Bartholomäus Schink – ein Kölner Widerstandskämpfer?

Winfried Seibert, Die Kölner Kontroverse. Legenden und Fakten um die NS-Verbrechen in Köln-Ehrenfeld, Essen 2014 

Am 10. November 1944 wurden dreizehn Deutsche in Köln-Ehrenfeld gehängt. Schon am 25. Oktober 1944 mussten Zwangsarbeiter aus Osteuropa am Galgen ihr Leben lassen als Opfer des NS-Terrors. Der Kölner Jurist Winfried Seibert hat über dieses Thema ein Buch mit dem Titel „Die Kölner Kontroverse“ geschrieben.

Einer der im November Hingerichteten war der 16-jährige Bartholomäus Schink. 1981 stellte der Kölner Journalist Peter Finkelgruen bei der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem den Antrag drei Menschen, unter anderem Bartholomäus Schink, als „Gerechte der Völker“ zu ehren. Die Unterlagen der Gestapo würden belegen, das Schink unter Einsatz des Lebens für Verfolgte mosaischen Glaubens eingetreten sei. 1984 wurde dem Antrag stattgegeben.

Dabei hatte Schink, wie Winfried Seibert nachweist, keine Juden retten können. Die Akten belegen, dass Verfolgte zwischen dem 27. und 30. September 1944 in der Schönsteinstraße in Köln-Ehrenfeld Unterschlupf fanden und nicht etwa ein Jahr, wie man in Yad Vashem meinte. Die „Ehrenfelder Gruppe“, die das Haus nutzte, existierte aber nur neun Wochen; eine Hilfsaktion, die ein Jahr dauerte, war also gar nicht möglich. Schink hatte zudem am 28. September 1944 in der Schönsteinstraße Hausverbot erhalten. Laut Seibert kann er auf die Unterbringung der Juden keinen Einfluss gehabt haben. Bartholomäus Schink unterhielt auch nur lose Kontakte zu den Edelweißpiraten, einer nonkonformistischen Jugendgruppe, die sich dem NS-Regime nicht anpassen wollte.

Die Gestapo-Akten stehen seit 1967 zur Verfügung. Der Autor hat sie durchgearbeitet. Und dabei stieß er auf Widersprüche, die das seit fast 40 Jahren vorherrschende Bild von Bartholomäus Schink als einem Widerstandskämpfer zumindest infrage stellen.

Der junge Mann, Jahrgang 1927, war kein Anhänger des NS-Regimes. Dass er sich am 5. August 1944 freiwillig zur Waffen-SS meldete, mag dagegen sprechen, sollte aber nicht überbewertet werden. Anfang September 1944 stieß er zur „Ehrenfelder Gruppe“ um den „Bomben-Hans“, wie Hans Steinbrück genannt wurde. Der „Bomben-Hans“ unterhielt in der Schönsteinstraße in Ehrenfeld ein Waffenlager. Die von ihm angeführte Gruppe gehörte nicht zu den Edelweißpiraten und verübte Überfälle und Einbrüche. Einen Monat lang zählte Schink dazu. Steinbrück, Jahrgang 1921, gab nach seiner Verhaftung 1944 zu Protokoll, die Waffen sollten dazu eingesetzt werden, beim Näherrücken des Feindes Bahnanlagen oder andere kriegswichtige Einrichtungen im rückwärtigen Frontgebiet zu sprengen, um so zum Sturz der NS-Diktatur beizutragen. Auch Schink war wohl laut Gestapo-Akten in diese Pläne eingeweiht und räumte gegenüber den Vernehmungsbeamten ein, dass er sich wahrscheinlich an diesen Aktionen beteiligt hätte. Zumindest Ansatzpunkte für eine oppositionelle Haltung zum NS-Regime kann man unterstellen.

Fritz Theilen, ein Mitglied der Kölner „Edelweißpiraten“, meinte am 20. April 2011 in der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Schink sei ein „richtiger Kerl gewesen. Meines Wissens hatte er später Kontakt zum politischen Widerstand“. Wie diese Kontakte aussahen, wie Theilen den Begriff politischen Widerstand definierte, blieb unklar.

Solche Mutmaßungen sind beispielhaft für das nebulöse politische Profil des Bartholomäus Schink. Er wird als guter Mensch geschildert (was ich nicht zu kommentieren habe) – aber reicht das für die These, der junge Mann sei ein Widerstandskämpfer gewesen?

Während Steinbrück, wohl auch wegen seiner Vorstrafen, in Vergessenheit geriet, avancierte Bartholomäus Schink ab 1977 zum „Helden“ dieser Gruppe. Wurde er in den fünfziger Jahren einfach als kriminell abgetan, so setzte sich spätestens seit der zweifelhaften Ehrung in Yad Vashem eine völlig andere Sichtweise durch.

Die gute Gesinnung ersetzte Fakten. Auch ein wissenschaftliches Gutachten des Historikers Bernd Rusinek, der Ende der achtziger Jahre den Widerstandscharakter der „Ehrenfelder Gruppe“ verneinte, konnte die Diskussion nicht versachlichen. Rusinek stellte in Abrede, dass es hier in erster Linie um Widerstand gegen das NS-Regime gegangen sei. Die Gruppe hätte nicht vorrangig politische Ziele verfolgt, sondern versucht, in einer von Gewalt geprägten Ausnahmesituation zu überleben. Deshalb sei es aber auch nicht zulässig, sie als Kriminelle abzutun, wie dies die Kölner Entschädigungsbehörden in den fünfziger und frühen sechziger Jahren getan hätten.

Winfried Seibert, der einen der in Yad Vashem geehrten Kölner 2008 in einem presserechtlichen Verfahren vertrat, hat ein wichtiges Buch geschrieben, das für Kritik sorgen wird. Er orientiert sich an den Verfolgerakten, ein unter Historikern legitimes Verfahren und misstraut mündlichen Zeugenaussagen. Dabei spricht er Schink keineswegs eine kritische Haltung zum Regime ab, wehrt sich aber entschieden gegen jene spezifische Ehrenfelder Erinnerungskultur, die heute noch unreflektiert von Teilen der Kölner SPD vertreten wird und die den jungen Mann zum Helden verklären möchte.

Seibert deckt Ungereimtheiten auf, stellt Fragen, lässt aber keinen Zweifel daran, dass der junge Mann 1944 auf verbrecherische Weise den Tod fand. Doch der Jurist muss auch einräumen, dass die mündlichen Aussagen, die in den Entschädigungsverfahren der Nachkriegszeit zu Protokoll gegeben worden sind, keine Anhaltspunkte für eine Widerstandstätigkeit enthalten.

Bartholomäus Schink wurde das Opfer einer Diktatur. Er war ein 16-jähriger Junge, der in unmenschlichen Zeiten in einem unmenschlichen Regime überleben wollte und der vor Herausforderungen gestellt wurde, die wir uns nicht vorstellen können. Später stempelte ihn die Bürokratie unsensibel zum halbstarken Kriminellen ab. Seit den achtziger Jahren wird er dagegen als Widerstandsheld verklärt.

Wer er wirklich war, werden wir wohl nicht mehr herausfinden.

 

Fotonachweis: Aufnahme eines Gedenksteines in Köln-Ehrenfeld. Der Fotograf ist Asio utos.