Deutschlands letzte strategische Offensive

Deutschlands letzte strategische Offensive im Zweiten Weltkrieg begann am 16. Dezember 1944.

Noch einmal traten deutsche Armeen im Westen zum Angriff an. Hier wollte Hitler seinen „großen Sieg“ erringen. Der Rundfunk brachte nach langer Zeit wieder Meldungen, in denen das Wort Angriff benutzt wurde.

Welche Ziele verfolgte die deutsche Führung mit diesem Unternehmen, das als Ardennenoffensive in die Geschichte eingegangen ist? Und wie kam es zu diesem Entschluss?

Hitler als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht

Die Ardennenoffensive war in erster Linie Hitlers Idee. Dieses Unternehmen zeigt beispielhaft die Grundsätze, von denen sich der Diktator als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht und als Oberbefehlshaber des Heeres in der Schlussphase des Krieges leiten ließ.

Bis Ende April 1945 hielt er täglich zwei Lagebesprechungen ab, die mehrere Stunden dauerten. Die wenigen Protokolle dieser Besprechungen, die erhalten geblieben sind, zeigen einen Diktator, der einerseits weitschweifige Erklärungen abgab, aber auf der anderen Seite keineswegs ein militärischer Dilettant gewesen war – wie nach dem Krieg nicht selten von Militärs in ihren Memoiren behauptet worden ist.

Der Chef des Wehrmachtführungsstabes, Generaloberst Alfred Jodl, gab in Kriegsgefangenschaft zu Protokoll:

„Im Lauf der letzten Jahre wurden natürlich Entscheidungen im Osten getroffen, die nur schwer zu verstehen und von einem rein militärischen Standpunkt aus nicht zu verantworten sind. In den ersten Kriegsjahren hatte sich gezeigt, dass er häufig Recht hatte und der Generalstab sich irrte, und das führte später zu einem wachsenden Misstrauen gegenüber unseren Rückschlägen. Als sich das OKW (Oberkommando der Wehrmacht, die Verfasserin) für den Rückzug aus dem Osten aussprach, war er dagegen, weil er glaubte, dass dies nur ein weiteres Zeichen der Schwäche und des übermäßigen Konservatismus sei. Er hatte zu wenig unmittelbaren Kontakt zu den Truppen, und so gründeten einige seiner Entscheidungen in der späteren Periode nicht auf den militärischen Gegebenheiten. Wenn man aber das Gesamtbild betrachtet, so bin ich überzeugt, dass er ein großer militärischer Führer war. Sicherlich könnte doch kein Historiker sagen, dass Hannibal ein schlechter General gewesen sei, nur weil am Ende Karthago zerstört wurde.“

Jodl war zwischen 1939 und 1945 der engste militärische Berater des Diktators und hatte an ca. 5000 Lagebesprechungen teilgenommen. Auch wenige Wochen nach dem Krieg konnte er sich immer noch nicht von der Faszination lösen, die ihn zwischen 1933 und 1938 vom Kritiker des Nationalsozialismus zu einem der Bewunderer Hitlers gemacht hatten. Doch der Generaloberst gehörte auch zu den wenigen Militärs, die dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht zuweilen widersprachen. Abgesehen von dem ahistorischen Vergleich mit Hannibal gab Jodl hier eine realistische Beurteilung der Stärken und Schwächen Hitlers zu Protokoll.

In den letzten Jahren des Krieges überschätzte der Diktator die Möglichkeiten der Wehrmacht. Für Niederlagen und Fehlschläge machte er die Frontkommandeure verantwortlich. Dass die Truppe gegen zahlen- und materialmäßig überlegene Gegner teilweise übermenschliche Leistungen vollbrachte, ignorierte er. Nur selten verließ Hitler sein Hauptquartier, und wenn er einen Kriegsschauplatz besuchte, dann endete die Reise im Stabsquartier eines Generals. Die Front sah er nie. Fuhr sein Sonderzug durch bombardierte Städte, ließ er die Vorhänge zuziehen, weil er den Anblick der rauchenden Trümmer und der Verwundeten nicht ertragen wollte.

Generalfeldmarschall Erich von Manstein, der vielleicht fähigste Truppenführer des deutschen Heeres im Zweiten Weltkrieg, widersprach in seinem Buch „Verlorene Siege“ der Behauptung, Hitler wäre als militärischer Führer völlig unfähig gewesen. Er hätte „operative Möglichkeiten“ erkannt. Allerdings – so der Feldmarschall – wäre der Diktator nicht bereit gewesen, Schwerpunkte zu setzen und an Nebenfronten Kräfte einzusparen. Manstein hielt aber im Gegensatz zu Jodl den Diktator nicht für einen großen militärischen Führer. Wäre es zu einer echten Zusammenarbeit zwischen dem talentierten Laien Hitler und dem Generalstab gekommen, so von Manstein, hätte der talentierte Laie die militärischen Spezialisten unterstützen können.

Der Historiker Bernd Wegner kommt bei der Beurteilung der militärischen Fähigkeiten des Diktators zu einer etwas anderen Einschätzung:

„Mag der Vorwurf professioneller Inkompetenz und Starrhalsigkeit in Bezug auf die rein operative Kriegsführung noch eine gewisse Berechtigung besitzen, bestätigt er sich hinsichtlich der strategischen Ebene jedenfalls nicht. Hitler verfügte schon seit Kriegsbeginn über ein im Vergleich zur großen Mehrheit seiner Generäle sehr viel moderneres und komplexeres Kriegsbild sowie über ein relativ schärferes Bewusstsein von den Anforderungen eines gesamtgesellschaftlichen Krieges. Dass er dies unter den strukturellen Bedingungen seines Regimes nicht umzusetzen vermochte, steht auf einem ganz anderen Blatt.“

Hitler diskutierte mit seinen militärischen Ratgebern nur über Details der operativen Planung. Strategische Fragen, die in den Grenzbereich zwischen Kriegführung und Außenpolitik fielen, entschied er alleine. Dass ihn Feldmarschall Rommel im Juli 1944 mit der Frage konfrontierte hatte, ob es noch Sinn hätte, den Krieg weiterzuführen, empfand er als Verrat:

„Er (Rommel, die Verfasserin) hat das Schlimmste getan, was es in einem solchen Fall überhaupt für einen Soldaten geben kann: nach anderen Auswegen gesucht als nach militärischen.“

Gleichzeitig äußerte er die Absicht, dass er als „Führer“ des deutschen Volkes trotz aller Rückschläge eine politische Lösung anstrebte. Der Diktator setzte darauf, dass es zu einem Bruch zwischen den Westmächten und der Sowjetunion kommen würde. Bis dahin müsse man den Kampf fortsetzen, um so wörtlich, einen „anständigen“ Frieden zu erreichen:

„Wir werden uns schlagen, wenn nötig sogar am Rhein. Das ist völlig gleichgültig. Wir werden unter allen Umständen diesen Kampf so lange führen, bis, wie Friedrich der Große gesagt hat, einer unserer verfluchten Gegner es müde wird, noch weiter zu kämpfen, und bis wir dann einen Frieden bekommen, der der deutschen Nation für die nächsten 50 oder 100 Jahre das Leben sichert, und der vor allem unsere Ehre nicht ein zweites Mal so schändet, wie es im Jahre 1918 geschehen ist; denn dieses Mal könnte man auch nicht mehr schweigen. Damals hat man darüber geschwiegen.“

Diese Äußerungen zeigen, dass Hitler den Kontakt zur Realität verloren hatte Er ging, wie Generaloberst Alfred Jodl nach dem Krieg gesagt hatte, nicht mehr von den militärischen Gegebenheiten aus. Der Vergleich mit Friedrich II. war abwegig. Der preußische König überstand den Siebenjährigen Krieg nur, weil Russland 1762 aus der antipreußischen Koalition ausschied. Außerdem war ein Krieg des 18. Jahrhunderts nicht mit dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Friedrich der Große konnte die Vorteile der „inneren Linie“ nutzen. Ein Land, das gegen mehrere Gegner an verschiedenen Fronten Krieg führt, hattte damals kürzere Anmarschwege, konnte seine Truppen schneller konzentrieren und war mit dem Gelände vertrauter.

Im Zweiten Weltkrieg wirkte sich dieser Vorteil kaum noch aus. Englische und amerikanische Bomber konnten ab 1944 Truppenverschiebungen innerhalb des Reiches behindern oder zumindest zeitlich verzögern. Auch große Flüsse stellten kein unüberwindbares Hindernis mehr dar. Die Ostfront erwähnte Hitler gar nicht, anscheinend bereitete ihm im Hochsommer 1944 in erster Linie der Vormarsch der Westmächte Sorgen. Der Verweis auf 1918 gehörte zum Standardvokabular seiner Durchhaltereden.

Der Diktator, aber auch viele Generäle und Admiräle der Wehrmacht hatten das Kriegsende 1918 als junge Soldaten erlebt und waren davon überzeugt, dass Deutschland im Ersten Weltkrieg voreilig um Frieden gebeten hätte. Noch einmal wollten sie dieses Schicksal nicht erleben. Das fehlgeschlagene Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 steigerte zusätzlich die Loyalität im Offizierkorps. Der Diktator und sein Regime waren am Ende, aber er wollte dies um keinen Preis zugeben und viele Militärs folgten ihm dabei.

Glaubte Hitler im Dezember 1944 noch an die Möglichkeit, eine Wende herbeizuführen?

Bernd Wegner, einer der renommiertesten deutschen Experten für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, geht dagegen von der These aus, dass Hitler ab 1941/42 von der Niederlage überzeugt war. Er und seine „Paladine“ hätten das Ende als „Choreographie des Untergangs“ inszeniert. Indem sie sich als „Helden“ sahen, die bis zum Schluss kämpfen, hätten sie sich die „Freiheit und Autonomie menschlichen – genauer gesagt: männlichen – Willens“ bewiesen: Konnte man den Krieg nicht gewinnen, so hatte man wenigstens die Möglichkeit, die Niederlage als tragische Katastrophe zu gestalten. Diesem Grundprinzip wären Hitler und die Wehrmachtführung gefolgt.

Die Generalität in der Schlussphase des Krieges

Hohe Offiziere besaßen selten ein vollständiges Bild von der militärischen Gesamtlage. Generaloberst Heinrich von Vietinghoff-Scheel, der am Schluss des Krieges den Oberbefehl an der Italienfront führte, meinte nach dem Krieg, dass von ca. 1250 Generälen nur ungefähr 50 einen Überblick über die wahren Kräfteverhältnisse besessen hätten. Warum folgte das höhere Offizierkorps Hitler?

Die Wehrmacht beruhte wie andere Armeen auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam. Die meisten Generäle kommandierten eine Division, einen Großverband, der auf dem Papier ca. 10 000 Soldaten hatte. Ihre Aufgaben lagen im taktischen Bereich.

Die Befehlshaber von Armeen oder Heeresgruppen (die aus mehreren Armeen bestanden) kamen schon eher mit Fragen der Gesamtkriegsführung in Berührung.

Im Laufe der Jahre 1941 bis 1944 hatte Hitler eine Reihe von fähigen und hochdekorierten Feldmarschällen und Generälen entlassen, weil sie sich seinen Befehlen widersetzt oder seine Entscheidungen kritisiert hatten. Seit 1943 sollten nur noch hohe Offiziere mit einem Truppenkommando betraut werden, die innerlich vom Nationalsozialismus überzeugt waren und Vertrauen in den Endsieg ausstrahlten. Hitlers Kriegführung ab Ende 1942 erforderte, wie der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht es ausdrückte, den „Steher“.

Darunter verstand der Diktator einen General, der keinen Fußbreit Boden aufgab und nicht der klassischen Lehre des deutschen Generalstabes, dem Bewegungsgefecht, folgte. Bis dahin galt im deutschen Heer die Auftragstaktik. Offiziere und Unteroffiziere aller Dienstgrade waren darin ausgebildet worden, im Rahmen eines vorgegebenen Zieles selbstständig zu handeln. Die Wehrmacht, die ab 1935 aufgebaut wurde, konnte von der Reichswehr hervorragend geschulte Unteroffiziere und Offiziere übernehmen. Die Erfolge der ersten Kriegsjahre waren auch der taktischen Überlegenheit des deutschen Heeres zu verdanken.

Hitler mischte sich ab Ende 1941 immer stärker in Details der taktischen und operativen Kriegführung ein und ersetzte die Auftragstaktik durch eine zentralisierte Befehlstaktik. Bevor ein kommandierender General die Linien seiner Armee durch einen Rückzug verkürzen konnte, musste er im „Führerhauptquartier“ um Genehmigung nachsuchen. General Frido von Senger und Etterlin, der von 1943 bis 1945 ein Armeekorps in Italien führte, beschrieb in seinen Erinnerungen das höhere Offizierkorps in der zweiten Kriegshälfte:

„So fanden sich viele Generäle, die der Forderung nach siegesgewisser Gläubigkeit voll entsprachen. Aber auch unter den fähigsten Generälen hatte sich eine neue Art der Führung herausgebildet, die den Wünschen des Regimes entsprach.“

Viele höhere Offiziere, die in der Schlussphase des Krieges ein Kommando führten, gehörten zu dieser Gruppe. Hinzu kamen Propagandameldungen, die für Hoffnungen sorgten. Die Flugzeugproduktion erreichte im September 1944 ihren Höhepunkt; moderne Waffen wie neue Düsenjäger oder Unterseeboote wurden in Dienst gestellt und schienen der Wehrmacht einen technologischen Vorsprung zu verschaffen, mit dem die zahlenmäßige Unterlegenheit ausgeglichen werden konnte. Arbeiter oder Angestellte, die bisher unabkömmlich gestellt waren, wurden zum Militär einberufen.

In der Luftrüstung hatte Hitler endlich die Bedeutung der Luftabwehr erkannt. Der „General der Jagdflieger“, Generalmajor Adolf Galland, reorganisierte in den nächsten Wochen die Jagdwaffe und konnte im Herbst 1944 schließlich mehr als 3000 Flugzeuge einsatzbereit melden. Sie sollten bei einem alliierten Großangriff auf einmal zu einem „großen Schlag“ eingesetzt werden. Darunter verstand die Luftwaffenführung einen Einsatz der gesamten Jagdwaffe gegen die Engländer und Amerikaner.

Aufgrund dieser selektiven Sichtweise, die Teile der Realität ausblendete, erschien die Parole vom „Durchhalten“ im Frühherbst 1944 für Frontkommandeure durchaus ihren Sinn zu haben. Nicht zuletzt mögen auch persönliche Gründe eine Rolle gespielt haben. Hitler privilegierte die militärische Elite. Und so mancher General, der am Schluss des Krieges eine Division oder eine Armee führte, wäre in der Reichswehr nicht über den Major hinausgekommen.

In Hitlers engster Umgebung gab es in der Schlussphase des Krieges keinen grundsätzlichen Widerspruch gegen den Diktator. Generaloberst Jodl plädierte mehrmals für strategische Rückzüge, aber seine Vorschläge wurden meistens abgelehnt.

An der Ostfront führte der Generalstab des Heeres. Am 21. Juli 1944 hatte Hitler Generaloberst Heinz Guderian mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Chefs des Generalstabes des Heeres beauftragt.

Den Oberbefehl über das Ersatzheer führte seit dem Attentat vom 20. Juli SS-Chef Heinrich Himmler. Dem Oberkommando der Wehrmacht stand als Chef Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel vor, ein Offizier, der Hitler bedingungslos ergeben war und in der Truppe den Spottnamen „Lakeitel“ trug. Reichsmarschall Hermann Göring, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, blieb nur noch im Amt, weil Hitler ihn als „alten Kämpfer“ aus den Gründungsjahren der NSDAP schätzte.

Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop besaß keinen Einfluss mehr. Besonderes Vertrauen brachte Hitler hingegen Großadmiral Dönitz entgegen, der die Marine führte. Dönitz war ein fanatischer Nationalsozialist und bestärkte den Diktator in seiner maßlosen Strategie.

Jodl und Guderian waren die einzigen Persönlichkeiten in der Umgebung des Diktators, die ab und zu Widerspruch wagten. Ein Wehrmachtgeneralstab, der die Operationen an allen Fronten koordinierte, fehlte.

Die strategische Lage am Vorabend der Offensive

Der Sommer 1944 war für das Deutsche Reich katastrophal verlaufen.

Am 6. Juni 1944 landeten die Alliierten in der Normandie. Nach wenigen Tagen stand fest, dass die deutschen Truppen den Brückenkopf nicht beseitigen konnten. Zwei Monate lang verteidigte die Wehrmacht zäh ihre Stellungen in Nordfrankreich. In der ersten Augusthälfte durchbrachen Engländer und Amerikaner die deutsche Front. Frankreich musste unter hohen deutschen Verlusten überstürzt geräumt werden und am Ende des Monats war das Land von der deutschen Besatzung befreit.

In der Nähe von Aachen überschritten die Amerikaner am 12. September 1944 die Reichsgrenze. Bei Arnheim in den Niederlanden hingegen konnten die Deutschen wenige Tage später ein alliiertes Luftlandeunternehmen verhindern, das im Falle des Erfolgs eine Überquerung des Rheins und einen schnellen Vormarsch in Richtung Ruhrgebiet, ein Zentrum der deutschen Industrie, ermöglicht hätte.

Die Westfront stabilisierte sich im Herbst. Die Allierten hatten ihre Versorgungslinien überdehnt, und die Wehrmacht zeigte wieder Kampfgeist. Kam es auf dem zum Teil fluchtartigen Rückzug aus Frankreich in der zweiten Augusthälfte zu Auflösungserscheinungen, so festigte sich die Moral der Truppe im September. Reserven wurden eingesetzt und bewiesen auf taktischer Ebene, dass sie den Alliierten zumindest ebenbürtig waren.

Fast noch schlimmer verlief die Entwicklung im Sommer 1944 an der Ostfront. Die Heeresgruppen Mitte und Südukraine wurden vernichtet. Die Heeresgruppe Nord, die in Estland, Lettland und Litauen kämpfte, verlor die Fühlung zum Rest der Ostfront, weil Hitler sich weigerte, das Baltikum zu räumen. Bis zum Kriegsende verteidigte die Heeresgruppe erbittert diesen militärisch mittlerweile nutzlosen Brückenkopf. Die Marine versorgte die Truppen auf dem Seeweg.

Die rumänischen Ölfelder gingen im August 1944 für die deutsche Rüstungsindustrie verloren. In Italien hatten die Deutschen am 4. Juni 1944 Rom räumen müssen und zogen sich langsam in Richtung Norditalien zurück. Auch Griechenland musste die Wehrmacht aufgeben. Bulgarien und Rumänien fielen im August von Deutschland ab. Finnland hatte am 24. August 1944 mit der Sowjetunion einen Waffenstillstand geschlossen. Die deutschen Streitkräfte, die in Lappland standen, mussten sich nach Nordnorwegen zurückziehen.

Die alliierte Luftwaffe beherrschte den Luftraum über Deutschland. Der U-Boot-Krieg brachte kaum noch Erfolge. Im September und Oktober 1944 konnten die Deutschen in Polen die Lage an der Weichsel und in Ungarn stabilisieren. Der Vormarsch der Roten Armee kam zum Stehen.

Für den Generalstab des Heeres gab es in dieser Situation nur eine Konsequenz: Norwegen, Dänemark, Italien und der Balkan sollten geräumt und der Schwerpunkt der deutschen Kriegsanstrengungen auf die Ostfront gelegt werden.

Jodl wies diese Forderungen zurück. Gäbe man Italien auf, so müsse man eine längere Front in den Alpen verteidigen. Die freiwillige Räumung Norwegens brächte ebenfalls mehr Nachteile, denn die dort stationierten Einheiten würden britische Kräfte binden und wären im Westen oder Osten nicht einsatzfähig. Die Marine verfügte auch nicht über die Transportkapazitäten, um die Truppen zu verlegen.

Hitler teilte diesen Standpunkt. Er konzentrierte sich auf ein neues Angriffsunternehmen, das im Westen stattfinden sollte. Am 25. September 1944 diskutierte er mit Jodl und Keitel die Rahmenbedingungen.

Für die Offensive waren die letzten zehn Tage im November 1944 vorgesehen. Der Angriff sollte von der Eifel ausgehen. Als Ziel legte Hitler Antwerpen fest, ein wichtige Nachschubbasis für die Alliierten. In den nächsten Wochen entwarf Generaloberst Jodl mehrere Pläne. Hitler akzeptierte am 9. Oktober 1944 einen Vorschlag und modifizierte ihn.

Danach wurde der Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall von Rundstedt, informiert. Er glaubte nicht, dass die vorgesehenen Kräfte ausreichten, um Antwerpen zu erobern und schlug zusammen mit dem ihm unterstellten Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generalfeldmarschall Model, am 29. Oktober 1944 eine Teiloffensive vor, die als „kleine Lösung“ bezeichnet wurde. Rundstedt und Model wollten die bei Aachen auf deutsches Gebiet vorgestoßenen Truppen vernichten und so die deutsche Front verkürzen. Hitler bestand jedoch auf dem Ziel Antwerpen, der „großen Lösung“.

Am 10. November unterzeichnete der Diktator die Aufmarschanweisung, in der er deutlich machte, worum es ihm ging: Die englischen und amerikanischen Truppen nördlich der Linie Antwerpen, Brüssel, Luxemburg sollten vernichtet werden, um „eine Wendung des Westfeldzuges und damit vielleicht des ganzen Krieges herbeizuführen.“

Im Oktober und November gelang es, die Westfront zu halten. Die Wehrmachtführung konnte deshalb 33 Divisionen für die Offensive bereitstellen. Es fehlte jedoch an Treibstoff und Munition. Der Termin zum Losschlagen musste immer wieder verschoben werden. Am 2. Dezember 1944 versuchte Generalfeldmarschall Model bei einer Besprechung in Berlin den Diktator noch einmal von der „kleinen Lösung“ zu überzeugen, aber Hitler tat dies als „halbe Lösung“ ab.

Die Motive des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht wurden in zwei Ansprachen deutlich, die Hitler am 11. und 12. Dezember 1944 vor höheren Offizieren hielt. Hitler versuchte den Generälen, die wenige Tage später mit ihren Truppen zum Angriff antreten sollten, Mut einzuflößen. Durch eine reine Defensive, so Hitler, sei der Krieg nicht zu gewinnen:

„Es ist daher wichtig, von Zeit zu Zeit dem Gegner seine Siegessicherheit zu nehmen, indem ihm durch offensive Schläge klargemacht wird, dass ein Gelingen seiner Pläne von vornherein unmöglich ist. Das wird durch eine erfolgreiche Defensive nie so möglich sein wie durch erfolgreiche Schläge.“

Hitler erinnerte dann an den Siebenjährigen Krieg zwischen 1756 und 1763. Nur weil der preußische König, Friedrich der Große, gegen eine scheinbar übermächtige Koalition durchgehalten hätte, wäre Preußen eine Großmacht geblieben. Auch damals hätten Militärs und Diplomaten zum Einlenken geraten, aber die Standfestigkeit des Monarchen hätte sich als richtig erwiesen. Der Diktator appellierte damit geschickt an preußische Traditionen, die in der Generalität noch lebendig waren. Er verwies erneut auf die Gegensätze zwischen den Westmächten und der Sowjetunion. Er leugnete nicht, dass Deutschland Rückschläge erlitten hätte, aber auch der Gegner müsse Verluste beklagen. Und er erinnerte die höheren Offiziere daran, dass man 1940 vor dem Angriff gegen Frankreich auch skeptisch gewesen sei gegenüber seinen Plänen.

Die Rede verfehlte ihre Wirkung nicht. General von Manteuffel, der die 5. Panzerarmee führte, hatte den Eindruck, dass es „günstige Voraussetzungen“ für das Gelingen der Offensive gab.

Ein verzweifelter Versuch

Am 16. Dezember 1944 traten die deutschen Streitkräfte zwischen Monschau und Echternach zum Angriff an. In den ersten drei Tagen kamen die deutschen Truppen gut voran. Das schlechte Wetter verhinderte einen Einsatz der alliierten Luftwaffe. Am 23. Dezember 1944 erreichte eine Panzerdivision der Wehrmacht Dinant in Belgien und war nur noch fünf Kilometer von der Maas entfernt.

Doch die deutschen Angriffsspitzen blieben liegen. Der Himmel klarte auf und englische und amerikanische Flugzeuge konnten wieder ihre Überlegenheit ausspielen. Das Gelände begünstigte die Verteidiger. Treibstoffmangel und die engen Straßenverhältnisse beeinträchtigten die deutschen Panzer. Die Deutschen konnten ihre Infanterie nicht so unterstützen wie geplant.

Hinzu kamen Fehler bei der Durchführung der Offensive. Drei Armeen waren angetreten: Von Norden nach Süden die 6. SS-Panzerarmee unter Gruppenführer Sepp Dietrich, die 5. Panzerarmee unter der Führung von General Hasso von Manteuffel und die 7. Armee unter General Erich Brandenberger.

Hitler hatte den Schwerpunkt auf die 6. SS-Panzerarmee gelegt, während der OB-West die Truppen des Generals von Manteuffel zur Stoßarmee machen wollte, denn im Mittelabschnitt waren die Straßen für den Vormarsch besser geeignet. Die 7. Armee sollte als Flankenschutz nach Süden hin die Offensive absichern. General von Manteuffel hatte vergeblich vorgeschlagen, ihr eine Panzerdivision zuzuteilen. Die 5. Panzerarmee im Zentrum stieß am weitesten vor.

Doch die deutsche Führung hielt zu lange am Schwerpunkt bei der 6. SS-Panzerarmee fest. Erst am 20. Dezember 1944 wies Hitler ihren Oberbefehlshaber an, die Truppen Manteuffels zu unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Alliierten von den ersten Rückschlägen erholt und organisierten ihre Gegenmaßnahmen.

Am 25. Dezember 1944 räumte der Oberbefehlshaber West das Scheitern der Offensive ein und schlug die Rücknahme der Armeen auf den Westwall vor. Hitler und der Chef des Wehrmachtführungsstabes weigerten sich, die Niederlage einzugestehen. Statt das Unternehmen abzubrechen, befahl der Diktator im Nordelsass eine zweite Offensive, für die aber nur schwache Kräfte zur Verfügung standen.

Sie begann in der Nacht zum 1. Januar 1945 und blieb am 3. Januar 1945 stecken. Die Luftwaffe unterstützte in den Morgenstunden des Neujahrstages 1945 mit 1000 Maschinen den Angriff und zerstörte 400 Flugzeuge auf ihren Fliegerhorsten. Sie verlor aber 300 Piloten, darunter 59 erfahrene Verbandsführer. Während Engländer und Amerikaner die Verluste schnell ersetzen konnten, wurde die Ardennenoffensive nach Adolf Galland zum „Todesstoß“ für die deutsche Jagdwaffe.

Der Versuch, durch einen Sieg im Westen dem Krieg eine Wende zu geben, war gescheitert. Im Laufe des Januar 1945 konnten Amerikaner und Engländer das im Dezember verlorene Gebiet wieder zurückerobern.

Zusammenfassung

Als im Hochsommer 1944 die Planungen für die Ardennenoffensive begannen, hatte das Deutsche Reich den Krieg bereits verloren. Im Ersten Weltkrieg drängte die Oberste Heeresleitung im September 1918 die zivile Führung des Kaiserreiches zu einem Waffenstillstand. Auch wenn es den Militärs in erster Linie darum ging, ihr Versagen den Politikern in die Schuhe zu schieben, so ersparten sie der deutschen Bevölkerung doch einen Krieg auf dem eigenen Staatsgebiet.

1944/45 war dies anders: Hitler hatte unmissverständlich erklärt, dass er nicht kapitulieren würde und die Generalität folgte ihm. Unter diesen Umständen mussten der Diktator und die Wehrmachtführung nach einer militärischen Lösung suchen, die angesichts der verzweifelten Lage noch den Hauch einer Chance bot.

Der Militärhistoriker Heinz Magenheimer billigt der Entscheidung für die „große Lösung“ vom operativen Standpunkt aus „durchaus eine Erfolgschance“ zu. Vom strategischen Standpunkt aus, so Magenheimer, lag „das Risiko an der Grenze zur Verantwortungslosigkeit …“

Generaloberst Alfred Jodl rechtfertigte sich später auf eine Art und Weise, die deutlich macht, wie ratlos die Wehrmachtführung im Herbst 1944 war: „Es war ein verzweifelter Versuch in verzweifelter Lage, nach Clausewitz berechtigt.“

Ob der preußische Offizier, einer der bekanntesten Militärtheoretiker des 19. Jahrhunderts, wirklich zum Kronzeugen aufgerufen werden konnte, mag dahinstehen. Eine militärische Logik kann man dem Unternehmen nur unterstellen, wenn man bedenkt, dass eine erfolgreiche Offensive für die deutsche Wehrmacht lediglich auf begrenztem Raum in Betracht kam und im Westen schon Teile des Reichsgebietes besetzt waren.

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, stellte nach dem Krieg die Ardennenoffensive als Entlastungsangriff für die Westfront bei Aachen dar. Da es nicht gelungen sei, den amerikanischen Einbruch an dieser Stelle abzuriegeln, wollte die Wehrmacht an einem dünn besetzten amerikanischen Frontabschnitt, den Ardennen, angreifen. Das Unternehmen wäre an der schlechten Führung der Panzertruppen gescheitert. Keitel räumte ein, dass das Oberkommando der Wehrmacht diesem Punkt nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

Die Ardennenoffensive war keine verpasste Chance. Folgt man der Interpretation von Bernd Wegner, dann war sie bestenfalls ein letztes Aufbäumen in diesem „pseudo-wagnerianischen Untergangszenario“, mit der sich ein verbrecherisches Regime noch einen glorreichen Abgang verschaffen wollte. Die Ardennenoffensive endete – trotz aller Tapferkeit der Truppe – mit einer deutschen Niederlage.

Heinz Magenheimer kommt zu dem Schluss, dass sie „immerhin den späteren Zusammenbruch der Westfront und damit das Kriegsende beschleunigt“ hätte.

Das ist wahrscheinlich das Beste, was man über die Ardennenoffensive sagenkann.

Literatur:

Hermann Jung, Die Ardennen-Offensive 1944/45, Heidelberg 1961