Als die Formel 1 noch Stil hatte

Mich interessiert die Formel 1 kaum noch. Ja, ich weiß, welchen Sinn soll ein Sport haben, bei dem schnelle Autos im Kreis fahren. Abgesehen von dieser Sinnfrage, die sich nicht nur in der Formel 1 stellt, langweilen mich einfach Übertragungen, die schon mehrere Stunden vor dem Rennen beginnen. Da sieht man blondierte Praktikantinnen eines Kölner Privatsenders, die vor einem Auto posieren; ein Moderator eilt zwischen den Wagen herum und entdeckt Leo Sayer, einen bekannten Popsänger der siebziger Jahre (feiert der da sein Comeback?) oder fleht einen Rennleiter um ein belangloses Statement an.

Hans-Joachim Stuck, der in den siebziger Jahren immerhin zu den fünfzehn besten Piloten der Welt zählte, meinte jüngst in einem Interview: „Bitte keine Formel Kaffeefahrt mehr“. Stuck plädierte nicht für die „guten, alten Zeiten,“ in denen es in jeder Saison Tote gab, sondern für mehr Spannung – die ja nicht auf Kosten der Sicherheit gehen muss.

Ja, die Formel 1 verbreitete einmal Glanz und Glamour. Von 1950 bis Ende der siebziger Jahre dauerte diese klassische Zeit. Und auch deutsche Namen spielten eine Rolle.

Mir fällt da Graf Berghe von Trips ein, Sprössling eines rheinischen Adelsgeschlechts, der in den fünfziger Jahren im internationalen Motorsport den Durchbruch schaffte. Ursprünglich startete er unter dem Namen „Axel Linther“, weil er seine Eltern nicht beunruhigen wollte. Trips war der einzige Sohn und sollte die väterliche Burg später als landwirtschaftlichen Betrieb übernehmen. In den Zeiten, in denen er keinen Vertrag hatte, bereitete er sich auf seine Aufgaben als Landwirt vor, die er nach dem Abschied vom Motorsport übernehmen sollte oder schrieb für Motorsportzeitschriften. Ein typischer Herrenfahrer, der sich aufgrund seines Vermögens in ein Team einkaufen konnte, war er nicht. Er arbeitete als Mechaniker an seinen Wagen.

Nach den ersten Renneinsätzen, die zum Teil mit Blechschäden endeten, hieß Trips nur „Count Crash“. Doch bald erwarb er sich Respekt in der internationalen Motorsportszene. Mercedes hatte sich 1955 vom Rennsport zurückgezogen und konnte ihm keine Perspektive bieten. So stieß Graf Trips nach verschiedenen Zwischenstationen zu Ferrari.

1960 belegte von Trips am Schluss der Saison Rang sieben in der Fahrerwertung. In der Saison 1961 verfügte der italienische Rennstall über ein besseres Auto, und Trips war in der Form seines Lebens. Er gewann zwei Rennen und lag in der Punktewertung in Führung, als im September 1961 in Monza der Große Preis von Italien bevorstand. Hätte Trips dieses Rennen gewonnen, wäre er der erste deutsche Weltmeister in der Formel 1 nach dem Krieg geworden. Doch es sollte anders kommen.

In der zweiten Runde touchierte sein Wagen das Auto des Engländers Jim Clark. Der Ferrari kam von der Strecke ab. Trips wurde aus seinem Monoposto geschleudert, erlitt einen Genickbruch und war sofort tot. Aber auch 15 Zuschauer mussten sterben; ca. 60 wurden verletzt. Der Engländer Jim Hill wurde Weltmeister, konnte sich dieses Erfolges jedoch nie erfreuen: „Ich habe nie in meinem Leben etwas so tief trauriges erlebt.“

Trips war nicht der einzige Fahrer, der die Fahrerwertung anführte, als er verunglückte. 1970 starb der Österreicher Jochen Rindt – ebenfalls in Monza, allerdings beim Abschlusstraining. Sein Vorsprung auf den Zweitplatzierten war jedoch so groß, dass er posthum zum Weltmeister ernannt wurde.

Mit dem Namen Rindt verbindet sich auch ein absoluter Klassiker in der Geschichte der Formel 1. Beim Großen Preis von Monaco 1970, einem engen Stadtkurs, der kaum Möglichkeiten zum Überholen bietet, gelang es Rindt, in einer glänzenden Aufholjagd den in Führung liegenden Jack Brabham in der letzten Runde kurz vor dem Ziel zu überholen: Der Rennleiter, der mit seiner schwarz-weißen Flagge das Rennen abwinken wollte, reagierte nicht, als Rindt die Ziellinie passierte, sondern wartete auf den mehrfachen Weltmeister Jack Brabham. Wohl kaum ein Großer Preis endete so spektakulär.

Doch kehren wir zurück zu Wolfgang Graf Berghe von Trips. Trips war mehr als nur ein Rennfahrer. Er sprach fließend englisch, französisch und italienisch und entsprach gar nicht so dem Klischee des Deutschen, von dem die Europäer meinten, er käme in Knobelbechern zur Welt und würde nur für den Krieg erzogen (der Zweite Weltkrieg war gerade erst ein paar Jahre vorbei).

Der Graf war ein Gentleman. Mit Charme und Witz bezauberte er seine Gesprächspartner. Als ihn ein Reporter vor dem Abschlusstraining einmal fragte, wie viel Runden denn zu fahren wären, stutzte er und meinte nur mit einer Unschuldsmiene, die den Journalisten zum Lachen brachte, da müsse er sich noch erkundigen.

Es war die klassische Zeit der Formel 1. Trips und seine Rennfahrerkollegen waren keine Kostverächter, aber es galt das Motto: „Der Kavalier genießt, schweigt und gewinnt (nach Möglichkeit)“.

Auch für die Besucher eines Rennens barg der Besuch eines Großen Preises Risiken. Geriet ein Wagen von der Piste ab, so raste er nicht selten in die Zuschauer, die sich bis an den Rand der Piste drängten. Als freiwillige Helfer sah die örtliche Feuerwehr dem Geschehen zu. Professionelle Rettungsteams sollte es erst in den siebziger Jahren geben. 1977 – zum Beispiel – verunglückte der Waliser Tom Pryce beim Großen Preis von Südafrika in Kyalami tödlich, als er bei Tempo 280 einen Streckenposten erfasste, der versucht hatte, die Fahrbahn zu überqueren. Der junge Mann, ein Student, wurde mit seinem Feuerlöscher in die Luft gewirbelt. Das Gerät durchschlug den Helm von Tom Pryce, der sofort tot war.

Als Trips Rennen fuhr, waren die Sicherheitsstandards noch geringer. Aber die Piloten liebten ihren Sport und kannten das Risiko.

„Es ist nicht der Rausch der Geschwindigkeit, der uns glücklich macht, sondern die Tatsache, dass wir mit ihr fertig werden“, soll Trips einmal gesagt haben.

Hätte er es nicht ernst gemeint – er wäre kaum in ein Rennauto gestiegen. Wie viele Fahrer glaubte er wohl, dass es ihn nicht treffen würde. Erst nach seinem Tod wurde bekannt, dass er bei den 24 Stunden von Le-Mans 1958 einem anderen Piloten das Leben gerettet hatte.

Ob Trips zu den ganz großen Piloten seiner Zeit zählte, ist unter Fachleuten umstritten. Er galt als schnell und risikobereit. Richard von Frankenberg, ein bekannter Motorsportjournalist, äußerte sich im Nachrichtenmagazin „Der SPIEGEL“:

 „Trips fährt fast immer so schnell, wie er kann, anstatt so schnell, wie er muss (um gerade zu gewinnen). Er ist der Typ, der sich nicht an eine Grenze langsam herantastet, sondern der auf Anhieb die Grenze zu erreichen sucht – wenn er sie dabei … etwas überschreitet, nun, er besitzt ein so erstaunlich schnelles Reaktionsvermögen und ein so außergewöhnliches Gefühl für Schlupf- und Rutschbewegungen, dass er den (ausbrechenden) Wagen mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit wieder einfangen kann.“

Wolfgang Graf Berghe von Trips war mehr als ein erfolgreicher Rennfahrer – er war ein Botschafter für die junge Bundesrepublik, ein Mensch, der durch sein Auftreten beinahe so viele Sympathien für Deutschland erwarb wie die „Helden von Bern“ 1954 – auch wenn er heute in deren Schatten steht.

Kein deutscher Sportler nach dem Zweiten Weltkrieg kann dies von sich behaupten.

Und bevor hier der Eindruck entsteht, ich würde der Zeit nachtrauern, in der es in jeder Formel 1 Saison ein oder zwei Tote gab: nein, dem ist nicht so. Mag auch der Glanz der Formel 1 lange verflogen sein – wichtiger ist, dass Fahrer oder Zuschauer überleben.