Das Ende der „Admiral Graf Spee“

Am Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts stellte die Bundesmarine drei neue Zerstörer in Dienst. Sie sollten nach Offizieren benannt werden, die sich in der deutschen Militärgeschichte einen Namen gemacht hatten. Heer, Marine und Luftwaffe konnten einen Namenspatron vorschlagen. Die Marine entschied sich für Admiral Lütjens, der 1941 mit dem Schlachtschiff Bismarck untergegangen war. In aussichtsloser Lage hatte Lütjens eine Kapitulation abgelehnt. 2100 Mann starben, weil Admiral Lütjens nicht die Flagge streichen wollte.

Zwei Jahre vorher stand ein Kommandant eines deutschen Kriegsschiffes vor einer ähnlichen Entscheidung: Kapitän zur See Hans Langsdorff, Kommandant des Panzerschiffes „Admiral Graf Spee“. Langsdorff versenkte sein Schiff und rettete damit einem Großteil seiner Besatzung das Leben.

In diesem kurzen Aufsatz geht es nicht so sehr um das Seegefecht. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der eine Entscheidung traf, die in der deutschen Marinegeschichte meines Wissens in dieser Form einmalig war.

Die „Westentaschenpanzerkreuzer“

Der Artikel 181 des Versailler Vertrages von 1919 legte genau fest, wie stark die deutschen Seestreitkräfte sein durften: sechs ältere Linienschiffe, sechs leichte Kreuzer, zwölf Zerstörer und zwölf Torpedoboote wurden dem Reich zugebilligt. Unterseeboote waren verboten. Die Linienschiffe und Kreuzer durften eine bestimmte Größe nicht überschreiten und konnten erst nach 20 Jahren ersetzt werden. Das Personal wurde auf 15 000 Mann begrenzt. Deutschland gehörte damit wieder zu den zweitrangigen Seemächten.

Ab Mitte der zwanziger Jahre konnte die Reichsmarine ihre veralteten Schiffe durch Neubauten ersetzen. Die deutschen Konstrukteure entwarfen einen Schiffstyp, der als „Westentaschenpanzerkreuzer“ in die Seekriegsgeschichte einging. Die Schiffe der sogenannten „Deutschlandklasse“ durften laut Versailler Vertrag nicht größer sein als 10 000 Bruttoregistertonnen. Das entsprach der Größe eines Schweren Kreuzers. Die Neubauten der Reichsmarine waren stärker bewaffnet als englische, französische oder amerikanische Kreuzer und schneller als deren Schlachtschiffe. Ein „Westentaschenpanzerkreuzer“ konnte einen gleich großen Gegner mit überlegener Artillerie bekämpfen, einem Gefecht mit einem feindlichen Schlachtschiff dagegen aus dem Weg gehen. Drei Schiffe dieses Typs wurden Anfang der dreißiger Jahre in Dienst gestellt und dokumentierten damit den Anspruch der Reichsmarine, sich nicht nur mit offensivem Küstenschutz zu begnügen. Der große Aktionsradius ermöglichte auch Operationen im Atlantik.

1936 wurde die „Admiral Graf Spee“ in Dienst gestellt. Spee, Vizeadmiral der kaiserlichen Marine, hatte im Ersten Weltkrieg ein Kreuzergeschwader befehligt, das im südlichen Pazifik bei Coronel vor der Küste Chiles einen britischen Flottenverband besiegte. Am 8. Dezember 1914 wiederum nahmen die Briten bei den Falklandinseln Rache: Die deutschen Schiffe wurden von einer gegnerischen Übermacht geschlagen. Das Schicksal des nach Graf Spee benannten Schiffes sollte sich ebenfalls im Südatlantik entscheiden.

Einsatz im Südatlantik

Seit 1938 kommandierte Kapitän zur See Hans Langsdorff die „Admiral Graf Spee“. Am 21. August verließ das Schiff seinen Heimathafen Wilhelmshaven mit Kurs Südatlantik. Die Seekriegsleitung in Berlin hatte es für den Handelskrieg gegen die britischen Nachschubwege vorgesehen. Gefechten mit gegnerischen Flottenverbänden sollte das Panzerschiff aus dem Wege gehen. Zwischen dem 30. September 1939 und dem 7. Dezember 1939 versenkte die „Admiral Graf Spee“ neun Frachter. Dabei versuchte der Kommandant, dass Leben der Besatzungen der Kauffahrer zu schonen. Die Matrosen der Handelsschiffe wurden dem Versorgungsschiff „Altmark“ übergeben, während die Offiziere an Bord der „Admiral Graf Spee“ blieben.

Langsdorff wechselte ständig das Seegebiet. Im britischen Oberkommando glaubte man, mehrere deutsche Kreuzer wären im Einsatz. Ende November entschloss sich Langsdorff, nach Deutschland zurückzukehren, denn die Motorenanlage der „Admiral Graf Spee“ musste überholt werden. Vorher wollte er noch mit seinem Schiff an der Küste Südamerikas den Getreidetransportern auflauern, die dort verkehrten. Am 13. Dezember 1939 sichteten die Posten im Ausguck des Panzerschiffes auf der Höhe des Rio de la Plata gegen 6:00 Uhr Rauchfahnen. Obwohl es sich um einen Verband von drei britischen Kriegsschiffen handelte, entschied sich Kapitän zur See Hans Langsdorff entgegen der Weisung der Seekriegsleitung zum Angriff.

Es handelte sich um den schweren Kreuzer „Exeter“ und die beiden leichten Kreuzer „Ajax“ und „Achilles“. Um 6.17 Uhr fiel der erste Schuss. Der Führer des britischen Verbandes, Commodore Harwood, teilte geschickt seine Einheiten und nahm seinen Gegner „in die Zange“. Die „Admiral Graf Spee“ konnte ihr Feuer deshalb nicht auf eine britische Linie konzentrieren. Langsdorff versuchte zunächst, das stärkste gegnerische Schiff, den schweren Kreuzer „Exeter“, auszuschalten. Die Artillerie des deutschen Panzerkreuzers setzte der „Exeter“ heftig  zu. „Achilles“ und „Ajax“ konnten gerade noch verhindern, dass der schwere britische Kreuzer versenkt wurde. Um 7.15 Uhr drehte die „Exeter“ ab; sie war kampfunfähig geschossen und trat den Rückmarsch zu den Falklandinseln an.

Die Seeschlacht war damit beendet, denn die beiden anderen britischen Kreuzer waren nicht stark genug, um den deutschen Panzerkreuzer zu gefährden. Aber auch das deutsche Schiff hatte Verluste zu beklagen: 36 Mann waren gefallen; 60 zum Teil schwer verletzt. Die „Graf Spee“ hatte zwei Treffer oberhalb der Wasserlinie erhalten. Viel schwerer wog aber der Ausfall der Treibstoff- und Schmierölreinigungsanlage. Sie musste dringend repariert werden.

Kapitän zur See Hans Langsdorff erlitt zwei Verwundungen; bei der zweiten Verletzung verlor er für einige Minuten das Bewusstsein. Unmittelbar nach der Feuereinstellung inspizierte er die Schäden. Langsdorff erkannte, dass die Schäden nicht mit Bordmitteln behoben werden konnten und beriet sich mit seinen Offizieren. Es blieb nur eine Möglichkeit: Die „Admiral Graf Spee“ musste einen neutralen Hafen anlaufen, um die Schäden reparieren zu lassen. Das Schiff befand sich ca. 200 Seemeilen östlich der La-Plata-Mündung. Nach einem Blick auf die Seekarte schied Argentinien für Langsdorff aus, weil Buenos Aires durch seichtes Fahrwasser schwer für die „Admiral Graf Spee“ zu erreichen war. Das Panzerschiff nahm Kurs auf Montevideo. Kurz nach Mitternacht, am 14. Dezember 1939, warf die „Admiral Graf Spee“ im Hafen der Hauptstadt von Uruguay Anker.

In den Fängen der Politik

Uruguay neigte traditionell den Engländern zu, und der Einfluss des britischen Botschafters machte sich sofort bemerkbar. Das Hamburger Nachrichtenmagazin „SPIEGEL“ schrieb 1968, der Vertreter des Foreign Office, Sir Eugen Millington-Drake, hätte maßgeblich das Schicksal des deutschen Kriegsschiffes bestimmt. Während Langsdorff bei einer Audienz im Außenministerium von Uruguay eine Frist von mehreren Wochen für die nötigen Reparaturen forderte (im Ersten Weltkrieg hatte es einen Präzedenzfall gegeben), billigte eine Kommission der Marine von Uruguay 48 Stunden zu. Doch selbst wenn Langsdorff mehr Zeit bekommen hätte; die Vertreter der englischen Botschaft hatten schon dafür gesorgt, dass die heimische Werftindustrie „volle Auftragsbücher“ hatte. Die „Admiral Graf Spee“ hätte ihre Schäden nicht reparieren lassen können.

Doch nun versuchte der britische Botschafter, den Aufenthalt der „Admiral Graf Spee“ zu verlängern, damit die Royal Navy größere Kampfschiffe zum Rio de la Plata schicken könne. „Ajax“ und „Achilles“ waren leichte Kreuzer und konnten es auf sich gestellt nicht mit dem deutschen Panzerkreuzer aufnehmen. Kurz vor Ablauf der 48 Stunden, am Samstag, dem 16. Dezember 1939, verließ ein englisches Frachtschiff den Hafen von Montevideo. Millington-Drake wies den Außenminister von Uruguay auf eine Bestimmung des internationalen Rechts hin, wonach die „Admiral Graf Spee“ in den nächsten 24 Stunden im Hafen bleiben müsse, denn dem Handelsschiff stünden 24 Stunden zu, um einen Vorsprung zu erlangen.

Auf dem deutschen Panzerschiff glaubte man hingegen, ein britisches Schlachtschiff sei schon zu den Kreuzern gestoßen, die vor dem Rio de la Plata patrouillierten. Langsdorff stand in ständigem Kontakt mit der Seekriegsleitung in Deutschland. Man gab ihm freie Hand, den Durchbruch nach Buenos Aires zu erzwingen oder das Schiff in neutralen Gewässern zu versenken.

Anscheinend gingen die Admiralstabsoffiziere in Berlin davon aus, dass Langsdorff vorher mit der restlichen Munition dem britischen Blockadegeschwader ein letztes Gefecht liefern würde, ehe er die Flutventile öffnen ließ. Doch der Kommandant hatte einen anderen Plan: Er wollte seinen Männern eine aussichtslose Schlacht und damit einen sinnlosen Tod ersparen. Die Besatzung bereitete am 17. Dezember die Selbstvernichtung vor. Das robust gebaute Schiff sollte – nachdem die Matrosen von Bord gegangen waren – in die Luft gesprengt werden. Ein deutsches Frachtschiff würde sie anschließend nach Buenos Aires bringen.

Am 17. Dezember lichtete die „Admiral Graf Spee“ um 18.00 Uhr die Anker. Ein deutscher Frachter begleitete sie. Tausende säumten das Ufer, um Zeuge der erwarteten Seeschlacht zu werden. Als das deutsche Kriegsschiff die Dreimeilenzone und damit internationales Seegebiet erreicht hatte, stoppte es. Die Besatzung ging von Bord und wurde von dem deutschen Begleitschiff aufgenommen. Dann wurde die Munition gezündet, die das Panzerschiff versenken sollte. Die „Admiral Graf Spee“ ähnelte einem Vulkan, der glühende Lava in den Himmel speit. Das Wrack sank, aber drei Tage lang standen Rauchsäulen über dem Rio de la Plata. Die britischen Schiffe hatten keinen Schuss abgeben können.

„Bis zur letzten Patrone“

Am Abend des 17. Dezember 1939 erschoss sich Kapitän zur See Hans Langsdorff in einem Hotelzimmer in Buenos Aires. Man fand seine Leiche auf der Kriegsflagge der „Admiral Graf Spee“.

Warum erschoss sich Langsdorff? Am 17. Dezember 1939 schrieb er zwei Briefe: einen an seine Mutter, einen an seine Ehefrau. Langsdorff hatte verfügt, dass die Briefe nur im Falle seines Todes weitergegeben werden sollten. Im Brief an seine Frau Ruth heißt es:

„So war mein Entschluss (die Selbstversenkung, die Verfasserin) nicht leicht, aber zwei Richtlinien, die ich mir am Anfang unserer Unternehmung gesetzt hatte, gaben die Richtschnur. Zum ersten, die Bereitschaft jede Verantwortung zu übernehmen, auch unter restlosem Einsatz meiner ganzen mir ans Herz gewachsenen Besatzung, solange auch nur eine geringe Chance besteht, dem Feind zu schaden und damit unserer heiligen Sache zu nutzen. Zum anderen die kühle Überlegung, meine Leute nicht zwecklos in den Tod zu jagen, aber die Ehre des Schiffes zu wahren, die Ehre der Flagge und zwar bis zum letzten.“

Möglicherweise trägt diese Briefstelle dazu bei, das Verhalten von Langsdorff zu erklären. Als Offizier war es seine Aufgabe, den Feind zu bekämpfen, vorausgesetzt, der von ihm gegebene Befehl rechtfertigte die Risiken. Langsdorff glaubte am Morgen des 13. Dezember, er könne mit seiner Artillerie den britischen Kreuzerverband schlagen. Seine Entscheidung, Montevideo anzulaufen, wird häufig als Fehler betrachtet. Am 16. Dezember 1939 war endgültig klar, dass die „Admiral Graf Spee“ keine ausreichende Frist bekam, um die Schäden zu reparieren. Mit seinen Offizieren erwog Langsdorff in einer Besprechung, vor der Selbstversenkung noch das Gefecht zu suchen und möglicherweise einen Gegner zu vernichten.

In der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember hielt sich Langsdorff in der deutschen Botschaft auf. Gesandter Langmann versuchte noch einmal, beim Außenminister von Uruguay eine Fristverlängerung zu erwirken, aber die Regierung des südamerikanischen Landes bestand darauf, dass die „Admiral Graf Spee“ am 17. Dezember bis 20.00 Uhr auslaufen müsste. Daraufhin fasste Kapitän zur See Hans Langsdorff den Entschluss zur Selbstversenkung, ohne den Gegner noch einmal anzugreifen. Gegenüber seinen erstaunten Offizieren machte er deutlich, dass die „Admiral Graf Spee“ seiner Meinung nach dem Feind nicht mehr schaden könne und der Tod der ca. 1000 Besatzungsmitglieder nicht zu rechtfertigen wäre. Dies war die „kühle Überlegung“, von der Langsdorff in seinem Brief an seine Ehefrau sprach. Er sah nicht die geringste Erfolgsmöglichkeit und zog daraus die Konsequenz, das Schiff zu zerstören und die Besatzung zu retten.

Doch gleichzeitig wollte Langsdorff „die Ehre des Schiffes“ und „die Ehre der Flagge“ wahren. Meiner Meinung nach könnte dies ein Motiv für seinen Freitod auf der Kriegsflagge gewesen sein.

In Deutschland erließ der Oberbefehlshaber der Marine, Großadmiral Erich Raeder, am 20. Dezember 1939 einen Befehl, wonach jedes Schiff der Marine „bis zur letzten Patrone“ zu kämpfen hätte. Das Verhalten Langsdorffs wurde als indiskutabel betrachtet. Seiner Witwe verweigerte man die Pension.

Bei der Beerdigung von Langsdorff am 22. Dezember 1939 in Buenos Aires legte eine Abordnung von Offizieren der englischen Handelsschiffe einen Kranz nieder. Auch die in Argentinien gebliebenen Besatzungsmitglieder des Panzerschiffs hielten das Ansehen ihres Kommandanten in Ehren. Das Grab wird noch heute gepflegt.

 

Das Zitat entnahm ich einem Vortrag von Hans-Jürgen Kaack: „Führungsentscheidung in einer Grenzsituation: Kapitän zur See Hans Langsdorff vor und in Montevideo 1939″ (http://www.mkbug.de/vortrag.pdf).

Das Foto entnahm ich Wiki Commons. Es stammt aus dem Bundesarchiv und wurde 1936 von einem Unbekannten aufgenommen.