Meine kurze Zeit als „Genossin“

Nach langem Zögern entschloss ich mich 2014, einer politischen Partei beizutreten: der SPD. Mein Vater war dort Mitglied, mein Urgroßvater auch und ich dachte, man müsse sich engagieren und nicht nur kritisieren. Als die Umfragewerte für die SPD immer weiter in den Keller gingen, sagte ich mir: Okay, als passiv-förderndes Mitglied mache ich mit. Denn Vereine oder vereinsähnliche Organisationen – und vor allem das Vereinsleben –  sind mir zuwider.

Ich meldete mich an, und nach kurzer Zeit nutzte der Parteikassierer seine Vollmacht. Ich hatte mich meinem Einkommen gemäß eingeschätzt. Von dem Geld hätte ich mir jeden Monat ein Kleid oder ein paar Bücher leisten können. Aber man soll im Leben ja nicht nur an materielle Ziele denken. Und mir war von Anfang an klar, dass ich mich nur als Beitragszahlerin nützlich machen könnte. Für ein Funktionärsamt bin ich völlig ungeeignet. In der Fußgängerzone Flugblätter verteilen – da fehlt mir der Mut. Oder in Wahlkampfzeiten Nelken an den Mann oder die Frau zu bringen – fast schon peinlich. Nein, so etwas mag ich nicht, aber wenigstens finanziell wollte ich etwas für die „gute Sache“ tun.

Nach wenigen Tagen kam ein Brief von Sigmar Gabriel. Ich weiß nicht, ob ich mit dem zur Schule gegangen bin. Ein paar Vollschlanke mit großer Klappe hatten wir ja. Der Sigmar war sofort per „Du“ mit mir. Er fand es ganz toll, dass ich beigetreten wäre, denn die Partei bräuchte mich. Seit 1863 würde die SPD dafür sorgen, dass es in Deutschland sozial gerecht zuginge. Bald würde ich meinen Ortsverein kennenlernen und ein Ortsverein, das wäre eine ganz tolle Sache. Ich fühlte mich in die Zeit der Kindergeburtstage zurückversetzt und fragte mich, ob es im Ortsverein Negerküsse gäbe und man dieses Wort dort auch benutzen dürfte. Nein, der Ortsverein, so spürte ich sofort, war kein Ort für mich.

Also meldete sich eine junge Dame, eine „Genossin“. Das Mädchen hätte meine Tochter sein können (der Kelch ging aber an ihr und mir vorüber) – und sie belehrte mich, dass wir per „Du“ zu sein hätten – so als stünden wir beide im Kittel und mit Kopftuch am Fließband. Sie als Romanistin und ich als Historikerin – echte Arbeiterinnen eben. Ich fragte sie, ob sie Herrn Steinbrück auch duzen würde. Natürlich, antwortete sie.

Da die SPD sich als „links und frei“ versteht, war ich so frei, weiter das „Sie“ zu verwenden und das „Du“ zu überhören.

Dann schickte mir die SPD ein rotes Kärtchen. Das war wirklich eine gute Sache und hätte gut zu meinem Kleinen Schwarzen gepasst.

Ansonsten erhielt ich Post, die vom Inhalt her der Boulevardpresse ähnelte. Wahlen standen an und eine Funktionärin erklärte, „wir wollen unsere Wahlkreise zurück“. Ich dachte immer, dass diese Frage vom Wähler entschieden wird. Nach mehreren Wochen warf ich den Kram ungelesen in die Mülltonne.

Kurz danach unternahm ich den Versuch, mich einmal sinnvoll zu betätigen. Ich telefonierte mit der Funktionärin (die mit den Wahlkreisen). Sie meinte, ich solle doch ein Seminar über Parteigeschichte anbieten. Nichts leichter als das – ich war mal als Dozentin in der beruflichen Bildung und als Lehrbeauftragte an einer Universität tätig.

Am nächsten Tag schickte ich ihr ein Konzept. Ausgehend vom aktuellen Parteiprogramm wollte ich mit den Parteimitgliedern die verschiedenen politischen Strömungen, die die Sozialdemokratie heute beeinflussen, mal näher unter die Lupe nehmen. Wenn jemand die Genossinnen oder Genossen gefragt hätte, was denn unter „sozialer Demokratie“ zu verstehen sei, sollten sie „praxisnah“ antworten können. Und das kann man am besten, wenn man die Vorgeschichte des Parteiprogramms kennt.

Nach ein paar Wochen rief mich ein junger „Genosse“ an und meinte, es sei schön, dass sich mal jemand um den „alten Plunder“ kümmern würde. Was ich aber nicht mehr wollte. Denn ich fragte mich mittlerweile, warum ich dieser Organisation angehören würde. So wichtig war der Beitrag meiner Vorfahren zur Geschichte der traditionsreichen Partei nun auch nicht, als dass ich einer familiären Tradition hätte folgen müssen. Die schlechten Umfragewerte konnte ich mittlerweile nachvollziehen. Schon die Tatsache, dass die mich aufgenommen hatten, hätte mich stutzig machen müssen, denn wie sagte schon Groucho Marx: „Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.“ Also beendete ich meine kurze Mitgliedschaft.

Falls „junge Genossen“ diesen Artikel lesen: Nein, Groucho Marx hat nicht das Kommunistische Manifest geschrieben. Das war Karl Marx, der im 19. Jahrhundert „alten Plunder“ produzierte.