Reichskanzler Caprivi und die Politik des „Neuen Kurses“

1890 endete in Deutschland eine Epoche. Fürst Bismarck, der seit 1862 als preußischer Ministerpräsident und seit 1871 als Reichskanzler die deutsche Politik maßgeblich beeinflusst hatte, trat von seinen Ämtern zurück. Nachfolger wurde ein General: Leo von Caprivi, der bis dahin nur wenig mit Politik zu tun hatte. Wer jetzt glaubt, Wilhelm II. wollte eine Militärherrschaft vorbereiten, der irrt. Caprivi sollte nach dem Willen des jungen Kaisers die staatliche Sozialpolitik vorantreiben und die Gegensätze zwischen Arbeiterschaft und Staat abmildern. Seine Amtszeit ist unter dem Namen „Neuer Kurs“ in die Geschichte eingegangen.

Deutschland am Ende der achtziger Jahre

Am Ende der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts zeichnete sich das Ende der Ära Bismarck ab. Der Reichskanzler war 75. Am 15. Juni 1888 bestieg Wilhelm II. den Thron. Der junge Monarch – er war 29 Jahre alt – wollte sein eigener Kanzler sein. Nach außen hin behandelte er Bismarck respektvoll, aber es war ein offenes Geheimnis in Berlin, dass der junge Kaiser die Zügel alleine in die Hand nehmen wollte.

Zu Beginn des Jahres 1890 fanden Reichstagswahlen statt, die den Sozialdemokraten starke Stimmengewinne einbrachten. Nur dank der Wahlkreiseinteilung erhielten sie lediglich 35 Mandate. Das katholische Zentrum, eine Partei der rechten Mitte, konnte mit weniger Stimmen 108 Mandate erreichen.

Bismarck griff nun zu einem Mittel, das er mehrfach angewandt hatte, um an der Macht zu bleiben: Er inszenierte eine Krise mit dem Hintergedanken, dass nur er sie meistern könne. Das Kaiserreich, ein Bund der deutschen Fürsten, sollte aufgelöst und neu gegründet werden. Bei dieser Gelegenheit könnte man auch die Sozialdemokratie endgültig verbieten.

Für einen kurzen Moment schien der junge Monarch nicht abgeneigt zu sein. Doch dann bewies er politische Klugheit und entgegnete dem Reichskanzler, dass eine Politik der Unterdrückungsmaßnahmen wenig sinnvoll sei. Wilhelm II. hoffte auf einen Ausgleich mit der Arbeiterschaft und wollte die staatliche Arbeiterschutzpolitik fortsetzen. Er betrachtete sich als Nachfahre der preußischen Könige, die immer auch Beschützer der Armen gewesen wären. Die zentralen Forderungen der Arbeiter, die Gleichberechtigung als Staatsbürger auch an der Wahlurne oder in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, lehnte Wilhelm allerdings ab.

Bismarck, der die staatliche Sozialpolitik in den achtziger Jahren aus taktischen Gründen begonnen hatte, hielt solche Pläne für romantische Schwärmereien. Eine Arbeiterschutzpolitik im Sinne eines sozialen Absolutismus war in seinen Augen im späten 19. Jahrhundert nicht mehr durchzusetzen. In diesem Punkt dachte Bismarck realistischer als der Kaiser. Der Reichskanzler neigte im Alter wieder dazu, die Arbeiterbewegung mit Gewalt zu bekämpfen. Wilhelm II. war jedoch entschlossen, seinen Willen durchzusetzen. Am 17. März 1890 zwang er den Fürsten zum Rücktritt.

In Berlin wurde das Ende der Kanzlerschaft überwiegend begrüßt. Eugen Richter, ein Linksliberaler und entschiedener Gegner Bismarcks, bemerkte am 21. März 1890: „Gott sei Dank, dass er fort ist! … Es wäre ein Segen für das Reich gewesen, wenn er schon viel früher beseitigt worden wäre. Nicht um der Person willen sagen wir dies, sondern wegen des Regierungssystems, welches Fürst Bismarck befolgte“. Der Liberale beklagte die „Verhetzung der politischen Parteien untereinander, die Verdächtigung der Vaterlandsliebe, das Absprechen des Patriotismus für jeden politisch Andersdenkenden ist die Folge einer durch den Welfenfonds korrumpierten Presse und des Tones, welchen die Kanzlerpresse stets angeschlagen hat gegen alle, welche einmal andere Ansichten bekundeten als der Kanzler …Die Volksvertretung wurde stets in der rücksichtslosesten Weise behandelt und in ihrem Ansehen herabgewürdigt, so oft sie dem Kanzler nicht zu Gefallen stimmte.“ (Der Welfenfonds umfasste 48 Millionen Mark und stammt aus dem Vermögen des 1866 abgesetzten letzten Königs von Hannover. Die Zinsen verwendete Bismarck, um Gegner der Regierung zu bekämpfen.)

Richter kritisierte nicht nur die in seinen Augen falsche Wirtschafts- und Sozialpolitik, vor allem die Schutzzölle und die staatliche Arbeiterschutzpolitik, sondern auch den Stil der bismarckschen Innenpolitik. Die Parteien wurden gegeneinander ausgespielt und mit wirtschaftlichen Zugeständnissen für ihre Wähler geködert. Vor allem hätte Bismarcks Politik – so Richter – die Radikalisierung der Sozialdemokratie gefördert. Nicht dass der Linksliberale mit der SPD sympathisierte – im Gegenteil: Er sah in der Sozialdemokratie eine Gefahr, die Bismarck „künstlich“ gefördert hätte. Richter würdigte die Verdienste des Reichskanzlers für die Einheit Deutschlands; die Innenpolitik des Fürsten hielt er für verhängnisvoll. Am Schluss räumte er aber auch selbstkritisch ein. „Auf die Dauer wird kein Volk anders regiert, wie es regiert zu werden verdient.“ Der liberale Soziologe Max Weber urteilte später: „Er hinterließ eine Nation ohne alle und jede politische Erziehung, tief unter dem Niveau, welches sie in dieser Hinsicht bereist zwanzig Jahre vorher bereits erreicht hatte.“ Martin Wenck, ein Publizist, der später dem national-sozialen Verein angehörte, bekannte 1913 im Rückblick: „So gewaltig erschütternd Bismarcks Sturz wirkte, einem Erdbeben gleich – um der sozialen Frage willen, die gebieterisch alle andern zurückdrängte, empfanden viele Millionen Deutsche diesen Rücktritt doch wie eine Erlösung.“

Der neue Reichskanzler

Leo von Caprivi hatte ein Armeekorps in Hannover kommandiert, als ihn die Ernennung zum Reichskanzler erreichte. Der Historiker John C. G. Röhl kommt in seiner Biografie über den letzten deutschen Kaiser zu dem Ergebnis, dass die Ernennung von Caprivi eine selbstständige Entscheidung des Monarchen war. Aber auch Bismarck schien den Berufsoffizier als Nachfolger in Betracht gezogen zu haben.

Caprivi wurde 1831 geboren. Mit 18 Jahren trat er in ein Garde-Grenadier-Regiment der preußischen Armee ein. 1865 wurde er in den Großen Generalstab versetzt und bewährte sich in den Kriegen gegen Österreich 1866 und Frankreich 1870. Danach folgten Verwendungen im Kriegsministerium und als Divisionskommandeur. Von 1883 bis 1888 erhielt er als Heeresoffizier den Posten des Chefs der Kaiserlichen Marine. Caprivi reformierte die Verwaltung und förderte Kleinkampfschiffe wie die Torpedoboote. Nach fünf Jahren konnte er wieder zum Heer zurückkehren. Er sprach englisch und französisch und überzeugte durch sein ruhiges und souveränes Auftreten.

Der neue Reichskanzler und preußische Ministerpräsident war konservativ, hielt aber wenig von Ausnahmegesetzen gegen die Sozialdemokratie. „Die Regierung kann niederhalten, niederschlagen, damit ist die Sache aber nicht gemacht, die Schäden müssen von innen heraus geheilt werden … Dazu gehört, dass man das Wohlbefinden im Staat, das sich heimisch fühlen, die Teilnahme mit Kopf und Herz an den Aufgaben des Staates in weitere Kreise getragen wird.“ Caprivi hielt den „Kampf gegen die Sozialdemokratie (für) die ernsteste Frage unserer Zeit …“ Aber er wollte den Stil der bismarckschen Innenpolitik nicht fortsetzen. Der neue Reichskanzler nahm den Reichstag ernster als sein Vorgänger, nicht etwa, weil er die Parlamentarisierung des Reiches fördern wollte, sondern weil er es für verhängnisvoll hielt, die Parteien gegeneinander auszuspielen.

Die Nichtverlängerung des Rücksicherungsvertrages

Gleich in den ersten Tagen seiner Amtszeit musste Caprivi eine wichtige Entscheidung treffen. Der russische Botschafter fragte an, ob das Deutsche Reich den Rücksicherungsvertrag mit Russland aus dem Jahr 1887 verlängern würde. Bismarck hatte diesen Geheimvertrag abgeschlossen, um eine französisch-russische Annäherung zu verhindern. Der Rücksicherungsvertrag war typisch für „Bismarcks Politik der Aushilfen“, dem komplizierten Versuch, mit diplomatischen Verträgen die gefährdete Situation des Kaiserreiches in der Mitte des Kontinents abzusichern.

Zwischen dem 23. und dem 27. März 1890 fiel die Entscheidung in Berlin. Caprivi räumte ein, er könne nicht wie Bismarck „mit fünf Glaskugeln spielen, er könne nur zwei Glaskugeln gleichzeitig halten“. Am 23. März ließ sich der neue Reichskanzler von den Fachbeamten des Auswärtigen Amtes Vortrag halten, die eindeutig gegen die Verlängerung Stellung nahmen. In den Augen der Wilhelmstraße (der Adresse des Auswärtigen Amtes) würde der Rücksicherungsvertrag gegen den Zweibundvertrag mit Österreich-Ungarn aus dem Jahr 1879 verstoßen und damit das Kaiserreich als Vertragspartner diskreditieren. Außerdem würde Russland von dem Vertrag mehr profitieren und eine Annäherung Deutschlands an England erschweren.

Die Argumente der Berufsdiplomaten waren nicht von der Hand zu weisen. Zwischen Österreich-Ungarn und Russland wuchsen die Spannungen, weil das Zarenreich sich als Schutzmacht der Slawen empfand, die teilweise unter der Hoheit des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn lebten. Ein russischer Vorstoß in Richtung Balkan musste Österreich-Ungarn gefährden. In dieser Situation schien ein festes Bündnis mit Wien mehr zu zählen als ein vages Abkommen mit Sankt Petersburg. Die politische Abteilung des Auswärtigen Amtes glaubte ohnehin nicht daran, dass sich auf Dauer eine französisch-russische Koalition vermeiden ließe.

Caprivi handelte, wie es sein Ehrgefühl als Soldat gebot: Er wollte keinen neuen Vertrag abschließen, der das verbündete Habsburgerreich gefährden könnte. Außerdem handelte es sich bei dem Abkommen um einen Geheimvertrag. „Solches Geheimnis aber legt eine Mine unter den jetzigen Dreibund, die Russland alle Tage zünden kann“, notierte der Reichskanzler in einem Vermerk vom 22. Mai 1890.

Historiker sind mit dieser Entscheidung des Reichskanzlers nach dem Ersten Weltkrieg hart ins Gericht gegangen. Johannes Ziekursch, ein liberaler Kritiker Bismarcks, kam 1930 zu dem Urteil: „Die von deutscher Seite ohne inneren Zwang vollzogene Lösung der letzten Freundschaftsbande mit Russland raubte der deutschen Außenpolitik die Beweglichkeit, die ihr Bismarck erhalten hatte, die Möglichkeit, Russland und England, Russland und Österreich gegeneinander auszuspielen und selber in der Hinterhand zu bleiben.“

Klaus Hildebrand urteilte 1996 ebenfalls kritisch: „Im anfälligen Spiel der aufeinander wirkenden Kräfte hatte das Reich seinen russischen Halt verloren.“ Deutschland hätte „eine krasse Machteinbuße“ erlitten. Doch hätte dieses Spiel mit fünf Kugeln, um Caprivis Zitat aufzugreifen, auf Dauer Bestand haben können? Was war ein Vertrag mit Russland wert, wenn man vorher schon Österreich-Ungarn Bündnistreue versprochen hatte? Dem Ziel der Wilhelmstraße, die Bündnissysteme überschaubar zu machen, kann eine gewisse Berechtigung nicht abgesprochen werden.

Die deutsche Historiografie sieht heute in der Nichtverlängerung immer noch eine Fehlentscheidung, zieht daraus aber nicht die Schlussfolgerung, dass der Weg in den Ersten Weltkrieg schon vorgezeichnet war. Die Entscheidung machte Deutschland stärker von Österreich-Ungarn abhängig und schürte in Russland die Angst vor einer deutschen Hegemonie. Die vom Auswärtigen Amt angestrebte Annäherung an England kam nicht zustande, weil man in London erkannt hatte, dass Deutschland nun auf einen neuen starken Bündnispartner angewesen war. Dass Berlin sich mit London 1890 darauf einigte, Sansibar gegen Helgoland einzutauschen, war kein Signal für eine deutsch-englische Freundschaft. Außerdem strebten die Diplomaten in der Wilhelmstraße auch kein festes Bündnis mit dem Empire an. Man vertraute darauf, dass die Gegensätze zwischen England, Russland und Frankreich in kolonialpolitischen Fragen ein festes Bündnis der drei Mächte verhinderte. Eine engere Zusammenarbeit mit London wurde zudem in der Bevölkerung weitgehend abgelehnt.

Die Handelsverträge

In der Innenpolitik wollte der Kanzler ebenfalls einen Neuanfang versuchen. Er folgte dabei dem Kaiser, der glaubte, dass bei einem Ausbau des staatlichen Arbeiterschutzes die Sozialdemokratie an Attraktivität verlieren würde.

Am 4. Februar 1890 veröffentlichte Wilhelm II. einen Erlass, in dem er Maßnahmen „zur Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft“ ankündigte. Dabei knüpfte der Kaiser an die staatliche Sozialpolitik unter Wilhelm I. an. Neben der Weiterentwicklung der „Arbeiter-Versicherungsgesetzgebung sind die bestehenden Vorschriften der Gewerbeordnung über die Verhältnisse der Fabrikarbeiter einer Prüfung zu unterziehen …“ hieß es in der Proklamation. Der junge Monarch plante außerdem die Einrichtung von Gewerbegerichten, in die Arbeiter ihre gewählten Vertreter entsenden sollten.

Neben neuen sozialpolitischen Gesetzen sollte auch die Nichtverlängerung des Sozialistengesetzes dazu beitragen, das Verhältnis zwischen Arbeiterschaft und dem Staat zu verbessern. Caprivi sagte am 13. November 1890 im preußischen Abgeordnetenhaus, dass „alle Schritte der Regierung und der gesetzgeberischen Körper auch nach der Richtung hin geprüft werden müssen: wie werden sie wirken in Bezug auf die sozialen Reformen?“

Im Sommer 1890 führte der preußische Handelsminister staatliche Gewerbegerichte ein. Sie setzten sich aus einem Vertreter der Arbeiterschaft, einem Vertreter der Unternehmer und einem Unparteiischen zusammen. Ein Jahr später kam es zu einer Novellierung der Gewerbeordnung, die den Arbeiterschutz ausbaute. Die Sonntagsarbeit wurde endgültig verboten, die tägliche Arbeitszeit für Frauen auf 11 Stunden begrenzt.

Diese Maßnahmen wurden auch von den bürgerlichen und den konservativen Parteien mitgetragen. Zu einer innenpolitischen Machtprobe kam es jedoch, als Reichskanzler Caprivi zwischen 1891 und 1894 einen neuen Kurs in der Wirtschaftspolitik einschlug. Die in der Ära Bismarck in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre geschaffenen Schutzzölle auf Getreide, Holz, Eisen und Vieh sowie die Verbrauchssteuern auf Kaffee oder Nikotin hatten dem Reich zusätzliche Einnahmequellen verschafft und die deutsche Landwirtschaft vor billigen Importen geschützt.

Caprivi plante eine Reduzierung der Zölle, weil Deutschland sich zum Industrieland entwickelte. In seiner Reichstagsrede vom 10. Dezember 1891 führte Caprivi aus, dass die Industrie Absatzmärkte benötige. Diese Absatzmärkte lägen auch im Ausland: „Wir werden sie finden durch den Export; wir müssen exportieren: Entweder wir exportieren Waren, oder wir exportieren Menschen. Mit dieser steigenden Bevölkerung ohne eine gleichmäßig zunehmende Industrie sind wir nicht in der Lage, weiter zu leben.“

Die Reichsregierung schloss zuerst Verträge mit Österreich, Italien und Belgien ab. Diese Politik sollte dazu beitragen, die soziale Lage der Arbeiterschaft zu verbessern. Durch die Senkung der Zölle auf Weizen und Roggen von 5 auf 3,50 Mark pro Doppelzentner sank der Brotpreis. Der Historiker Thomas Nipperdey kommt zu dem Urteil: „Von einer Rückkehr zum Freihandel war nicht die Rede. Dennoch ist von hinterher nicht zu verkennen, dass es sich um einen Systemwechsel handelte.“ Caprivi lehnte es aber ab, die Zölle ersatzlos zu streichen.

Was der Arbeiterschaft und dem Kleinbürgertum nutzte, schadete der Landwirtschaft. Die Lage wurde durch ein Überangebot an Weizen auf dem Weltmarkt noch verschärft. Die Konservativen standen vor einer Neuorientierung. Nun bedienten sie sich einer Sprache, wie man sie bis dahin nicht gehört hatte.

Am 21. Dezember 1892 druckte die in Bunzlau erscheinende „Landwirtschaftliche Tierzucht“ einen Artikel, der die Landwirte zur Opposition aufrief: „Ich schlage nichts mehr und nichts weniger vor, als dass wir unter die Sozialdemokraten gehen und ernstlich gegen die Regierung Front machen, ihr zeigen, dass wir nicht gewillt sind, uns weiter so schlecht behandeln zu lassen, wie bisher und sie unsere Macht fühlen zu lassen …Wir müssen aufhören zu klagen, wir müssen schreien! …Wir müssen schreien, dass es das ganze Land hört, wir müssen schreien, dass es bis in die Parlamentssäle und Ministerien dringt – wir müssen schreien, dass es bis an die Stufen des Thrones vernommen wird!“

Einige Wochen später wurde in Berlin der Bund der Landwirte gegründet. Er entwickelte sich zu einer starken außerparlamentarischen Organisation, die nicht nur die wirtschaftlichen Interessen der Agrarier vertrat. Einer der Gründer des Bundes, Conrad von Wangenheim, machte dies am 24. Dezember 1893 in einem Brief an seinen Bruder deutlich: „Wir können ja leider zunächst eine sehr lebhafte Agitation nicht entbehren, um die träge Masse zu einem Ganzen zu vereinigen, und dass dabei manche sehr scharfen Worte fallen, kann uns bei der Gemeinheit der Angriffe von freisinniger Seite und dem persönlichen Hass der Herren von Caprivi und Marschall (seit 1890 Staatssekretär des Äußeren, die Verfasserin) niemand verdenken, unser Ziel bleibt darum doch dasselbe: Zusammenfassung aller Elemente, welche die christliche Monarchie erhalten wollen, und wir sind der Ansicht, dass sich das Ziel nur auf dem Boden der jetzigen wirtschaftlichen Bewegung erreichen lässt, da das Volk parteimüde ist, und alle politischen Parteien ihre Unfähigkeit erwiesen haben.“

Die innenpolitische Situation spitzte sich zu. Die sozialpolitischen Gesetze konnten den Anstieg der Sozialdemokratie nicht aufhalten. Bei den Reichstagswahlen 1893 gewann die SPD im Vergleich zur letzten Wahl 360 000 Stimmen hinzu. 23 Prozent aller Wähler votierten für die Sozialdemokratie. Die Freisinnige Partei, eine Stütze Caprivis, erlitt eine schwere Niederlage. Auf der rechten Seite verbuchten die Antisemiten starke Stimmgewinne; sie waren mit 16 Abgeordneten im Plenum vertreten. Die Konservativen profitierten nicht von ihrer Agitation gegen die Handelsverträge; sie mussten ein Mandat abgeben und kamen auf 72 Sitze. Von einer breiten konservativen Grundstimmung konnte also keine Rede sein. Doch Caprivis Stellung war geschwächt.

1892 bis 1894: Caprivi verliert an Einfluss

1893 und 1894 passierten die Handelsverträge mit Rumänien und Russland den Reichstag. Die Sozialdemokraten hatten den Vorlagen zugestimmt; die Konservativen aber erklärten, das Tischtuch zwischen ihnen und dem Kanzler sei zerschnitten. 1892 hatte Caprivi auf das Amt des preußischen Ministerpräsidenten verzichtet – ein politischer Fehler, denn sein Nachfolger betrieb eine ausgesprochen konservative Politik. Auf Dauer konnten der größte Bundesstaat des Reiches und die Führung des Reiches keine unterschiedlichen Ziele verfolgen.

Leo Caprivi blieb bei seiner Linie. Er versuchte, das katholische Zentrum in die Regierungspolitik einzubinden und lehnte Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokraten ab. Für seine Handelspolitik wurde der Reichskanzler in den Grafenstand erhoben, aber die Unterstützung des Monarchen für Caprivi ließ nach. Wilhelm hörte wieder stärker auf konservative Stimmen in seiner Umgebung, und die drängten auf eine Ablösung des Reichskanzlers. Aus dem Ruhestand meldete sich Fürst Bismarck zurück. In demagogischen Reden forderte er ein starkes Parlament, dass die Regierung kontrollieren sollte. Dass er mit seinem Regierungsstil die Entwicklung zu einem konstitutionellen Verfassungsleben erschwert hatte, erwähnte er nicht. Hatte er Caprivi früher geschätzt, so warf er ihm nun öffentlich eine verfehlte Außen- und eine schädliche Innenpolitik vor.

Im Januar 1894 kam es zu einer Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem ehemaligen Reichskanzler. In Berlin galten Caprivis Tage im Amt nun als gezählt. Der General wurde gesellschaftlich boykottiert – der Hass der Agrarier bezog sich auch auf die Person des Reichskanzlers.

Im Juli 1894 beklagte sich Wilhelm II. darüber, dass es Caprivi an Fantasie mangeln würde – ein anderer Ausdruck dafür, dass der Kaiser das Vertrauen in ihn verloren hatte. Der Reichskanzler war ihm zu unbequem, denn er vertrat gegenüber dem Monarchen seine Meinung. Hinzu kam, dass der General nicht zum Politiker geworden war – die Winkelzüge des politischen Betriebes lagen ihm nicht. Da seine Handelspolitik vor allem von den Linksliberalen und den Sozialdemokraten unterstützt wurde, hielt man Caprivi irrtümlich für einen gemäßigten Liberalen. 1892 befürwortete er beispielsweise im preußischen Landtag ein Gesetz, das der Kirche mehr Einfluss auf die Schulen einräumte – eine Vorlage, die von den Liberalen entschieden bekämpft wurde. Caprivis Ziel war eine soziale Monarchie über den Parteien. Innere Gegensätze wollte er durch eine ausgleichende Politik mildern. 1893/94 fehlte ihm dafür die Machtbasis. Am 24. Oktober 1894 erhielt er seinen Abschied.

Ein fähiger Kanzler

Die Handelsverträge wirkten sich in den folgenden Jahren positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung aus. Mit seiner Außenpolitik versuchte Caprivi Deutschlands Stellung in der Mitte Europas zu festigen. Als Realist ging er von einer französisch-russischen Annäherung aus, glaubte aber, dass eine besonnene Außenpolitik den Frieden wahren würde. Kolonialpolitische Abenteuer lehnte er deshalb ab.

Im Innern gelang es ihm jedoch nicht, die politischen Spannungen zu mildern. Gerade die Konservativen organisierten sich nun als Massenpartei, die in erster Linie für die Interessen der Landwirtschaft eintrat und sich auch antisemitischen Einflüssen öffnete. Der bekennende Konservative Caprivi stand dieser Entwicklung verständnislos gegenüber und setzte seine Politik fort – auch wenn die Agrarier ihn hasserfüllt angriffen. Konservatismus bedeutete für ihn mehr als nur die Vertretung wirtschaftlicher Interessen.

Nach seiner Entlassung zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Seinen Ruhestand verbrachte er bei seinem Neffen in der Nähe von Frankfurt an der Oder. Leo Graf von Caprivi starb am 6. Februar 1899 auf Gut Sykren bei Messow.