Finnland und Deutschland im Zweiten Weltkrieg

Von 1941 bis 1944 nahm Finnland an der Seite Deutschlands am Krieg gegen die Sowjetunion teil. In Helsinki legte man Wert darauf, kein ideologischer Bündnispartner des NS-Regimes zu sein. Finnland war eine Präsidialdemokratie mit einem Mehrparteiensystem und einer unabhängigen Presse. Die Zusammenarbeit mit Deutschland schien die beste Gewähr dafür zu bieten, eigene machtpolitische Interessen durchzusetzen. In Helsinki legte man Wert darauf, kein ideologischer Bündnispartner des NS-Regimes zu sein. Finnland war eine Präsidialdemokratie mit einem Mehrparteiensystem und einer unabhängigen Presse. Die Zusammenarbeit mit Deutschland schien die beste Gewähr dafür zu bieten, eigene machtpolitische Interessen durchzusetzen. In Berlin war man an den Rohstoffvorkommen des Landes, der Kampfkraft der Streitkräfte und der strategisch wichtigen Lage Finnlands interessiert. 1943 mussten die Politiker in Finnland erkennen, dass sie auf die falsche Karte gesetzt hatten. Ein deutscher Sieg über die Sowjetunion wurde immer unwahrscheinlicher. Nach Stalingrad suchte Helsinki deshalb Kontakte zu den Westmächten. Im Sommer 1944 kam es zu einem Sonderfrieden mit Moskau.

Eine militärisch-diplomatische Vernunftehe

Finnland gehörte bis in den Ersten Weltkrieg hinein zum Russischen Reich. Im Dezember 1917 erklärte sich das Land für unabhängig. Die Bolschewiki erkannten diesen Schritt an. In Finnland kam es 1918 zu einem Bürgerkrieg zwischen „Roten“ und „Weißen“, der nach mehreren Monaten mit einem Sieg der antikommunistischen Kräfte endete.

Ein Jahr später gab sich Finnland eine republikanische Verfassung. Das Land gehörte fortan zu den Präsidialdemokratien in Europa. Der Staatspräsident verfügte über umfangreiche Kompetenzen, vor allem auf dem Gebiet der Außenpolitik. Seine Entscheidungen bedurften jedoch der Zustimmung des Reichstages, der nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht bestimmt wurde.

Das Verhältnis zwischen Finnland und der Sowjetunion blieb gespannt. Auch ein 1932 abgeschlossener Nichtangriffsvertrag konnte die Beziehungen nicht verbessern. 1939 griff die Sowjetunion Finnland an. Im „Winterkrieg“ 1939/40 tat sich die Rote Armee schwer, das kleine Nachbarland zu besiegen. Im März 1940 musste Helsinki schließlich Frieden schließen und Teile Kareliens (einer Provinz im Nordosten Europas zwischen Ostsee und Weißem Meer) an Moskau abtreten. Deutschland verhielt sich in dieser Auseinandersetzung neutral.

In Helsinki wollte man sich mit dem Frieden nicht abfinden. Der Kleinstaat war angesichts der andauernden Bedrohung durch die Großmacht Sowjetunion ohnehin auf Unterstützung angewiesen. Aus England und den Vereinigten Staaten war keine Hilfe zu erwarten. In Helsinki registrierte man aufmerksam, dass sich die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion seit dem Herbst 1940 verschlechterten. Präsident Ryti betrieb mit Zustimmung des finnischen Reichstages die Annäherung an Deutschland.

Auch in Berlin änderte sich in der zweiten Jahreshälfte 1940 die Haltung gegenüber Helsinki. Das NS-Regime bereitete seinen Krieg gegen die Sowjetunion vor. Finnland war wegen seiner Nickelerzvorkommen für die deutsche Rüstungsindustrie wichtig. Im November 1940 stellte Hitler gegenüber dem sowjetischen Außenminister Molotow klar, dass Berlin ein Interesse am Fortbestand Finnlands hätte.

Der nordeuropäische Kleinstaat und das Deutsche Reich bewegten sich fortan aufeinander zu. In Helsinki sah man die Chance, mit Unterstützung Deutschlands die im März 1940 verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. In Berlin war man sich der Qualität der finnischen Streitkräfte und der strategischen Bedeutung des Landes bewusst.

In der ersten Jahreshälfte 1941 intensivierten beide Seiten die Beziehungen. Am 20. Mai 1941 sprach ein hoher deutscher Diplomat als Sonderemissär Hitlers bei Staatspräsident Ryti vor. Am 25. Mai 1941 deutete General Jodl, der Chef des Wehrmachtführungsstabes, gegenüber hohen finnischen Militärs in Salzburg an, dass die Wehrmacht sich zum Krieg gegen die Sowjetunion rüstete. Jodl vertrat den Standpunkt, Finnland könne dabei „unmöglich neutral bleiben“. Der Chef des finnischen Generalstabes antwortete, dass sein Land keinen Angriffskrieg führen würde. Im Juni 1941 wurden die Gespräche zwischen hohen Militärs fortgesetzt.

Finnland legte jedoch Wert darauf, kein förmliches Bündnis mit Deutschland abzuschließen. Das nationalsozialistische Regime war in der finnischen Bevölkerung nicht beliebt. Die deutsche Außenpolitik nahm darauf Rücksicht, dass man es mit einem „Verbündeten“ zu tun hatte, der nicht wie Italien oder Rumänien autoritär regiert wurde.

Festzuhalten bleibt aber auch, dass die finnische Regierung freiwillig mit dem Deutschen Reich zusammenarbeitete. Ein neuer Krieg war nur mit deutscher Unterstützung möglich. Helsinki war auf die Lieferung von Waffen und Lebensmitteln angewiesen. Dass man aber auf Distanz zu Berlin achtete, wurde im Juni 1941 deutlich. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion begann am 22. Juni 1941.Vier Tage später – am 26. Juni 1941 – trat Finnland in den Krieg ein, da am Vortag sowjetische Flugzeuge finnische Städte bombardiert hatten.

1941/42: Die finnischen Hoffnungen erfüllen sich nicht

Welche Ziele verfolgte man in Helsinki? General Waldemar Erfurt, von 1941 bis 1944 „Deutscher General beim Oberkommando der finnischen Wehrmacht“, beschrieb 1950 in seinem Buch „Der deutsch-finnische Krieg“, es hätte drei Strömungen in der finnischen Öffentlichkeit gegeben. Eine Minderheit wollte den Krieg rein defensiv führen und nur die Chance nutzen, der Sowjetunion so viel Schaden zuzufügen, dass in Zukunft mit einem Angriff des östlichen Nachbarn nicht mehr zu rechnen sei. Eine zweite Minderheit, die ihren Rückhalt im Militär und unter jüngeren Akademiker fand, strebte ein „Großfinnland“ an. Die Mehrheit wollte den Friedensschluss vom 13. März 1940 revidieren und die im Winterkrieg verlorenen Landesteile zurückgewinnen.

Das Oberkommando über die finnische Armee übernahm Gustav Mannerheim, ein Offizier, der zuerst in der zaristischen Armee Karriere gemacht und 1918 die „weißen“ Bürgerkriegstruppen befehligt hatte. Nachdem er 1919 als Präsidentschaftskandidat unterlegen war, hatte er sich in das Privatleben zurückgezogen. 1933 erhielt er den Rang eines Feldmarschalls und wurde 1939 wieder mit dem Oberbefehl über die Streitkräfte betraut. Mannerheim galt als fähiger Soldat, ein Grandseigneur mit aristokratischem Auftreten, der trotz seiner antikommunistischen Einstellung den Deutschen keine große Sympathie entgegenbrachte. Schon währen des Bürgerkrieges im Jahr 1918 hatte er für eine Annäherung an die Westmächte plädiert.

Dieses politische Ziel lag auch den finnischen Operationsplänen zugrunde. Die geografische Lage führte dazu, dass es zwei Frontabschnitte gab, an denen zwischen 1941 und 1944 zeitweise gekämpft wurde. In Südfinnland, der Karelienfront, führte Feldmarschall Gustav Mannerheim den Oberbefehl über die finnischen Streitkräfte, die durch eine deutsche Infanteriedivision und Einheiten der deutschen Luftwaffe verstärkt worden waren. Die Offensive verlief erfolgreich. Am 1. September 1941 waren alle Gebiete befreit, die im März 1940 an die Sowjetunion abgetreten werden mussten.

Nun stand die finnische Führung vor der Frage, ob der Vormarsch in Richtung Leningrad fortgesetzt werden sollte. Bei den Besprechungen im Mai/Juni 1941 hatte General Jodl die Hoffnung geäußert, dass die finnische Armee zumindest starken Druck an der Karelienfront ausüben möge, um sowjetische Kräfte zu binden; einen Angriff auf Leningrad forderte er nicht.

Am 4. September 1941 flog der Chef des Wehrmachtführungsstabes in das Hauptquartier Mannerheims. Er überbrachte im Auftrage Hitlers Kriegsauszeichnungen und die Zusage über die Lieferung von Lebensmitteln. Die finnische Armee konnte vorrücken, musste aber am 6. November 1941 auf Anordnung Mannerheims Verteidigungsstellungen beziehen. Ihre Kräfte waren zu schwach, um die alte russische Hauptstadt anzugreifen.

Im Norden des Landes sollte das deutsche Armeeoberkommando Norwegen für die Operationsführung verantwortlich sein. Die Truppen sollten durch nordfinnisches Gebiet marschieren und die für die Russen wichtige Bahnlinie nach Murmansk, einer Hafenstadt an der Barentssee, erobern. Dieser eisfreie Hafen war Zielort für die englisch-amerikanischen Geleitzüge, die die Sowjetunion mit Waffen unterstützten.

Am Ende des Jahres 1941 war man in der politischen und militärischen Führung Finnlands über den Verlauf des Krieges enttäuscht. Der deutschen Wehrmacht war es nicht gelungen, die Sowjetunion zu besiegen. Finnland musste sich darauf einrichten, auch in Zukunft mit der russischen Bedrohung zu leben. Gleichzeitig wurde offenkundig, dass die Ressourcen des Landes nur für einen begrenzten Krieg ausreichten. Feldmarschall Mannerheim versuchte im November 1941, durch eine Umorganisation der finnischen Streitkräfte die Schlagkraft der Armee zu erhalten und gleichzeitig die Bedürfnisse der Landwirtschaft und Industrie nach Arbeitskräften zu befriedigen. Ältere Jahrgänge wurden entlassen; der Jahrgang 1923 sollte vorzeitig zum Wehrdienst einberufen werden.

Im Jahr 1942 kam es an der finnisch-russischen Front nicht zu kriegsentscheidenden Kampfhandlungen. Das Armeeoberkommando Norwegen wurde in 20. Gebirgsarmee umbenannt. Doch die Pläne aus dem Jahr 1941 konnten nicht mehr realisiert werden.

1943: Finnland sucht nach einem Ausweg aus dem Bündnis

Im Hauptquartier der finnischen Streitkräfte verfolgte man aufmerksam den Verlauf der deutschen Sommeroffensive im Kaukasus sowie die Kämpfe der Heeresgruppe Nord vor Leningrad. Als sich im Herbst 1942 abzeichnete, dass die Wehrmacht Russland auch nicht im zweiten Anlauf besiegen würde, ging man in Helsinki auf Distanz zum Reich. Der Ausdruck „Verbündeter“ wurde fortan gemieden. Im bereits erwähnten Kriegsrat vom 3. Februar 1943 beschloss die politische Führung Schritte einzuleiten, um den Krieg zu beenden.

Dies schlug sich auch in der finnischen Innenpolitik wieder. Präsidentenwahlen standen an und einflussreiche Kreise favorisierten die Wahl von Marschall Mannerheim, der am ehesten in der Lage schien, das Land aus dem Bündnis mit Deutschland zu lösen. Der Oberbefehlshaber des finnischen Heeres versagte sich jedoch der Kandidatur. Amtsinhaber Ryti wurde daraufhin am 15. Februar 1943 bestätigt. Die neue Regierung, die am 5. März 1943 ihr Amt antrat, wies dagegen Veränderungen auf. Der germanophile Außenminister Witting fehlte.

Seinem Nachfolger Ramsay ging am 20. März 1943 ein Angebot des amerikanischen Außenministeriums zu, das seine Vermittlungsdienste anbot, falls Helsinki an einem Sonderfrieden mit der Sowjetunion interessiert sei. Helsinki wollte den Kontakt aufrechterhalten und bat am 24. März 1943 darum, das Angebot zu konkretisieren.

Das Verhalten der finnischen Regierung ist typisch für die europäischen Verbündeten des Reiches 1943. Der Bruch mit Berlin schien nur möglich durch die Hinwendung zu den Alliierten. Wollte man den Krieg nicht an der Seite des Dritten Reiches weiterführen, so musste man sich an die Westmächte wenden. Die Politiker in Helsinki waren realistisch genug, um zu erkennen, dass es zwischen den Machtblöcken kein politisches Überleben gab. Die antikommunistische Grundhaltung ihrer Regime – auch des demokratisch regierten Finnlands – ließ nur die Möglichkeit offen, sich nach Westen zu orientieren. Sie betrachteten die UdSSR als ihren größten Feind.

In der Wilhelmstraße, dem Sitz des deutschen Außenministeriums, beobachtete man genau die Versuche der Verbündeten, sich abzusetzen. Staatssekretär von Weizsäcker sah darin am 21. März 1943 „kein gutes Zeichen für unsere Bewertung an der internationalen Börse.“ Die Finnen, so befand er, würden das „Taktieren zu weit“ treiben.

Ramsay kam am 25. März 1943 nach Deutschland und traf einen Tag später mit seinem Amtskollegen von Ribbentrop zusammen. Die Begegnung verlief nicht ohne Spannungen. Der Reichsaußenminister wahrte nur mit Mühe die Form. Ramsay bestritt die Ernsthaftigkeit der Kontakte zu den Vereinigten Staaten: „Er persönlich“, so das Protokoll der Wilhelmstraße, „sei davon überzeugt, dass der Bruch zwischen Finnland und den USA über kurz oder lang kommen müsse, aber es sei innerpolitisch für Finnland notwendig, dass dieser Bruch von den USA ausgehe.“ Ribbentrop verlangte eine definitive Erklärung der finnischen Regierung, dass sie keinen Sonderfrieden mit der UdSSR abschließen würde. Außerdem solle Helsinki das amerikanische Angebot „in einer sehr klaren Form“ ablehnen. Die Wilhelmstraße hatte die entsprechenden Noten bereits vorformuliert. Das Gespräch war typisch für die zunehmend gespannte Atmosphäre, die 1943 zwischen Berlin und seinen Verbündeten herrschte. Für den Fall, dass Helsinki sich zu diesen Stellungnahmen nicht durchringen könne, drohte der Außenminister damit, Finnland die Unterstützung zu entziehen. „Dies“, so der Historiker Bernd Wegner, „war nicht dem Stil allein, sondern auch dem Inhalt nach eine neue deutsche Finnlandpolitik.“

Ramsay reagierte auf die ihm ausgehändigten Notenentwürfe mit ausweichenden Antworten. In Helsinki wollte man Zeit gewinnen. Ein Bruch mit Deutschland war vorerst nicht beabsichtigt. Schließlich stellte die finnische Regierung am 10. April 1943 gegenüber den USA fest, dass sie gezwungen sei, den Krieg weiterzuführen, um Sicherheit und Unabhängigkeit des Landes zu gewährleisten. Die amerikanische Diplomatie wiederum dachte keinesfalls an eine echte Vermittlerrolle, sie wollte lediglich bei der Kontaktaufnahme helfen.

Die Auseinandersetzung um die von Ribbentrop gewünschte Erklärung zog sich über Wochen hin. Sie endete mit einem „Punktsieg“ der finnischen Regierung. Berlin musste sich im Juni schließlich damit zufriedengeben, dass Helsinki öffentlich erklärte, es werde den Krieg gegen die UdSSR fortsetzen. Finnland war nicht bereit, sich enger an das Deutsche Reich zu binden. Ribbentrops Drohungen erwiesen sich als leere Geste. Berlin konnte auf den Verbündeten nicht verzichten. Doch auch Helsinkis Spielraum in der internationalen Politik blieb begrenzt. Eine Annäherung an die USA kam nicht zustande – im Gegenteil: Washington wies am 22. Juli 1943 den finnischen Militärattaché aus. Helsinki hatte zur „Zwangsehe“ mit dem Dritten Reich vorerst keine Alternative.

Aber das Misstrauen Helsinkis in die militärische Leistungsfähigkeit des Deutschen Reiches wuchs. General Erfurth wurde – zum Beispiel – im Herbst 1943 von Marschall Mannerheim mit der Frage konfrontiert, warum die deutschen Divisionen im Südabschnitt der Ostfront so schnell zurückgingen. Im Oberkommando der Wehrmacht wunderte man sich, warum Finnland in der zweiten Jahreshälfte 1943 kein Interesse an einer gemeinsamen Offensive gegen die Bahnlinie nach Murmansk zeigte. Die Aussichten schienen günstig zu sein, denn die Rote Armee hatte Kräfte von der Finnlandfront abgezogen. Die finnisch-deutschen Streitkräfte waren ihren Gegnern zahlenmäßig überlegen. Wahrscheinlich hatte Washington auf diplomatischen Kanälen Helsinki zu verstehen gegeben, dass ein Angriff gegen diese wichtige Nachschublinie jede politische Lösung unmöglich machen würde.

In Berlin vertraute man nicht auf die Erklärungen finnischer Politiker und Militärs, den Krieg an der Seite Deutschlands fortsetzen zu wollen. Am 28. September 1943 unterschrieb Hitler die „Weisung Nr. 50“ (diese Weisungen enthielten grundsätzliche Gedanken zur deutschen Strategie), in der es hieß: „Der Fall des Ausscheiden Finnlands oder sein Zusammenbruch muss von uns pflichtgemäß in Rechnung gestellt werden“. Der Vorrat an Gemeinsamkeiten nahm ab.

1944: Der Bruch des finnisch-deutschen Verhältnisses

Die militärische Zusammenarbeit zwischen Finnen und Deutschen wurde 1944 immer problematischer, denn die militärische Situation der deutschen Streitkräfte an der Ostfront verschlechterte sich ständig. Als zu Beginn des Jahres 1944 die Rote Armee endgültig Leningrad befreite und die Heeresgruppe Nord in Richtung Baltikum zurückdrängte, wuchsen innerhalb der finnischen Führung die Zweifel daran, ob Deutschland noch der geeignete Verbündete sei. Generaloberst Dietl, der Oberbefehlshaber der 20. Armee, stellte bei seinen Gesprächen mit Marschall Mannerheim und Staatspräsident Ryti am 21. und 22. Januar 1944 fest, dass die finnische Seite die Gesamtlage sehr pessimistisch betrachtete. Dietl und sein Stab arbeiteten im Frühjahr 1944 an Plänen, wie die 20. Armee sich im Fall einer finnischen Kapitulation nach Nordnorwegen zurückziehen könnte.

Im Februar 1944 kam es wieder zu Kontakten zwischen den USA, Finnland und der Sowjetunion. Die USA forderten Finnland auf, aus dem Krieg auszuscheiden. Allerdings hätte Finnland harte Bedingungen der Sowjetunion akzeptieren müssen.

In Helsinki war man unschlüssig. Einerseits hoffte man, dass die Wehrmacht den Vormarsch der Roten Armee aufhalten könnte. Aber die Hiobsbotschaften, die über die neurale Presse nach Finnland gelangten, stimmten nachdenklich. Auf der deutschen Seite wuchs ebenfalls das Misstrauen. Waffen- und Lebensmittellieferungen wurden gestoppt. Der deutsche Einmarsch in das verbündete Ungarn stieß in Finnlands halbwegs freier Presse auf Kritik. Zwar musste man in Helsinki nicht mit solchen Maßnahmen rechnen, aber die Bereitschaft des NS-Regimes, gegen unbequeme Verbündete vorzugehen, führte nicht dazu, dass Berlins Aktien stiegen. Gleichzeitig gab es noch keine Mehrheit für die sowjetischen Friedensvorschläge, deren Annahme dem Eingeständnis einer Niederlage gleichgekommen wäre.

Im Juni 1944 begann die sowjetische Schlussoffensive an der Karelienfront in Südfinnland. Ende Juli kamen die führenden Offiziere und Politiker Finnlands zu dem Ergebnis, dass das kleine Land den Krieg trotz deutscher Waffenhilfe nicht weiterführen konnte.

Am 1. August 1944 trat Staatspräsident Ryti zurück und legte dem finnischen Reichstag ein Gesetz vor, dass die Wahl von Marschall Mannerheim zum finnischen Staatspräsidenten vorsah. Mannerheim trat das Amt wenige Tage später an und versuchte, sein Land aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuführen. Am 2. September 1944 billigte der Reichstag die sowjetischen Bedingungen und erklärte, dass Finnland den Kriegszustand mit Moskau beenden würde. Auf Druck der Sowjets hatten die deutschen Truppen das Land bis zum 15. September zu verlassen. Die Räumung Südfinnlands war in dieser Zeit möglich, aber die 20. Gebirgsarmee in Nordfinnland konnte die Frist nicht einhalten.

Am 13. September 1944 verließen die letzten deutschen Soldaten Südfinnland. Im Norden des Landes leitete das Oberkommando der Gebirgsarmee den Rückzug ein. Doch die Rücknahme eines großen Truppenverbandes mit mehr als 200 000 Mann konnte nicht über Nacht durchgeführt werden. Zwar hatte das zuständige Armeeoberkommando entsprechende Pläne vorbereitet, doch Hitler weigerte sich wie üblich, rechtzeitig Gelände zu räumen.

Im März 1945 trat Mannerheim, der sich nur als Übergangspräsident verstanden hatte, von seinem Amt zurück. Rückwirkend zum 15. September 1944 befanden sich Finnland und Deutschland im Krieg. Die Kämpfe in Nordfinnland belasteten das Verhältnis der beiden Nationen noch nach 1945 Vor allem die Zivilbevölkerung hatte darunter zu leiden, dass die Deutschen einen Rückzug nach dem Prinzip der „verbrannten Erde“ praktizierten.

Finnland im Zweiten Weltkrieg

Helsinki hatte 1940 die Nähe zu Deutschland gesucht, weil man glaubte, dass Berlin den Zweiten Weltkrieg gewinnen würde. Schon 1941 sollten sich diese Hoffnungen nicht erfüllen. Ab 1942/43 versuchte das kleine Land in Nordeuropa, sich zwischen England, den USA, Deutschland und der Sowjetunion zu behaupten. Dies führte zu einem diplomatischen Schlingerkurs, der aber ohne Erfolg blieb: Das Ziel der finnischen Regierung, die im Winterkrieg 1939/40 verlorenen Gebiete zurückzugewinnen, war gescheitert. Dafür musste das Land einen hohen Blutzoll entrichten. Die finnischen Streitkräfte bewiesen zwischen 1941 und 1944, zu welch hervorragenden Leistungen sie fähig waren. Noch im August 1944 konnten sie die Rote Armee an einigen Frontabschnitten zurückschlagen. Doch die Geschichte wiederholt sich selten: David hatte gegen Goliath keine Chance.

Von allen Verbündeten respektierten die Deutschen Finnland am meisten. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten leistete die Wehrmacht den finnischen Streitkräften Hilfe. Doch 1944 waren auch die deutschen Möglichkeiten erschöpft. Dass das kleine Land im Falle eines deutschen Sieges die Rolle eines – wenn auch bevorzugten – Satelliten gespielt hätte, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber in Helsinki entschloss man sich zur Zusammenarbeit mit Berlin, obwohl man im Frühjahr 1941 wusste, dass es in Deutschland politische Gefangene, Unterdrückung und Willkür gab. Die Hoffnung, Karelien zurückzugewinnen können, ließ Bedenken gegen ein Bündnis mit dem NS-Regime gar nicht erst aufkommen.

Wahrscheinlich war Gustav Mannerheim, seit 1942 Marschall von Finnland, die einzige Persönlichkeit, der die schwierige Situation 1944/45 bewältigen konnte. Wie schon einmal beschrieben, gehörte Mannerheim nicht unbedingt zur deutschfreundlichen Partei in Finnland. Doch es hätte seinem Verständnis von soldatischer Ehre widersprochen, die Deutschen über Nacht als Feinde zu behandeln.

Als Patriot und Realist wusste er seit 1942, dass Deutschland den Krieg nicht gewinnen konnte. Bei der Aufkündigung der Waffenbrüderschaft im September 1944 versuchte Mannerheim mit Takt gegenüber dem ehemaligen Verbündeten die finnischen Interessen zu vertreten. Ein Parteipolitiker war er nicht. Nach seinem Rücktritt im März 1945 zog er sich aus der Politik zurück. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er wegen seiner angeschlagenen Gesundheit in der Schweiz.

1951 wurde er in Helsinki mit militärischen Ehren beigesetzt. Für seine Anhänger hatte er Finnland 1918 und 1944 gerettet; seine Kritiker warfen ihm Bürgerkriegsverbrechen und die Zusammenarbeit mit Deutschland im Zweiten Weltkrieg vor. Der Historikerin bleibt nur die Feststellung, dass er eine außergewöhnliche Persönlichkeit war, die bei aller Kritik letztlich 1944 sein Vaterland vor dem Zusammenbruch gerettet hat.

Möge Finnland in einem freien Europa eine glücklichere Zukunft beschieden sein.