Seeschlacht im Skagerrak: Schüler gegen Meister

In den späten Nachmittagsstunden des 31. Mai 1916 trafen im Skagerrak, einem Seegebiet zwischen der Nordküste Dänemarks, der Südküste Norwegens und der Südwestküste Schwedens, die englische „Grand Fleet“ und die deutsche Hochseeflotte aufeinander. In Deutschland spricht man von der Schlacht im Skagerrak; in England von der „Battle of Jutland“.

Die britischen Seestreitkräfte waren ihrem Feind vor allem bei den schweren Schiffseinheiten klar überlegen: 28 britische Linienschiffe fochten gegen 16 deutsche. 9 britische Schlachtkreuzer hatten 5 schwere Kreuzer auf deutscher Seite zum Gegner. Hinzu kamen kleinere Schiffstypen wie Kreuzer, Torpedoboote oder Zerstörer. 149 britische trafen auf 99 deutsche Schiffe (die Zahlenangaben in der Literatur sind unterschiedlich, aber Einigkeit besteht darüber, dass es die bis dahin größte Seeschlacht der Geschichte war).

In London erwartete man nichts weniger als einen vollständigen Erfolg. Sei dem Seesieg von Trafalgar im Jahr 1805 hatte die britische Marine die Meere beherrscht. Nun musste sie sich zum erste Mal nach langer Zeit einem Gegner stellen, von dem man nicht wusste, wie stark er war. Im britischen Offizierkorps unterschätzte man die Deutschen nicht, aber in der englischen Öffentlichkeit erwartete man nichts weniger als einen grandiosen Sieg.

England und Deutschland: Rivalen zur See

Noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein gehörte Deutschland zu den Staaten, die allenfalls zu den zweitrangigen Seemächten zählten. Der Krieg des Deutschen Bundes gegen Dänemark 1848 machte deutlich, dass auch die starken Bodentruppen der Preußen gegen mittelmächtige Seemächte wie Dänemark relativ chancenlos waren.

Das Königreich Preußen begann in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit dem Aufbau einer kleinen Marine. Dabei galt die Royal Navy als Vorbild. Auch der Schöpfer der deutschen Hochseeflotte im Kaiserreich, Admiral Tirpitz, hatte als junger Seeoffizier die britische Flotte kennengelernt.

Tirpitz wurde 1898 zum Staatssekretär im Reichsmarineamt ernannt. Die Flotte fiel in die Zuständigkeit des Bundes. Kaiser Wilhelm II., seit 1888 auf dem Thron, war ein glühender Bewunderer der Seemacht. Seiner Auffassung nach konnte das Kaiserreich nur Weltmacht sein, wenn es eine starke Flotte besäße.

In den neunziger Jahren verfügte die deutsche Marine nur über veraltete Schiffe. Ein Neubauprogramm war dringend nötig. Der Kaiser neigte einer Flotte aus Kreuzern zu. Tirpitz wollte die Stunde nutzen, um eine Schlachtflotte zu bauen. Deutschland besaß zu wenig Kolonien und Häfen, um die weltweit operierenden Kreuzer mit Kohle und Munition zu versorgen.

Eine Flotte bestehend aus Linienschiffen wäre auf die Nordsee und Teile des Atlantiks beschränkt gewesen. Das Linienschiff operierte in Geschwadern zu je sechs oder acht Einheiten und war mit schwerer Artillerie ausgestattet. In Kiellinie feuernd, konnte es eine optimale Schlagkraft entfalten. Dies setzte voraus, dass die Besatzungen bestimmte Manöver beherrschten und mit den Geschützen umgehen konnten.

Gerade diese Eigenschaften hatten der Royal Navy zwischen 1797 und 1805 zu ihren Siegen verholfen. Doch die Erben Nelsons waren auf ihren Lorbeeren eingeschlafen.

Als Deutschland mit dem Aufbau seiner Hochseeflotte begann, waren die Briten sich ihrer Überlegenheit so sicher, dass es englische Kriegsschiffe gab, die noch nicht einmal die Pflichtschießübungen absolvierten. Wer sollte ihnen schon gefährlich werden?

Sir Jackie Fisher, ab 1904 Erster Seelord, erkannte die Defizite der Royal Navy. Er förderte die Karriere von John Jellicoe, einem nüchternen, tüchtigen Offizier, der ebenfalls einen großen Respekt vor der neuen deutschen Marine und ihrer Leistungsfähigkeit besaß.

Jellicoe war ein sehr fähiger Offizier, der aber sich zu stark mit Einzelheiten beschäftigte. Weder Fisher noch Jellicoe schafften es vor dem Ersten Weltkrieg, die Kommandanten der Kriegsschiffe wieder in jenem Geist zu erziehen, der die Royal Navy bei Trafalgar 1805 stark gemacht hatte: die Fähigkeit, Eigeninitiative zu entwickeln. Britische Kommandanten warteten auf die Befehle, die am Flaggenmast des Admiralsschiffes erschienen. Immerhin wurden neue Schlachtschiffe gebaut und wieder Schießübungen abgehalten.

Als der Erste Weltkrieg 1914 begann, zwang die Admiralität, Jellicoe das Kommando über die „Grand Fleet“ anzutreten. Mit Vizeadmiral Reinhard Scheer hatte 1916 ein neuer Flaggoffizier den Oberbefehl über die deutsche Hochseeflotte übernommen. Bis dahin zwang ein Befehl des Kaisers, die Marine keinem Risiko auszusetzen. Scheer war kein Mann, der sich von solchen Direktiven beeinflussen ließ.

Die Seeschlacht

Jellicoe wurde am 30. Mai 1916 über den Inhalt abgehörter deutscher Funksprüche informiert, die einen Vorstoß in die Nordsee erwarten ließen. Die Deutschen liefen in den ersten Morgenstunden des 31. Mai 1916 aus Wilhelmshaven aus. An der Spitze der deutschen Flotte dampfte das Geschwader der Schlachtkreuzer unter Vizeadmiral von Hipper. Etwa anderthalb Stunden dahinter folgte das Gros der deutschen Schlachtflotte.

Die Briten hatten bereits vor Mitternacht, also noch am 30. Mai 1916, ihre Stützpunkte im Norden Englands verlassen. Mehrere Geschwader steuerten auf einen Zielpunkt in der Nordsee zu, an dem sie sich gegen Mittag des 31. Mai 1916 vereinigen sollten. Jellicoe wusste, dass die ganze deutsche Hochseeflotte die Anker gelichtet hatte, während Scheer damit rechnete, lediglich einen Teil der ‚Grand Fleet‘ zum Gefecht zu stellen.

Die Schlacht begann am Nachmittag des 31. Mai 1916. Beide Vorhuten trafen gegen 16.25 Uhr aufeinander. Das Treffen der Vorhut entschieden die Deutschen für sich: Zwei britische Schlachtkreuzer explodierten. Ab 19.00 Uhr wurde das Skagerrak zum Schlachtfeld der wohl größten Seeschlacht, die noch ohne Flugzeugträger ausgetragen wurde.

Als schließlich gegen 19.00 Uhr die beiden Hauptflotten aufeinandertrafen, wirkte sich die britische Überlegenheit voll aus. Vizeadmiral Scheer konnte nur durch waghalsige Manöver die Hochseeflotte aus der britischen Umklammerung befreien. In dieser Phase waren die Gegner einander ebenbürtig, was ihre Schießleistungen anging; in der Flotten- und Schiffsführung erwiesen sich die Deutschen als deutlich überlegen.

Um 21.00 Uhr gab Jellicoe bei hereinbrechender Dunkelheit den Versuch auf, den Gegner zu stellen. Als am 1. Juni 1916 der Morgen über der Nordsee heraufdämmerte, war die deutsche Hochseeflotte auf dem Rückmarsch.

Wie ist der Ausgang der Schlacht zu werten?

Trotz einer zahlenmäßigen Überlegenheit bei den Linienschiffen und Schlachtkreuzern waren die britischen Verluste eindeutig höher. Drei britische Schlachtkreuzer und drei Panzerkreuzer gingen verloren. Teilweise waren es Totalverluste: Treffer in die schlecht gepanzerten Munitionskammern führten zu Explosionen, die nur wenige Besatzungsmitglieder überlebten. 14 britische Einheiten sanken in der Schlacht; 6094 Angehörige der Royal Navy starben.

Auf deutscher Seite ging ein Schlachtkreuzer verloren; er musste in der Nacht beim Rückmarsch aufgegeben werden. Der Teil der Besatzung, der die Schlacht überlebt hatte, wurde von Torpedobooten aufgenommen. Das Linienschiff Pommern sowie kleinere Einheiten sanken ebenfalls; insgesamt hatte die kaiserliche Marine 11 Schiffsverluste und 2551 Tote zu beklagen.

In taktischer Hinsicht könnte man von einem deutschen Sieg sprechen. Die Hochseeflotte erwies sich einem zahlenmäßig stärkeren Gegner als zumindest ebenbürtig. In einer für die Deutschen sehr prekären Phase der Schlacht, als Jellicoe gegen 19.00 Uhr für einen kurzen Moment seine zahlenmäßige Überlegenheit hätte ausspielen konnte, bewies Scheer kühle Entschlossenheit und ließ seine Geschwader Manöver durchführen, die man in der Navy nicht beherrschte. Hier zeigten die Deutschen, dass ihr seemännisches Können den Briten überlegen war.

Während der Nacht, bei vereinzelten Gefechten, demonstrierte die kaiserliche Marine, dass ihre Artillerie auch mit diesen Umständen besser zurecht kam. Doch Tatsache ist auch, dass die Deutschen sich zurückzogen. Sie hatten sich gegen einen doppelt so starken Gegner mehr als achtbar geschlagen, wären aber wohl kaum in der Lage gewesen, die Kampfhandlungen am 1. Juni 1916 mit Aussicht auf Erfolg fortzusetzen.

Die strategische Ausgangslage blieb bestehen. England konnte seine Blockade aufrechterhalten. Und das war aus Sicht der Briten ein sehr wichtiges Ergebnis. Die ‚Grand Fleet‘ beschränkte weiterhin den Handlungsspielraum der deutschen Marine auf die Deutsche Bucht.

Doch in England reagierte man in den ersten Junitagen des Jahres 1916 geschockt: ein zweites Trafalgar hatte es nicht gegeben. Jellicoe blieb im Schatten Nelsons. Die Deutschen waren keineswegs von der See gefegt worden, sondern hatten sich zumindest behauptet. Dass die britische Seite einen größeren strategischen Nutzen aus der Schlacht zog, war der englischen Öffentlichkeit schwer zu vermitteln. Sie feierte dagegen Vizeadmiral David Beatty, den Kommandeur der britischen Vorhut, der im Skagerrak mehr Schneid als Überblick bewies und schwere Fehler beging, dafür aber dem Idealbild eines gut aussehenden Haudegens entsprach.

Analysiert man den Verlauf der Schlacht genauer, treten alle Mängel der Royal, an deren Beseitigung Jellicoe seit 1904 gearbeitet hatte, zutage. Die britische Vorhut unter Beatty war im Gegensatz zur deutschen nicht in der Lage, den genauen Standort des Gegners festzustellen und ihren taktischen Auftrag zu erfüllen, nämlich die deutschen Kräfte an das Gros der ‚Grand Fleet‘ heranzuführen. Zwischen 17.00 und 18.00 Uhr erhielt Jellicoe widersprüchliche Meldungen über den Kurs der deutschen Flotte.

Während Scheer von Vizeadmiral Hipper richtig informiert wurde (dass hinter der britischen Vorhut das Gros der Engländer folgte, konnte auch Hipper nicht wissen), musste Jellicoe seine Entscheidungen aufgrund einer unvollständigen Lage treffen. Die Sicht war schlecht und Radar gab es noch nicht. In dieser Situation reagierte der Befehlshaber der ‚Grand Fleet‘ richtig: Seine Befehle führten dazu, dass Scheer und die Hochseeflotte sich gegen 19.00 Uhr einer Feuer speienden Wand britischer Linienschiffe gegenübersahen, denen die Deutschen nur durch waghalsige Wendemanöver entkommen konnten. Die aussichtslose Lage des deutschen Admirals zu diesem Zeitpunkt war das Ergebnis der besseren Taktik des britischen Flottenführers.

Vizeadmiral Reinhard Scheer reagierte glänzend: Er ließ seine Flotte im gegnerischen Feuer abdrehen, um 45 Minuten später wieder plötzlich Kurs auf den Feind zu nehmen. Der erneute Angriff verunsicherte die Briten und führte noch einmal zu einigen Schusswechseln, ehe Scheer sich entschloss, die Schlacht endgültig abzubrechen. Unter dem Schutz der deutschen Schlachtkreuzer und Torpedoboote, die einen Entlastungsangriff fuhren, zog sich die Hochseeflotte zurück. Jellicoe wiederum, dem auch Untersee-Boote gemeldet worden waren, setzte nicht nach. Er hoffte, am nächsten Morgen die Schlacht wieder aufnehmen zu können, doch da befanden sich die kaiserlichen Schiffe schon auf dem Weg nach Wilhelmshaven.

Gemessen an der strategischen Situation Englands und seiner Verbündeten tat Jellicoe am Abend des 31. Mai 1916 das Richtige: Er ging kein Risiko ein. Ein deutscher Sieg hätte die Lage des Kaiserreiches deutlich verbessern können. Die Führung des britischen Admirals an diesem Tag mag nicht spektakulär gewesen sein; er kannte die Vorzüge, aber auch die Mängel der ‚Grand Fleet‘, und er beging nicht den Fehler, die Deutschen zu unterschätzen. Sein Pech bestand darin, dass er an den Leistungen eines Nelson gemessen wurde, und dass er Kritiker hatte, die in den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg deutlicher in Erscheinung traten als Jellicoe: Winston Churchill und Vizeadmiral David Beatty.

Hinzu kam, dass die positiven Auswirkungen für England, die Jellicoe zu verdanken waren, nicht in das Bild passten, das die Briten von ihrer Flotte hatten. Skagerrak war ein wichtiger, aber unscheinbarer Erfolg. Winston Churchills Kritik an der Führung des Admirals beeinflusste die Öffentlichkeit lange. Immerhin musste auch Churchill einräumen, dass Jellicoe der einzige alliierte Oberbefehlshaber war, der den Krieg an einem Nachmittag hätte verlieren können – womit er indirekt zugab, dass die vorsichtige Handlungsweise des Admirals ihre Gründe haben mochte.

Beatty, der 1916 die Nachfolge von Jellicoe als Oberbefehlshaber der ‚Grand Fleet‘ antrat und 1919 Erster Seelord wurde, verhinderte nach dem Krieg das Erscheinen eines Untersuchungsberichtes, der seine Fehler als Kommandeur der britischen Vorhut benannte, und in der Öffentlichkeit sicher zu einem positiveren Bild von Jellicoe geführt hätte. Der englische Oberkommandierende im Skagerrak ging 1920 als Generalgouverneur nach Neuseeland und konnte sich nur mit einem schriftlichen Beitrag in die Debatte einschalten, die in den frühen zwanziger Jahren beinahe zu einer schädlichen Parteibildung im Offizierkorps geführt hätte. Daran war die Regierung nicht interessiert.

Der Historiker Corelli Barnett würdigte Jellicoe als den „Seemann mit dem schartigem Degen“, der am 31. Mai 1916 das Optimum dessen erreicht habe, was möglich gewesen sei. Die Schlacht habe gezeigt, dass die Industriemacht England sich bereits im Niedergang befunden habe. Die deutschen Linienschiffe seien den britischen von der Qualität her überlegen gewesen; die Entfernungsmesser der deutschen Richtschützen hätten die optischen Geräte der britischen Artilleristen deutlich hinter sich gelassen. Im Skagerrak zeigte sich der technische Vorsprung der deutschen Industrie gegenüber der veralteten britischen Technik. Was Englands Ingenieure den Nachfahren Nelsons an die Hand geben konnten – so Barnett – das waren schartige Degen. Damit mochte man sich tapfer schlagen und ein wichtiges Unentschieden erreichen, aber ein zweites Trafalgar wurde so unmöglich.

Auf deutscher Seite wiederum erkannte man 1916, dass die Hochseeflotte bei aller Tüchtigkeit den Krieg nicht zugunsten des Kaiserreiches entscheiden konnte. Die Öffentlichkeit feierte noch den vermeintlichen Triumph, als Vizeadmiral Scheer dem Kaiser einen Bericht vorlegte, der den uneingeschränkten Einsatz der Unterseeboote empfahl, um den Krieg zu entscheiden. Die Hochseeflotte war dazu nicht mehr fähig. Zu einer weiteren Seeschlacht wie im Skagerrak sollte es im Ersten Weltkrieg nicht mehr kommen.

Aber der Schüler hatte sich seinem Lehrmeister als ebenbürtig erwiesen.

 

Fotonachweis: Von Unbekannt – Konteradmiral a.d. Lützow: Der Nordseekrieg: Doggerbank – Skagerrak (Marinearchiv, vol. 1), Oldenburg 1931., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=142270