Erich von Manstein – der verhinderte Stratege

Erich von Manstein (1887 bis 1973) gehört zu den wenigen höheren Offizieren des deutschen Heeres, die auch 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer noch die Historiker interessieren. 1949 wurde der Generalfeldmarschall in einem der letzten Kriegsverbrecherprozesse des Zweiten Weltkrieges von den Alliierten angeklagt und zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1953 kam er frei – unter anderem hatte sich der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill für ihn eingesetzt.

Auch nach seiner Entlassung blieb er eine Person des öffentlichen Lebens. Beim Aufbau der Bundeswehr beriet er die Bundesregierung. Sein 1955 erschienenes Buch „Verlorene Siege“ erreichte 1998 die 15. Auflage und wurde in viele Sprachen übersetzt. Manstein gehörte zu den Militärs, die in den fünfziger und sechziger Jahren das Bild von der „sauberen Wehrmacht“ prägten, die nichts mit den Verbrechen des NS-Regimes zu tun gehabt hätte.

In diesem Aufsatz geht es um die Jahre 1943/44. Innerhalb der deutschen Streitkräfte wurde immer intensiver eine Reform der Spitzengliederung diskutiert: Hitler sollte sich nicht mehr in Details der Kriegsführung einmischen, sondern die Leitung der Operationen an allen Fronten einem erfahrenen Feldmarschall überlassen. Ein Name wurde oft für diesen Posten genannt: Erich von Manstein.

Auch Vertreter des Widerstands gegen das NS-Regime bemühten sich in dieser Zeit um den Generalfeldmarschall und wollten ihn für die Unterstützung des Attentats gewinnen.

Manstein, der Hoffnungsträger

Am 4. Dezember 1942 sprach General Alfred Jodl, der Chef des Wehrmachtführungsstabes, mit japanischen Verbindungsoffizieren über die militärische Situation des Reiches. Zu diesem Zeitpunkt war die 6. Armee in Stalingrad im Süden Russlands bereits eingekesselt, die Lage an der Ostfront äußerst kritisch. „Manstein unterwegs“ – mit diesen Worten teilte Jodl den Verbündeten mit, dass Hitler den Offizier zum Oberbefehlshaber einer Heeresgruppe bestimmt hatte, die die 6. Armee retten sollte.

Anscheinend genoss Erich von Manstein auch außerhalb Deutschlands einen hervorragenden Ruf und das Regime glaubte, bei seinen Verbündeten den Eindruck erwecken zu können, der Generalfeldmarschall könnte die Krise meistern.

Manstein legte 1906 auf der Kadettenanstalt das Abitur ab und schlug die Laufbahn eines Berufsoffiziers ein. 1913/14 besuchte er die Kriegsakademie. Im Ersten Weltkrieg wurde er schwer verwundet und zum Hauptmann befördert. Nach 1918 blieb er Berufssoldat.

Schon in den dreißiger Jahren galt Manstein als kommender Chef des Generalstabes des Heeres. Doch die erhoffte Beförderung blieb aus. 1938 wurde Manstein mit dem Kommando einer Division in Schlesien betraut. Bei Kriegsbeginn ernannte man ihn zum Chef des Generalstabes einer Heeresgruppe, die am Polen-Feldzug teilnahm.

Im Januar 1940 legte er Hitler ein Konzept vor, das als Grundlage für den Plan diente, mit dem Frankreich im Mai 1940 in wenigen Wochen besiegt wurde – der sogenannte „Sichelschnittplan“. Während des Feldzuges führte er ein Panzerkorps. Im September 1941 übernahm er das Kommando über die 11. Armee, die an der Ostfront operierte. Mit ihr eroberte Manstein im Mai 1942 die Festung Sewastopol auf der Krim und erhielt den Marschallstab, den höchsten militärischen Rang, den ein deutscher Offizier erreichen konnte.

Ende November 1942 wurde Erich von Manstein mit dem Oberbefehl über die Heeresgruppe Don, später Heeresgruppe Süd, betraut. Zu ihr gehörte auch die in Stalingrad eingeschlossene 6. Armee. Der Feldmarschall glaubte, die kritische Situation bewältigen zu können, wenn Hitler ihm freie Hand ließe. Die 6. Armee hatte sich auf Befehl der Wehrmachtführung eingeigelt. Reichsmarschall Göring sagte zu, die Soldaten aus der Luft versorgen zu können. Stalingrad galt als strategisch wichtiger Verkehrsknotenpunkt und der Name der Stadt verlieh darüber hinaus den Kämpfen noch eine gewisse Symbolbedeutung.

Am 30. November 1942 bat Erich von Manstein den Diktator am Telefon, ihm auch die Heeresgruppe A im Kaukasus zu unterstellen. Mansteins Adjutant Alexander Stahlberg hat nach dem Krieg in seinen Erinnerungen das Gespräch beschrieben. Der Diktator weigerte sich, der Bitte Mansteins nachzugeben, denn diese Truppen hätten den Auftrag, ihre Positionen zu halten, damit sie im nächsten Frühjahr über den Kaukasus hinaus nach Palästina vorstoßen könnten. Außerdem wäre die Wehrmacht auf das Öl aus Südrussland angewiesen. Der Feldmarschall erwiderte, wenn er die Heeresgruppe A bekäme, würde er im Süden der Ostfront eine schwere Niederlage, die Deutschland automatisch den Zugang zum Öl sichern würde.

Die Szene sagt viel über Erich von Manstein und sein Verhältnis zu seinem Obersten Befehlshaber aus. Der Feldmarschall war ein selbstbewusster Offizier, der mit seinem analytischen Verstand und seiner schnellen Auffassungsgabe oft als Besserwisser erschien. Doch der eigentliche Gegensatz zwischen ihm und Hitler lag darin, dass Manstein den Krieg als Bewegungsgefecht führen wollte. In seinen Augen kam es darauf an, vorübergehend den Kaukasus zu räumen um die Russen, die sich auf Stalingrad konzentriert hatten, angreifen und vernichten zu können. Gleichzeitig sollte die 6. Armee aus dem Kessel ausbrechen.

Nach dem Sieg über die russische Südfront wäre dann der Weg zu den Ölfeldern frei geworden. Manstein versuchte Hitler klarzumachen, dass die Kräfte des Ostheeres nicht ausreichen würden, um gleichzeitig Stalingrad und die verlängerte Front im Kaukasus zu behaupten. Stattdessen sollten die Deutschen gegen die sowjetische Übermacht einen Vorteil ausspielen, den sie immer noch besaßen: ihre taktische Überlegenheit.

Hitler teilte Manstein wenige Tage später mit, dass die 6. Armee Stalingrad zu halten hätte. Die Aufgabe der Heeresgruppe Süd bestünde darin, sie bei dieser Aufgabe zu unterstützen. Wie im Winter 1941/42 glaubte der Diktator, dass man keinen Fußbreit Boden preisgeben dürfe.

Gegen den Befehl Hitlers wollte von Manstein den eingeschlossenen Truppen nicht eigenmächtig den Ausbruch gestatten. Im Laufe des Dezembers zeichnete sich ab, dass die Luftwaffe Stalingrad nicht aus der Luft versorgen konnte. Ein letzter Versuch der Heeresgruppe Don, kurz vor Weihnachten zu den Eingeschlossenen durchzustoßen, scheiterte.

Manstein musste jetzt verhindern, dass seine Truppe nicht das gleiche Schicksal erlitt. Anfang Januar 1943 leitete er die ersten Rückzugsbewegungen ein. Nach dem Fall von Stalingrad Anfang Februar 1943 drohte der Zusammenbruch des Südflügels der Ostfront. Schließlich war die Situation so kritisch geworden, dass Hitler sich mehrere Tage nicht mehr in die Operationen einmischte. In den ersten zehn Wochen des Jahres 1943 gelang es dem Feldmarschall, durch seine überlegene Führung einen zahlenmäßig weit überlegenen Gegner zu schlagen, ja, die deutschen Truppen konnten wieder Boden gut machen.

Neben dem Plan zur Westoffensive im Januar 1940 gehört die Stabilisierung des Südflügels der Ostfront im März 1943 zu den herausragenden Leistungen Erich von Mansteins.

Diese Erfolge bestärkten den Offizier in der Ansicht, dass der Zweite Weltkrieg noch nicht verloren sei. Der Generalfeldmarschall war davon überzeugt, dass Deutschland mit einer geschickten Führung immer noch ein Remis, also einen Sonderfrieden mit der Sowjetunion, erreichen könne: „Wird der Russe geschlagen oder wenigstens zum Stehen gebracht,“ so Manstein am 8. August 1943 in seinem Tagebuch, „dann werden wir mir den Westmächten in Europa immer fertig werden.“

Wie man mit den Westmächten „fertig werden“ könne, sagte er nicht. Manstein war ein hervorragender Truppenführer, aber die Bedeutung der See- und Luftstreitkräfte scheint er nicht erkannt zu haben. Wahrscheinlich hätte der Generalfeldmarschall mit seiner flexiblen Defensivtaktik den Vormarsch der Roten Armee aufhalten können, aber die Auswirkungen der Bombardements auf die Rüstungsindustrie und die Zivilbevölkerung im Reichsgebiet unterschätzte er. Unklar ist auch, ob er wusste, dass der U-Boot-Krieg gescheitert war. Mit den Westmächten konnte man nicht so einfach „fertig werden“, wie der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd glaubte.

Am 22. Januar 1943 hatte Manstein gegenüber dem Chef des Generalstabes des Heeres, General Zeitzler, seinen Standpunkt über die Weiterführung des Krieges deutlich gemacht: „Wenn der Feldherr (Hitler, die Verfasserin) zugleich auch noch die Aufgaben seiner Unterführer übernimmt; wenn er zugleich mit allen Sorgen der Politik und Staatsführung belastet ist, wenn sein Wille allein die Machtmittel schaffen kann, dann muß auch das größte Genie letzten Endes vor einer unlösbaren Aufgabe stehen. Ich halte es für unerlässlich, daß der Führer seinen Unterführern das Vertrauen schenkt, das sie verdienen, ihnen die Freiheit läßt, die sie brauchen, um richtig führen zu können, und damit die Ruhe gewinnt, in der allein operative Entschlüsse reifen können. Ebenso halte ich es für unerlässlich, daß er für die gemeinsame Kriegführung auf allen Kriegsschauplätzen nur einen Berater hört und dessen Urteil auch das Vertrauen schenkt, ohne das es nicht geht“.

Mit dieser Auffassung stand Erich von Manstein 1943 nicht alleine da. Viele Offiziere hatten ihr Vertrauen in die militärischen Fähigkeiten Hitlers verloren. Teilweise wurden auch seine Berater für die Rückschläge verantwortlich gemacht. Im Heer galt von Manstein als erster Anwärter für den Posten eines Generalstabschefs, der für alle Fronten verantwortlich wäre. Zwei der renommiertesten Truppenführer, die Generalfeldmarschälle von Kluge und Rommel waren bereit, sich Erich von Manstein zu unterstellen. Manstein selbst lehnte es ab, sich bei Hitler als Kandidat ins Gespräch zu bringen.

Letztlich lagen Manstein und Hitler gar nicht so weit auseinander, was ihre Strategie anging: Beide wollten den Krieg in der zweiten Jahreshälfte fortsetzen, um den Gegner zur Aufgabe zu zwingen. Unterschiede gibt es jedoch hinsichtlich der Ziele. Manstein dachte in den Kategorien einer traditionellen Großmachtpolitik. So wie Preußen den Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) überstehen konnte, weil Russland 1762 ausschied und die übrigen Mächte erschöpft waren, so hätte sich in den Augen des Feldmarschalls auch das Deutsche Reich 1943/44 behaupten können. Hitler hingegen wollte im Angesicht der drohenden Niederlage zumindest sein größtes Verbrechen, die Ermordung der europäischen Juden, vollenden. An einem Kompromiss mit der Sowjetunion war er nicht interessiert. Das Reich würde entweder durchhalten oder untergehen.

Im Sommer 1943 scheiterte die letzte deutsche Großoffensive an der Ostfront. Mansteins Heeresgruppe war an den Kämpfen beteiligt. Ab August 1943 wirkte sich die zahlenmäßige Überlegenheit der Roten Armee immer stärker aus. Die Auseinandersetzungen zwischen Manstein und dem „Führerhauptquartier“ nahmen zu. Der Generalfeldmarschall plädierte wieder für eine bewegliche Verteidigung, während Hitler jeden Rückzug verweigerte. Die Heeresgruppe Süd musste auf überdehnten Frontlinien die Angriffe der Russen abwehren und verlor zunehmend die Initiative. Das Oberkommando der Heeresgruppe konnte nur noch reagieren.

Im März 1944 stellte von Manstein dem Diktator ein Ultimatum. Die 4. Armee, ein Teil seiner Heeresgruppe, war eingekesselt worden. Hitler untersagte wie bei Stalingrad einen Ausbruchsversuch. Manstein teilte dem Diktator mit, dass er den eingeschlossenen Truppen Handlungsfreiheit gewähren würde; ein zweites Stalingrad wollte er nicht hinnehmen. Hitler gab widerwillig nach, enthob den Feldmarschall aber am 30. März 1944 seines Kommandos. Die Zeit der Operationen sei vorbei, so der Diktator. Gefragt wären nun Generäle, die als „Steher“ keinen Schritt zurückgingen. Als Manstein kurz darauf in seinem Heimatstandort angelangt war, konnte er mit Genugtuung feststellen, dass sich die 4. Armee dank seiner Befehle durchgeschlagen hatte. Es war sein letzter „Sieg“. Bis Kriegsende erhielt der Generalfeldmarschall keine Verwendung mehr.

Loyalität zum „Führer“

Erich von Manstein gehörte zu jenen höheren Offizieren, die vom Widerstand gegen Hitler umworben wurden. Führende Vertreter der Opposition wie Graf Stauffenberg, Henning von Tresckow oder Christoph Freiherr von Gersdorff suchten Kontakt zu dem Mann, der als fähigster deutscher General galt.

Über die Gespräche, die Stauffenberg, Tresckow oder Gersdorff mit Manstein führten, gibt es nur Zeitzeugenberichte. Mansteins Adjutant Alexander Stahlberg erwähnt in seinen Erinnerungen den Besuch von Major Claus Schenk Graf Stauffenberg am 26. Januar 1943 bei der Heeresgruppe. Stauffenberg war im Generalstab des Heeres in der Organisationsabteilung tätig. Der Major, zu diesem Zeitpunkt bereits ein entschiedener Gegner der NS-Diktatur, trug über die Aufstellung von Freiwilligenverbänden vor, die aus Kosaken und Turkmenen bestehen sollten.

Dann schnitt Stauffenberg die militärische Lage an. Mit dem bevorstehenden Verlust der 6. Armee konnte sich der junge Offizier nicht abfinden. Manstein erinnerte an den Siebenjährigen Krieg, den Preußen trotz einiger schwerer Niederlagen überstanden hätte. Eine Änderung der militärischen Spitzengliederung sei nötig, und dafür würde er sich bei Hitler einsetzen. An ungesetzlichen Aktionen würde er sich jedoch nicht beteiligen. Das Wort Attentat soll nicht gefallen sein, aber Manstein spürte offensichtlich, dass der junge Major weitreichende Pläne hatte. Der Generalfeldmarschall machte deutlich, dass er einen Umsturz ablehnte, denn der „würde die Armee zugrunde richten.“  Das Gespräch endete ohne Ergebnis.

Hitler, notierte von Manstein in seinem Tagebuch im August 1943, sei „der einzige Mann, der das Vertrauen des Volkes und der Soldaten“ besitze: „Kein anderer würde das haben. Es gibt auch keinen, der ihn ersetzen könnte, wenn er z. B. durch Krankheit ausfiele.“

Als Oberst Christoph Freiherr von Gersdorff am 8. August 1943 bei Manstein vorsprach und offen die Möglichkeit eines gewaltsamen Umsturzes andeutete, beharrte der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd darauf, dass die Streitkräfte sich nicht in politische Fragen einmischen sollten. Noch nach dem Krieg verteidigte er seine Haltung: „Wenn man an einen Staatsstreich denken wollte, musste man ihn (Hitler, die Verfasserin) und seine Hauptstützen als erstes umbringen. Zu so etwas konnte sich aber ein Soldat, noch dazu im Kriege, nicht hergeben. Entscheidend war aber noch, daß die Ermordung Hitlers unter allen Umständen alsbald zum Zusammenbruch der Kampfmoral der Truppe, die im Osten ohnehin weit überbeansprucht war, geführt hätte, also im Endeffekt zur bedingungslosen Kapitulation. Dazu konnte sich kein O.B. (Oberbefehlshaber, die Verfasserin), der die Verantwortung an der Front trug, m. A. hergeben.“

Hitler als Oberbefehlshaber der Wehrmacht nahm für Manstein den Platz ein, den der letzte deutsche Kaiser im Ersten Weltkrieg innehatte. Er war der Oberkommandierende und Loyalität ihm gegenüber galt als höchste Pflicht. Die ernste Mahnung der Widerständler, dass jeder Gehorsam an ethischen Prinzipien gebunden sei, ließ der Generalfeldmarschall nicht gelten.

Was Manstein 1943 mit dem Regime verband, war eine Erfahrung, die Hitler in verhängnisvoller Weise für seine Diktatur instrumentalisieren konnte: die Erinnerung an den Zusammenbruch im November 1918. Bei dem Befehlshaber der Heeresgruppe Süd rief die Niederlage, so der Historiker Enrico Syring, „einen latent fortschreitenden antibolschewistischen Affekt“ hervor, waren es in der Optik der Militärs doch angeblich Linke und Juden, die dem Heer den „Stoß in den Rücken“ versetzt hatten. Da der Kriegsverlauf nach Stalingrad zumindest drohende Schatten an die Wand warf, war für die Generalität 1943 nationale Geschlossenheit das Gebot der Stunde. Alles musste getan werden, um ein zweites Versailles zu verhindern und die bereits sicher geglaubte Vormachtstellung in Europa zu bewahren.

Manstein vertrat die Ansicht, dass „ein Krieg ja erst verloren sei, wenn man ihn selbst verloren geben müsse.“ Dazu sah er 1943/44 keine Veranlassung. Den verbrecherischen Charakter des Regimes ignorierte er. Hier machten sich die Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg bemerkbar. Als sein Ordonnanzoffizier Alexander Stahlberg ihm über Massaker der SS berichtete, tat er die Nachricht als Feindpropaganda ab, wie er sie im Ersten Weltkrieg erlebt hätte.

Gleichzeitig überschätzte er wie viele Militärs seine Einflussmöglichkeiten auf Hitler: „All diese Leute (gemeint sind die Generäle, die Verfasserin)“, wunderte sich Ulrich v. Hassel, ein rechtskonservativer Diplomat am 15. August 1943 in seinem Tagebuch, „machen sich nicht klar, dass Hitlers Parole ist, Deutschland mit sich in den Abgrund zu reißen, wenn ihm der Erfolg versagt bleibt.“ Der Historiker Eberhard Schwarz wertet Mansteins Haltung 1943/44 als Beleg dafür, „wie fremd ihm die Psyche Hitlers letztlich geblieben ist.“ Der Feldmarschall begriff nicht, dass die Sowjetunion für den Diktator mehr war als nur ein militärischer Gegner.

Die Frage, ob Erich von Manstein wirklich der geniale Stratege war, wird unbeantwortet bleiben müssen. Als Befehlshaber einer Heeresgruppe zählt er zu den herausragenden Truppenführern des Zweiten Weltkrieges. Bis zuletzt hielt er an der Fiktion fest, die Wehrmacht hätte mit den Verbrechen des NS-Regimes nichts zu tun gehabt.

Manstein verkörperte idealtypisch die Stärken und Schwächen des deutschen Generalstabes im Zweiten Weltkrieg: operativ hervorragend, aber blind für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Ein Konservativer, der nicht erkennen wollte, dass es in einem verbrecherischen Krieg keine „saubere Front“ geben kann. Ein Kind seiner Zeit, aber kein Vorbild für künftige Generationen.

Fotonachweis: File:Bundesarchiv Bild 146-1995-041-23A, Ostfront, Adolf Hitler, Erich v. Manstein.jpg. Generalfeldmarschall vo Manstein trifft Hitler am 18. März 1943 an der Ostfront.