Gettysburg – eine Vorentscheidung im Amerikanischen Bürgerkrieg

Das Foto des Gemäldes von Thomas Nast hält den Moment fest, in dem General Robert E. Lee 1865 die Kapitulation der konföderierten Streitkräfte erklärte. In seiner grauen Uniform bewahrte er Haltung; die Reihe der Offiziere aus der Armee der Nordstaaten schien es als Ehre aufzufassen, Lee die Hand geben zu dürfen. Zweifellos war Robert E. Lee der fähigste General im Amerikanischen Bürgerkrieg. Doch auch er konnte die Niederlage der Südstaaten nicht verhindern. Die Vorentscheidung fiel bei Gettysburg.

Die Gründung der Konföderierten Staaten von Amerika

Warum kam es zum Bürgerkrieg? In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in den späteren Nordstaaten eine leistungsfähige Industrie. Der Süden hingegen lebte überwiegend von der Landwirtschaft und wurde vom Norden wirtschaftlich abhängig. Der größte innenpolitische Konflikt bestand in der Sklavenfrage. Nach der Verfassung der amerikanischen Union konnten die Bundesstaaten entscheiden, ob die Sklaverei zulässig war. Auf den Plantagen des Südens wurden farbige Sklaven als billige Arbeitskräfte missbraucht.

Im Norden war die Sklaverei verboten. In den fünfziger Jahren entstand eine neue Partei, die Republikaner. Sie sagte der Sklaverei den Kampf an. Als 1860 ihr Spitzenkandidat Abraham Lincoln zum Präsidenten gewählt wurde, gewannen in einigen südlichen Bundesstaaten die Befürworter eines Austritts aus der amerikanischen Union die Oberhand. Sie befürchteten, dass der neue Präsident seinen Einfluss dazu nutzen würde, die Sklaverei in ganz Nordamerika abzuschaffen.

Da sich die einzelnen Staaten im 18. Jahrhundert vor der Union konstituiert hatten, leiteten sie daraus das Recht ab, wieder auszutreten. Andere Befürworter einer Abspaltung glaubten, sie könnten nur außerhalb der Vereinigten Staaten als freie Bürger weiterleben. So, wie sich ihre Vorfahren 1776 gegen die englische Krone aufgelehnt hatten, müssten sie sich nun gegen Washington wehren, um ihre Freiheit und ihr Eigentum behalten zu können. Die Sklaverei war in ihren Augen gerechtfertigt, denn die Farbigen wurden als minderwertige Rasse betrachtet, die nicht zum „Volk“ im Sinne der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung zählten. Der englische Geologe Sir George Lyell schrieb 1849, der Lebensstandard eines Sklaven auf einer Plantage sei höher als der eines europäischen Dienstboten. Den Schwarzen würde es an der nötigen Arbeitsdisziplin fehlen. Sie bedürften der Anleitung; von Prügelstrafen würde nur selten Gebrauch gemacht. Auch die ärztliche Versorgung sei gut. Es gäbe auf Plantagen Krankenhäuser für die Bediensteten. Diese Sichtweise entsprach dem Selbstverständnis der politischen Eliten im Süden.

Als erster Bundesstaat erklärte Süd-Carolina am 20. Dezember 1860 seine Unabhängigkeit. Bis Mai 1861 folgten Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana, Texas, Virginia, Arkansas, Nord-Carolina und Tennessee. Die ersten fünf Staaten gründeten im Februar 1861 die Konföderierten Staaten von Amerika (CSA). Präsident dieses Bundesstaates wurde Jefferson Davis, der von 1853 bis 1857 Kriegsminister in der Bundesregierung gewesen war

Der Ausbruch des Bürgerkrieges

 Am 4. März 1861 trat Abraham Lincoln sein Amt an. Er wollte einen Bürgerkrieg vermeiden, machte aber auch deutlich, dass er die Sezession nicht hinnehmen würde. Truppen der Union waren nach wie vor auf dem Gebiet der Südstaaten stationiert. So wehte über Fort Sumter, einem militärischen Stützpunkt auf einer künstlichen Insel im Hafen von Charleston in Süd-Carolina, immer noch die Unionsflagge.

Am 11. April 1861 forderte General Beauregard, Kommandeur der konföderierten Truppen, das Fort zur Übergabe aus. Major Anderson, der Kommandant des Forts, fühlte sich an seinen Fahneneid gebunden und wies die Aufforderung zurück. Einen Tag später eröffneten die Kanonen der Südstaaten das Feuer. Am 14. April stellte die Besatzung des Forts den Widerstand ein.

Lincoln war nun entschlossen, die Einheit der Union mit Gewalt wiederherzustellen. Am 15. April 1861 erließ er einen Aufruf an die männliche Bevölkerung, sich freiwillig zu den Waffen zu melden. Eine Armee von 75 000 Mann sollte aufgestellt werden. Die USA unterhielten in Friedenszeiten nur ein kleines Heer, das eher einem Grenzschutz ähnelte. Im Norden und im Süden mussten nun Streitkräfte aus dem Boden gestampft werden. Dabei war man zu Beginn des Krieges auf Freiwillige angewiesen; erst später führten die Kriegsparteien die Wehrpflicht ein.

Im Süden war die Kriegsbegeisterung größer als im Norden. In Georgia beispielsweise meldeten sich Frauen und nähten Uniformen. Alle verfügbaren öffentlichen Räume wurden für die Mobilmachung genutzt. An Freiwilligen herrschte kein Mangel. Diese improvisierten Maßnahmen zeigen aber auch, dass die Konföderierten wirtschaftlich nicht so gut auf einen Krieg vorbereitet waren wie der Norden. Der Rückstand bei der Industrialisierung machte sich bemerkbar. Die Konföderierten Staaten versuchten, mit Enthusiasmus diese Nachteile auszugleichen. Nachdenkliche Stimmen warnten vor dem überlegenen Potenzial der Nordstaaten. Aber das Gefühl, für Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen, war stärker. Ein entschiedener Befürworter der Sezession aus Virginia, John Tyler, von 1841 bis 1845 Präsident der Vereinigten Staaten, schrieb am 17. April 1861 an seine Frau:

„Die Würfel sind gefallen, die Zukunft liegt in der Hand des Kriegsgottes. Der Kampf, in den wir treten, ist voller Gefahr, aber in ganz Virginia herrscht ein Geist, der nicht vernichtet werden kann, bis das Leben des letzten Mannes ausgelöscht ist. Die Kräfte, die uns gegenüberstehen, sind gewaltig; aber zwölftausend Griechen besiegten bei Marathon die gesamte Streitmacht des Xerxes, und unsere Väter, kaum eine Handvoll Männer, widerstanden der enormen Macht Großbritanniens.“

Doch es gab im Süden auch Stimmen, die in jenen Tagen die Entwicklung mit Sorge registrierten. Robert Edward Lee, Oberst in der Armee der Vereinigten Staaten, stammte ebenfalls aus Virginia. Am 20. April 1861 bot ihm Abraham Lincoln den Oberbefehl über die Streitkräfte des Nordens an. Doch Lee reichte noch am selben Tag sein Abschiedsgesuch ein. Seiner Schwester gegenüber begründete er den Entschluss:

„Der ganze Süden ist in Aufruhr, und nach langem Zögern hat sich Virginia mitreißen lassen. Wenn ich auch die Notwendigkeit dieser Entscheidung nicht einsehe und ich es für meinen Teil vorgezogen hätte, mich fernzuhalten und mit aller Kraft die Aufhebung des unnatürlichen Zustandes – möge er zu Recht oder Unrecht bestehen – zu fordern, so musste ich doch in Anbetracht meiner Lage entscheiden, ob ich für oder gegen meinen eigenen Staat nehmen sollte. Trotz meiner Ergebenheit gegenüber der Union und meiner treuen Gesinnung sowie meines Pflichtgefühls als amerikanischer Bürger, habe ich mich nicht entscheiden können, den Arm gegen meine Eltern, meine Kinder und meine Heimat zu erheben.“

Lee trat im Mai 1861 in die konföderierten Streitkräfte ein. Ein Jahr später übernahm er den Oberbefehl über die Armee von Nord-Virginia. Mehrfach konnte er trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit seiner Truppen den Gegner schlagen.

Lee war ein hervorragender Taktiker und verstand es, die Soldaten zu motivieren. Im Sommer 1863 neigten sich die Kräfte des Südens nach zwei Jahren dem Ende zu.  Die überlegene Marine des Nordens hatte am 26. April 1862 New Orleans erobert. Seit Beginn des Krieges blockierte sie die Küsten des Südens, der nur über eine kleine Flotte verfügte. Einfuhren aus Europa waren kaum möglich. Auf dem westlichen Kriegsschauplatz in Tennessee schienen die Unionstruppen ebenfalls die Oberhand zu gewinnen. Die zahlenmäßige Überlegenheit und die industrielle Basis drohten die Konföderierten trotz aller Schlachterfolge zu erdrücken. Jefferson Davis, der Präsident der Konföderierten, schrieb später, dass die Lage der Südstaaten 1863 sehr schwierig gewesen sei. Die Armee von Nord-Virginia sollte deshalb in Pennsylvania einfallen, die Bahnlinien zwischen Washington und den Unionstruppen unterbrechen und der Industrie des Nordens Schaden zufügen. Nur im Angriff schien der Süden noch eine Chance zu haben.

Lees Soldaten, die die Offensive durchführen sollten, waren guten Mutes. Im Mai 1863 hatten sie bei Chancellorsville einen doppelt so starken Gegner besiegt. Der Kommandeur der Armee von Nord-Virginia, Robert E. Lee verstand es, seine Unterlegenheit durch eine überlegene Führung mehr als ausgeglichen. Er praktizierte eine „Auftragstaktik“, die ansonsten nur in der preußischen Armee üblich war: Seinen Divisionskommandanten ließ er viel Freiraum und gab ihnen nur das Ziel der Operation vor. Die Unterführer mussten dann im Rahmen des vorgegebenen Auftrages entscheiden, wie sie handelten. Da der Süden über einige hervorragende Offiziere verfügte, waren die Konföderierten taktisch überlegen. Lincoln hingegen musste mehrmals die Oberbefehlshaber auswechseln. Nach Chancellorsville ernannte er George Mead zum Kommandeur der Potomac-Armee, die in Virginia, eine der Hauptfronten des Krieges, operierte. Der relativ unbekannte Mead sollte den Mann aufhalten, den Lincoln 1861 mit dem Oberbefehl betrauen wollte.

Die Schlacht von Gettysburg

Am 26. Juni 1863 überquerte die Armee von Nord-Virginia die Grenze. Die Potomac-Armee folgte ihr. General Lee wusste nicht, wo der Gegner stand, denn seine Kavallerie fehlte.

Bei Gettysburg, einer Kleinstadt, die wegen ihrer Bahnverbindungen als strategisch wichtig galt, stießen Truppen der Südstaaten am 1. Juli 1863 zufällig auf Soldaten der Potomac-Armee. Es kam zu einem Gefecht, bei dem Lees Truppen den Gegner in die Flucht schlagen konnten. Ein Leutnant der konföderierten Armee schrieb später, dass der Gegner sich ungeordnet und demoralisiert zurückgezogen hätte. Er wollte mit seiner Einheit den Vormarsch fortsetzen, aber am späten Nachmittag erhielt er den Befehl zum Rückzug:

„Zurück, zurück marschierten wir und bezogen Stellung auf einem Hügel, von wo wir am nächsten Morgen die Wälle bestaunten, die während der Nacht auf dem Friedhofshügel entstanden waren. Die Flut, die zu einem überwältigenden Sieg hätte führen können, war für immer verebbt.“

Die Potomac-Armee hatte sich auf einen Höhenzug gerettet, der ungefähr eine halbe Meile von der Stadt entfernt lag. Ein lichter Waldbestand begünstigte den Ausbau ihrer Verteidigungsstellungen. In der Nacht erhielten die Nordstaatler immer mehr Verstärkungen. Die kommandierenden Generäle waren am 1. Juli gar nicht in Gettysburg gewesen und trafen erst im Laufe der Nacht auf dem Schlachtfeld ein.

Am Morgen des 2. Juli entschloss sich General Lee, die Angriffe fortzusetzen. Er war davon überzeugt, dass der Gegner mit seinen Kräften am Ende sei. Einer seiner Unterführer, General Longstreet, hielt die Stellungen der Potomacarmee für zu stark. Er riet Lee, die südliche Flanke der Unionstruppen zu umgehen. Meade wäre gezwungen worden, die Hügelkette zu räumen und sich vor Washington erneut zur Schlacht zu stellen.

Lee dagegen wollte die Stellungen der Union auf beiden Flügel angreifen. Er ging anscheinend davon aus, dass die Unionstruppen schwer angeschlagen waren. Die Kavallerie der Südstaatenarmee fehlte immer noch, sodass Lee auch keine genauen Informationen über die Verstärkungen der Potomacarmee erhielt. Den ganzen Tag über versuchte die Infanterie der Südstaaten, den bewaldeten Hügel in ihren Besitz zu bringen. Doch die Angriffe waren schlecht koordiniert, und die Nordstaatler verteidigten sich geschickt. Am Abend des 2. Juli hatten die Armee von Virginia einige Stellungen genommen, ihr Ziel aber nicht erreicht, an beiden Flanken durchzubrechen, um den Gegner dann in die Zange zu nehmen.

Am Morgen des 3. Juli 1863 schlug Longstreet noch einmal vor, die Flanke des Gegners zu umgehen und sich zwischen ihn und Washington zu schieben. Er glaubte nicht an einen Erfolg bei Gettysburg. Doch Robert E. Lee war entschlossen, hier die Entscheidung zu suchen. Zuerst sollte die Artillerie der Südstaaten mit einem konzentrierten Feuer die Stellungen der Unionstruppen zerstören. Danach sollte General Picket mit seiner Division (ca. 15 000 Mann) den Angriff führen.

Pickett und Longstreet kannten sich. Vor dem Angriff traf der Kommandant der Angriffsdivision Longstreet und Lee. Später berichtete er über das Gespräch zwischen den beiden Generälen.

„Großer Gott!“, sagte Old Peter, als ich hinzukam (Old Peter war der Spitznamen von General Longstreet). „Sehen Sie doch die unüberwindlichen Schwierigkeiten, General Lee, die zwischen unseren Linien und denen der Yankees liegen – die steilen Hänge, die Reihen der Artillerie, die Zäune, die dichte Vorhutlinie-, und wir können nichts als unsere Infanterie gegen ihre Artillerie einsetzen.“

„Da steht der Feind, General Longstreet, und da werde ich ihn schlagen“, sagte „Marse“ Robert (Spitzname von General Lee) mit seiner ruhigen, unerschütterlich festen Stimme. Longstreet konnte an der Entscheidung Lees nichts ändern und gab den Angriffsbefehl wortlos an Picket weiter, der seine Truppen antreten ließ.

Eine brütende Hitze lag über dem Schlachtfeld. Um 13.00 Uhr begann die Kanonade von 140 Rohren der konföderierten Armee. Der Artilleriebefehlshaber der Armee von Nord-Virginia, Colonel Alexander, teilte Pickett mit, dass er das Geschützfeuer auf die Stellungen des Nordens nicht lange aufrechterhalten könne. Pickett wandte sich noch einmal an Longstreet, doch der widerrief Lees Befehl nicht.

Daraufhin gab Pickett den Befehl zum Angriff. Die Unionstruppen hatten schwere Verluste durch die Artillerie hinnehmen müssen und waren froh, als am frühen Nachmittag der Beschuss aufhörte. Plötzlich marschierte die Infanterie der Konföderierten den Hügel hinauf. In Reih und Glied, wie bei einer Parade, die Offiziere voran mit gezogenem Degen, näherten sie sich den Stellungen der Nordstaaten. Auf dem Hügel angekommen wurden sie von mehreren Seiten unter Feuer genommen. Trotzdem gelang den Soldaten der Division Picket der Einbruch in die gegnerischen Stellungen. 20 Minuten lang konnten sie sich dort halten, aber dann mussten sie den Rückzug antreten, weil die Angriffe des linken Flügels der Konföderierten ebenfalls gescheitert waren.

Longstreet und Lee versuchten am frühen Abend, mit den zurückgehenden Soldaten eine Verteidigungslinie zu bilden, denn jeden Augenblick konnte Meades Gegenangriff einsetzen. Doch die Armee der Nordstaaten blieb in ihren Stellungen. Lee versuchte, die Soldaten aufzumuntern:

„Alles wird am Ende gut werden; später werden wir es besprechen; aber jetzt müssen sich alle guten Männer sammeln, jetzt brauchen wir alle guten und treuen Männer.“

General Lee beeindruckte in dieser Situation seine Umgebung durch seine Ruhe und Gelassenheit. Ein englischer Verbindungsoffizier schreib: „Es war unmöglich, ihm ohne ein Gefühl der größten Bewunderung zuzusehen oder zuzuhören.“ Die Soldaten der Armee von Nordvirginia hatten an diesem Abend noch nicht das Gefühl, die Schlacht verloren zu haben. Sie wollten die Kämpfe am nächsten Tag fortsetzen. Doch Lee hatte erkannt, dass die Entscheidung gefallen war. Als die Potomac-Armee am nächsten Tag in Ihren Stellungen blieb, befahl Lee den Rückmarsch. Der Versuch, mit der Sommer-Offensive den Krieg zu entscheiden, war verloren. Nie mehr sollte der Süden auf diesem Kriegsschauplatz die Initiative übernehmen.

Wenn Mut alleine nicht ausreicht

Ob ein Sieg bei Gettysburg das Blatt gewendet hätte, ist umstritten. Hätte Lee Washington einnehmen können, wären die Konföderierten möglicherweise von Frankreich und England anerkannt worden. Aber hätte das auf Dauer die fehlenden Ressourcen des Südens aufwiegen können?

Im Norden hatte schon früher die Industrialisierung eingesetzt. Was die Truppen der Nordstaaten brauchten, konnte die heimische Industrie herstellen. Im Süden war man auf Importe angewiesen, aber die Marine der Union blockierte die Küsten der Konföderation. Es fehlte an militärischem Nachschub, an Medizin und Lebensmitteln. Die Unionssoldaten zerstörten zwischen 1863 und 1865 Teile des gegnerischen Eisenbahnsystems, verbrannten die Ernte auf den Feldern des Südens und führten einen Wirtschaftskrieg, der dem Süden die Existenzgrundlage nahm.

Möglicherweise liegt hier eine Erklärung für Lees Führung bei Gettysburg. Er wollte unter allen Umständen eine Entscheidung herbeiführen. Das von General Longstreet vorgeschlagene Manöver hätte wie eine Niederlage ausgesehen. Außerdem war die Kampfmoral seiner Soldaten nach den Erfolgen der letzten Monate sehr hoch. So entschloss er sich, alles mit einem Frontalangriff auf eine Karte zu setzen, eine Variante, die dem brillanten Taktiker Lee sonst nicht lag.

Wie groß der Respekt der Potomac-Armee vor ihren Gegnern war, sieht man daran, dass die Streitkräfte der Nordstaaten dem abziehenden Gegner nur zögernd folgten. Bis zum April 1865 konnte Robert E. Lee noch mehrmals seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Aber es waren nur noch Abwehrsiege, die die Niederlage hinauszögerten.

Was Feldherrnkunst und militärische Tapferkeit bewirken können, hatte die Armee von Nord-Virginia unter Beweis gestellt. Aber der Amerikanische Bürgerkrieg wurde durch die Überlegenheit des wirtschaftlich stärkeren Nordens entschieden – einzelne Fehler der Konföderierten halfen ihnen dabei. Lees Führung bei Gettysburg gehört dazu. Aber auch berühmte Feldherren wie Karl XII. von Schweden, Hannibal oder Napoleon wurde eine Niederlage zum Verhängnis. Sie alle mussten sich Gegnern geschlagen gegeben, die in der Militärgeschichte danach keine herausragende Rolle gespielt haben. Der Krieg war zu einem komplexen Geschehen geworden, in dem Mut, Tapferkeit und eine überlegene Taktik auf Dauer nichts mehr bewirken konnten. Im 5. Jahrhundert vor Christi konnten 12 000 Griechen noch eine persische Übermacht bei Marathon besiegen. Im Amerikanischen Bürgerkrieg war dies nicht mehr möglich.