu sagen. Am Rande der Unhöflichkeit.“

Der Politiker interessierte sich nicht für die von Raddatz angeregte Kunststiftung, ja, er langweilte die Runde gar mit den Problemen der Hamburger Müllabfuhr. Und das Essen war für den Feinschmecker Raddatz eine Zumutung:

„Wenn das Ganze doch bei besserem Essen beerdigt worden wäre. Aber die Abende bei der Gräfin (ist sie nun geizig oder tatsächlich so unkultiviert?) sind immer ein Cauchemar, was das Lukullische betrifft: ein Eiersalat mit Thunfischkonserve und rote Grütze aus Suppentassen, als habe sie nicht mal Kompottschüsseln. Dazu 3 – drei! – Flaschen Wein, jedesmal eine andere Sorte und hinterher Schladerer Kirchwasser. Selbst Grass, der nun nicht Messerbänkchen und Dom Pérignon fordert oder gewohnt ist, sagte hinterher im Auto: ‚ Bewirtet denn die Frau auf so einfältige Art und Weise ihre internationalen Gäste?‘. Wütend noch im Anschluss zu mir, wo wir uns, mehr frustriert als hungrig, auf dicke Schinkenbrote stürzten.“

Fritz J. Raddatz ist ein Feinschmecker, ein Dandy, und wenn Trauergäste bei der Urnenbeisetzung des Schriftstellers Hubert Fichte im „kleinen Schwarzen“ erscheinen, dann war das „kleinbürgerlich.“ Angewidert notierte er, dass der Fischer-Verlag, der Fichte druckte, noch nicht einmal einen Kranz schickte, und die Witwe danach die Trauergäste zum Umtrunk in die Wohnung bat.

Doch der Egomane Raddatz erlebt auch Momente der Selbstironie und der Selbstzweifel:

„An mir bemerke ich etwas ziemlich Unangenehmes: Ich ‚prunke‘ mit meinen Sachen, als hätten nicht andere Leute auch ein paar Bilder an der Wand und ordentliches Geschirr oder Besteck; ich sitze da und marktschreie ‚Gallé‘ oder ‚Majorelle‘ oder lasse die Leute nicht lässig selber das Besteck betrachten, sondern belehre sie, daß es von Heinrich Vogler entworfen ist. Zeichen der Einsamkeit (daß ich mit den Menschen nicht mehr, dafür mit den Dingen spreche)?“

Der Literaturbetrieb erscheint als Ansammlung von Klatschtanten, die bei jeder Gelegenheit über sich herziehen: Rolf Hochhuth beschwert sich bei Raddatz über Peter Wappnewski, der in seiner Trauerrede auf August Everding Hochuth nicht erwähnte; Grass beklagt sich darüber, dass man seinen Einfluss auf die internationale Literatur nicht würdigt. Und auch Raddatz fühlt sich nicht ausreichend gewürdigt: Da begrüßt ihn ein Schauspieler wie Harald Juhnke, Herr Juhnke genannt, mit den Worten: „Ich bin ein FJR-Fan.“

Ja, so tief kann man sinken. Das ist fast so wie Büchsensuppe und Geschnetzeltes in einer angeschmuddelten Wohnung. Da helfen auch keine Bilder von Picasso mehr.

Es lohnt sich, die Tagebücher von Fritz J. Raddatz zu lesen.

Fritz J. Raddatz, Tagebücher 1982 bis 2001, Hamburg 2012 (Rowohlt Taschenbuch Verlag)