Peter Glotz – ein „Godesberger“ Sozialdemokrat

Peter Glotz (1939-2005) wurde zu seinen Lebzeiten oft als Vordenker der SPD bezeichnet. Diese Bezeichnung lehnte er ab; in seinen lesenswerten Erinnerungen spricht er davon, „Funktionär“ gewesen zu sein. Glotz gehörte zu den Politikern, die sich oft in den Medien über den Zustand der SPD äußerten.

Er veröffentlichte Tagebücher, in denen er seine Arbeit als Politiker reflektierte und legte Bücher vor, in denen er sich mit dem Zustand seiner Partei auseinandersetzte. Kurz vor seinem Tod publizierte er unter dem Titel „Von Heimat zu Heimat“ seine Erinnerungen; eine mitreißende Lektüre, die sich wohltuend von den Memoiren anderer Politiker abhebt.

Anfänge in der bayerischen SPD

Glotz kam 1939 im böhmischen Eger zur Welt und musste 1945 mit seiner Familie seine Heimat verlassen. Er lebte zuerst in Bayreuth, sein Abitur absolvierte er in Hannover. In München und Wien studierte er.

Glotz trat zu Beginn der sechziger Jahre in die SPD ein, weil er vom Godesberger Programm überzeugt war. Beeinflusst von Waldemar von Knoeringen, einem ethischen Sozialisten, war die Godesberger SPD die Partei für den jungen Glotz. In seinen Erinnerungen beschrieb er, dass die ‚Godesberger‘ sich in der ersten Hälfte der sechziger Jahre als Avantgarde fühlten und es ihnen ernst war mit dem Versuch, die SPD zu einer sozialen und demokratischen Reformpartei zu entwickeln. „Neue Mitglieder gewinnen, raus aus der Gastwirtschaftsnebenzimmer-Kultur, was tun die Schweden, bitte keine Geschichtsphilosophie, wir marschieren mit der Wissenschaft (‚empirisch‘), wir sind Sozialingenieure – ein kurzes Glück.“

Die Anrede Genosse unter Parteimitgliedern kam aus der Mode. Der Begriff „Demokratischer Sozialismus“ wurde von führenden Politikern kaum noch verwendet. Die Weiterentwicklung des Godesberger Programms, das ja lediglich Eckpunkte sozialdemokratischer Programmatik bestimmte, unterblieb. In der Tagespolitik führte dies in den frühen sechziger Jahren zu einer Anpassung an die bürgerlichen Parteien. Theoriediskussionen schienen ein überflüssiges Relikt aus vergangenen Zeiten zu sein.

Glotz erwarb 1964 in München seinen Magister und promovierte vier Jahre später. Da war es mit dem Godesberger Aufbruch schon vorbei. Die „68er“ mit ihrem teilweise marxistischen Vokabular und der Wertewandel der Sechziger waren ihm fremd. Bei ihm findet der Leser in seinen Erinnerungen keine Glorifizierung der „Swinging Sixties“ oder der Studentenbewegung: „Ach die sechziger Jahre: Sorry, die Sache mit der Haarlänge, dem klassenübergreifenden lässigen Trödelstil von Sonny und Cher, den Miniröcken, mit Twist, Rock und Beat und der Kernfusion von Woodstock erreichte mich nicht mehr. Bob Dylan war für mich Country-Gejammer, ich lieh mir Geld, um Fischer Diskau Schuberts Winterreise singen zu hören. Ich wollte schon mit sechzehn (1955) erwachsen sein – geschweige denn mit sechsundzwanzig.“ Emanzipation war für Peter Glotz eine Sache des Individuums, und die kurzberockten Studentinnen in seinen Seminaren brachten ihn nicht aus der Fassung. Nur dezent deutete er in seinen Erinnerungen an, dass die sexuelle Befreiung für ihn keine Sache der 68er war.

Bei seinem Parteieintritt 1961 noch ein Vertreter der gemäßigten Parteilinken, fand sich Glotz am Ende des Jahrzehnts auf dem rechten Flügel der SPD wieder. Zu diesem Zeitpunkt begann er seine Karriere als Berufspolitiker. 1970 zog er in den bayerischen Landtag ein und gewann zwei Jahre später ein Bundestagsmandat. 1974 wurde er parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft und Forschung in Bonn.

Die Siebziger: Regierungsämter und innerparteiliche Konflikte

Mitte der siebziger Jahre zählte Peter Glotz zu den Sozialdemokraten, die sich publizistisch mit den Jungsozialisten und der erstarkten Parteilinken auseinandersetzten. Glotz hatte mittlerweile Marx und die Theoretiker der undogmatischen Linken intensiv gelesen. Er hielt nichts von Ausschlussverfahren gegen Linke wie manch anderer konservativer Sozialdemokrat. Aber auch die Doppelstrategie der Jusos, ihr Versuch, die parlamentarische Arbeit durch zivilgesellschaftliches Engagement in Bürgerinitiativen zu ergänzen, war 1975 in seinen Augen gescheitert.

Tendenzwende hieß das Stichwort, mit dem die Mitte der Siebziger charakterisiert werden können. Die sozialliberale Koalition musste bei mehreren Landtagswahlen hohe Verluste hinnehmen. Die Politik der inneren Reformen, die nach Abschluss der Ostverträge ab 1972 folgen sollte, scheiterte an wirtschaftlichen Schwierigkeiten und an Meinungsverschiedenheiten innerhalb der sozialliberalen Koalition. Nicht nur die FDP spielte eine Bremserrolle; auch der gemäßigte Flügel der SPD warnte vor überzogenen Hoffnungen.

Das Godesberger Programm musste nach Meinung von Peter Glotz fortgeschrieben werden, wobei die Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien – wie von den Jusos gefordert – für ihn keine Alternative darstellte. 1975 fasste er seine publizistischen Beiträge unter dem Titel „Der historische Auftrag des Reformismus“ zusammen. Peter Glotz ging davon aus, dass die Rezepte aus dem Jahr 1959 nicht mehr ausreichten, dass der Öl-Schock von 1973 und der darauf folgende Konjunktureinbruch einer auf Wachstum beruhenden Reformpolitik die Grundlage entzogen hatte und dass auch die Godesberger SPD darüber nachdenken müsste, wie der Staat Einfluss auf eine krisenhafte Marktwirtschaft nehmen könnte.

„Schöpferischer Reformismus“ hieß seine Antwort: Glotz forderte seine Partei zu einem selbstkritischen Sozialismus auf, konstatierte eine Steuerungskrise des marktwirtschaftlichen Systems und empfahl eine staatliche Investitionskontrolle. Die neomarxistische Renaissance in Teilen der Partei hielt er für eine Reaktion auf die technokratische Linie der Parteiführung in den Sechzigern, die er ja eine Zeitlang mitgetragen hatte.

Peter Glotz sah für die Partei nur eine Zukunftschance, wenn ihr sozialliberaler und ihr demokratisch-sozialistischer Flügel eine Koalition bildeten. Die Sozialliberalen – denen er sich zurechnete – müssten erkennen, dass man mit den Rezepten aus den sechziger Jahren nicht weiterkäme, während der demokratisch-sozialistische Flügel seine Hoffnungen auf eine schrittweise Überwindung des Kapitalismus begraben müsste.

Die „Kanalarbeiter“, der rechte Flügel der Bundestagsfraktion, vergeudeten ihre Zeit nicht mit Lektürekursen, sondern droschen  bei Bier und Korn lieber einen ‚zünftigen Skat‘ und hielten die Jusos für die Ursache allen Übels. Die wiederum klopften dem Reformisten Glotz wohlwollend auf die Schulter und merkten nicht, dass sie ab 1975 immer mehr an Bedeutung verloren. Doch Peter Glotz saß gerne zwischen den Stühlen und es zeichnete ihn aus, dass er daraus keinen Kult machte oder sich zur Mitte zählte: „Damals kam ich zum ersten Mal in den Konflikt, der mich das halbe Leben begleiten sollte: Die Linken erkannten mich als ‚intelligenten Rechten‘, die Rechten aber betrachteten mich als Paradiesvogel und hatten kein Vertrauen zu mir“.

1977 ging er als Wissenschaftssenator nach Berlin und meldete sich auch dort in einem Parteibezirk an, der dem rechten Flügel zugerechnet wurde. Gleichzeitig stellte er sich auf Studentenversammlungen der linken Subkultur, die an die Stelle der 68er getreten war. Politik war für Glotz Kommunikation, und einem Streit wich er nicht aus. In seinen Erinnerungen bezeichnete er die „vier Jahre in Berlin“ als „die befriedigendste Phase meines Berufslebens.“

Es gelang ihm, den Fachbereich Philosophie der Freien Universität zu erneuern. Er reiste durch das Bundesgebiet, um bekannte Vertreter der Disziplin für seine Hochschule zu gewinnen. Das brachte ihn nicht selten in Konflikt mit den Selbstverwaltungsgremien der Universität, aber als er Berlin verließ, befanden sich die Geisteswissenschaften an der FU im Aufwind. Die Fähigkeit, ja die Lust am Diskurs bei Glotz war es, die den Parteivorsitzenden Willy Brandt dazu bewog, ihn 1981 in das Amt des Bundesgeschäftsführers zu berufen. Der ‚rechte Glotz‘ war ein überzeugter Anhänger von Willy Brandt. Sechs Jahre lang sollte Glotz das Amt innehaben und erlebte eine SPD, die mit sich und dem Koalitionspartner im Streit lag und der der ‚Genosse Trend‘ längst abhandengekommen war.

Bundesgeschäftsführer der SPD

Innerhalb der Partei spitzten sich die Meinungsverschiedenheiten 1981/1982 zu: Könnten die neu gegründeten Grünen ein möglicher Koalitionspartner sein? Welche Position sollte die SPD gegenüber den neuen sozialen Bewegungen einnehmen? Konnte eine Partei, die immer auf wirtschaftliches Wachstum setzte und stolz darauf war, dem Arbeiter das Eigenheim und den Urlaub im Süden ermöglicht zu haben, mit einer sektenähnlichen Gemeinschaft zusammenarbeiten, die das Ende des Wachstums geradezu herbeisehnte oder Wachstum zumindest sehr kritisch hinterfragte?

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre trug die SPD zum Teil widerstrebend den pragmatischen Kurs des Bundeskanzlers mit. Die Sozialdemokraten gerieten in der sozialliberalen Koalition immer mehr in die Defensive, während sich der Bundeskanzler als pragmatischer Krisenmanager bewährte und in der Bevölkerung beliebter war als die Genossen. Zu Beginn der achtziger Jahre brachen die Konflikte innerhalb der Partei auf und von einem schöpferischen Reformismus, auf den Glotz noch 1973 bis 1975 setzte, konnte keine Rede mehr sein.

Denn auch von rechts wehte der der Wind schärfer: Die sozialliberale Koalition war am Ende; es gab kaum noch Gemeinsamkeiten zwischen SPD und FDP. Der rechte Flügel der Liberalen erlangte immer mehr Einfluss und wünschte sich schon kurz nach der Bundestagswahl 1980 eine Koalition mit den Unionsparteien, die unter der Führung von Helmut Kohl einen verbindlichen Liberal-Konservatismus mit sozialer Note pflegten und die von den Liberalen mitkonzipierte Ostpolitik längst akzeptiert hatten. Dem ‚Zeitgeist‘ verpflichtete Journalisten, die früher der sozialliberalen Koalition nahestanden, riefen das „Ende des sozialdemokratischen Zeitalters“ aus: Der Wohlfahrtsstaat sozialdemokratischer Prägung hätte sich überlebt, so ihre prominentesten Vertreter in der ZEIT oder der Süddeutschen Zeitung; die Sozialdemokratie hätte ihre historischen Verdienste, aber nun möge sie abtreten und sich in der Opposition erneuern; es begänne ein neues, ‚postsozialdemokratisches Zeitalter‘.

Eine schwierige Situation also für den Bundesgeschäftsführer: „Mein Schreibtisch stand zwischen zwei Feuern. Die Partei war 1981/1982 regierungskritisch, aufgewühlt, im Umbruch. Der Kanzler musste konsolidieren, nicht nur wegen der auf den Absprung lauernden FDP-Führung, auch aus objektiven ökonomischen Gründen. Und er hatte mit voller Zustimmung Genschers auf die Überrüstung der Sowjetunion mit SS-20 Raketen hingewiesen. Die gerade gegründeten Grünen, damals noch eine Antiparteien-Partei mit vielen, auch hysterischen und antiparlamentarischen, gelegentlich auch pro-kommunistischen Flügelchen, spien gegen diese Politik Gift und Galle.“

1982 zerbrach die sozialliberale Koalition. Glotz folgte dem Parteivorsitzenden Willy Brandt nur zögernd, der sich auf rot-grüne Koalitionen einstellen wollte, doch Glotz wusste auch, dass der „Tanker SPD“ beweglicher gemacht werden müsste. Die Bundestagswahlen 1983 und 1987 verloren die Sozialdemokraten; in den Ländern konnten sie sich halten.

Peter Glotz gestand in seinen Erinnerungen offen ein, dass der Bundestagswahlkampf 1986/87 für ihn zeitweilig eine Qual gewesen wäre. Nach außen musste er das Konzept des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau vertreten, der ein Bündnis mit den Grünen strikt ablehnte und die Sozialdemokraten zur absoluten Mehrheit führen wollte, was im Vergleich mit 1983 einen Zugewinn von elf bis zwölf Prozent vorausgesetzt hätte – ein unrealistisches Ziel.

Bei der Bundestagswahl am 25. Januar 1987 verlor die SPD noch einmal im Vergleich zu 1983 und landete bei 37 Prozent der abgegebenen Stimmen: Von einer absoluten Mehrheit im Bund war sie weiter entfernt denn je. Peter Glotz legte dem Parteivorstand Anfang Februar 1987 eine mehrseitige Wahlanalyse vor, in der er die Mobilisierungsschwäche der Sozialdemokraten, unrealistische Wahlziele und die Meinungsverschiedenheiten zwischen Bonn und Düsseldorf, wo Johannes Rau seine eigene Wahlkampfzentrale unterhalten hatte, als Ursachen für die Wahlniederlage benannte. Die Kritik am Kandidaten war deutlich: Die SPD hätte eine Koalition mit den Grünen nicht ausschließen sollen und einen politischeren Wahlkampf führen müssen. Aus dem Landesverband des gescheiterten Kanzlerkandidaten wurde zurückgeschossen: Glotz könnte brillante Essays schreiben, wäre aber kein Mann des Managements, ließ Hermann Heinemann, ein einflussreicher Bezirksvorsitzender, in einem Interview mit dem SPIEGEL verlauten. Im Umkreis von Rau galt Glotz als Schöngeist, der die Parteiorganisation vernachlässigt hätte – ein Urteil, dass der Realität nicht standhält.

Im März 1987 erklärte Willy Brandt, dass er im Juni 1987 vom Parteivorsitz zurücktreten werde. Damit war auch für Glotz die Zeit in der ‚Baracke‘, der Parteizentrale, abgelaufen. Er blieb bis 1996 Bundestagsabgeordneter und spielte nun die Rolle des privilegierten Hinterbänklers.

Abschied von der Politik

Eine neue Generation von Sozialdemokraten drängte in den achtziger Jahren an die Macht; ein neues Parteiprogramm wurde ausgearbeitet. Peter Glotz kritisierte dieses Berliner Programm, das die SPD im Dezember 1989 verabschiedete, als „gesinnungsstark und analysefrei„. Glotz, der liberale Godesberger, hielt nichts vom Sechs-Stunden-Tag und kritisierte einen kapitalismuskritischen Ton, der in seinen Augen einen Rückfall in die Zeit vor Godesberg darstellte. Für ihn beschloss die SPD in Berlin einen illusionären Wunschkatalog, konnte dem Wähler aber nicht erklären, wie diese Ziele erreicht werden sollten.

In der Wende 1989/90 fürchtete er ein Wiedererwachen des Nationalismus in Europa. Für Peter Glotz war es eine Zeit der politischen Niederlagen. Im Bundestag sprach er sich 1991 gegen die Verlegung des Regierungssitzes nach Berlin aus: „Aber ich war in allen Fasern ein Politiker der Bonner Republik. Bonn war für mich das Symbol des Neuanfangs, eines notwendigerweise unprätentiösen, manchmal armseligen Neuanfangs aus den Trümmern … Vor allem fürchtete ich den furchtdurchmischten Hass der Holländer, der Tschechen, der Polen oder der Skandinavier auf ‚Berlin‘. Dort hatte ja nicht nur Hitler geherrscht und seine Verbrechen geplant. Von dort war auch der Wilhelminismus ausgegangen. Ich wollte keine ‚Berliner Republik‘“.

Im Wahlkampf 1994 gehörte er dem Wahlkampfteam des damaligen Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping an; im Falle eines Wahlsieges sollte er Bundesminister für Wissenschaft und Forschung werden. Zwei Jahre später schied er aus dem Bundestag aus: Er hatte die Politik satt, wie er in seinen Erinnerungen schrieb.

Glotz wurde von 1996 bis 1999 Gründungsrektor der Universität Erfurt; von 2000 bis 2004 hatte er eine Professur an der Hochschule St. Gallen in der Schweiz inne. In den Medien blieb er weiterhin präsent. Der ehemalige Berufspolitiker war ein gesuchter Gast in Talkshows oder in politischen Diskussionsrunden. So setzte er sich mit dem NPD-Vorsitzenden Udo Voigt in einer Diskussion bei Phönix auseinander (viele Politiker von SPD, FDP und CDU/CSU demonstrieren ihren vermeintlichen ‚Antifaschismus‘, indem sie bei Wahlsendungen den Raum verlassen, wenn ein NPD- oder DVU-Kandidat vor die Kamera tritt). Glotz war ein loyaler Sozialdemokrat, aber kein Parteisoldat.

In den letzten Jahren seiner politischen Laufbahn nahm er immer häufiger Positionen ein, die in der SPD nicht mehrheitsfähig waren. Er plädierte für Studiengebühren und trat für die Gründung eines Zentrums gegen Vertreibungen ein. Nicht etwa, weil er die Gesinnung der Vertriebenenverbände teilte, sondern weil er der Überzeugung war, dass auch die Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg ein Verbrechen war. 2003 unterstützte er die Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder, ein Gesetzespaket, das einschneidende Kürzungen in den staatlichen Sozialsystemen vorsah.

Peter Glotz starb am 25. August 2005 in Zürich.

Was bleibt von Peter Glotz?

In die erste Reihe der Politik konnte er nie vorstoßen. Seine Posten als Staatssekretär im Bonner Forschungsministerium zwischen 1974 und 1977 und seine Amtszeit als Berliner Wissenschaftssenator von 1977 bis 1981 waren seine wichtigsten Regierungsämter. Als Bundesgeschäftsführer der SPD gelang es ihm nach eigenen Angaben, die Politik der Koalition mäßig zu beeinflussen. Auf die Kandidatur für das Amt des Regierenden Bürgermeisters in Berlin verzichtete er im Januar 1981 und entschied sich für die Position des Bundesgeschäftsführers der SPD in Bonn. Sein Versuch, in Bayern 1988 die Spitzenkandidatur des Landesverbandes der Sozialdemokraten für die bevorstehenden Landtagswahlen zu erringen, scheiterte am Widerstand der Basis. Der eloquente Glotz wirkte wie ein Fremdkörper in den eigenen Reihen.

1987 veröffentlichte er einen Essay mit dem Titel „Die Malaise der Linken“. Die Rechten gewännen in Europa die Wahlen; die Republik befände sich an einer „Wendestelle“ des Zeitgeistes. Die Linke, ebenfalls in seinen Augen derzeit nicht regierungsfähig, würde wohl von einem populistischen Liberalismus abgelöst werden, „der auf die alte Werte pfeift und die Last der ökonomischen Steuerung vom Staat auf den Markt verlagern möchte“.

Glotz erkannte frühzeitig, dass die international vernetzte Wirtschaft immer mächtiger wird und dass die Linke darauf eine europäische Antwort finden müsse. Aber Formulierungen wie „Radikale Illusionslosigkeit ist die Vorbedingung für eine neue europäische Utopie“ hörten sich interessant an, eigneten sich aber kaum als Handlungskonzept für eine Partei. Und wie kam Glotz zu der Vorstellung, die Linke sei „erschöpft von misslungener Geschichte“? Die Linke bestand ja nicht nur aus Kommunisten und Linkssozialisten. Die SPD hatte Siege und Niederlagen vorzuweisen, aber keine misslungene Geschichte. Dass Verstaatlichungen kein Allheilmittel waren und sind, war mittlerweile bekannt, aber auch eine europäische Linke brauchte einen staatlich kontrollierten Sektor, der gerade die Entwicklungen verhinderte, die Glotz hellsichtig voraussagte. Seine allgemein gehaltenen Vorschläge über eine europäische Initiative zur Arbeitszeitverkürzung und zur ökologischen Erneuerung wären schon an den ganz unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse in der EU gescheitert.

1988 räumte Glotz im Hamburger Nachrichtenmagazin Spiegel ein, dass die Linke zu lange auf den Staat als wirtschaftlichen Motor vertraut hätte; der „Frontalangriff“ auf den Kapitalismus sei gescheitert. Die Linke könne nur sagen, was sie nicht wolle.

Niemand konnte so beredt die Ratlosigkeit der sozialdemokratischen Linken formulieren wie Peter Glotz. Auf manche Genossen wirkte er zu umtriebig; Glotz gehörte zu jenen Politikern, für die eine 80- oder 90-Stundenwoche selbstverständlich war. Er hatte kein Problem damit, als Bundesgeschäftsführer über die Dörfer zu reisen, um vor 50 Menschen zu reden; er war gerne Funktionär: „Aber ich habe das schnelle Leben geliebt, ich war stolz, wenn ich auf eine völlig überraschende Herausforderung geistesgegenwärtig reagiert hatte, und ich war mir nie zu schade, mit irgendjemandem nachts um zehn in ein Nebenzimmer zu gehen und eine Resolution zu verfassen, während die Streithähne schon ihr Bier tranken.“

Peter Glotz konnte vermochte nicht in die erste Reihe der Macht vordringen. Er gab Anregungen, erkannte manche Probleme früher als Andere und vereinigte die Eigenschaften eines Parteiintellektuellen mit denen eines Funktionärs in einer selten gelungenen Form. Glotz betrachtete die SPD in erster Linie als eine Kraft der Aufklärung und erst in zweiter Linie als eine Partei der sozialen Gerechtigkeit. 2003 unterstützte er in einem Essay für die ZEIT die Agenda 2010: „Die sozialdemokratische Theorie des Sozialstaates muss neu formuliert werden, und zwar nicht wegen temporärer Budgetprobleme oder irgendeines läppischen (aber von uns Deutschen erfundenen) Defizitkriteriums im ›Stabilitätspakt‹ der EU“.

Für den mittlerweile aus der Politik ausgeschiedenen Sozialdemokraten war der Sozialstaat der fünfziger und sechziger Jahre, der sich vor allem auf Wachstum gründete, nicht mehr finanzierbar. Der Rückbau des Sozialstaates erschien ihm „unausweichlich“. Ob Glotz, der Rationalist, erkannte, dass die SPD damit zu ihrer Linken Raum frei gab für eine linkssozialdemokratische Partei, die bis dahin in der Bundesrepublik nicht existierte?

Eine neoliberale Politik, die sich in erster Linie darauf konzentrierte, Ausgaben zu Lasten der sozial Schwächeren zu senken, blieb für ihn ohne Alternative. Aber wie diese neue sozialdemokratische Theorie des Sozialstaates aussehen sollte, vermochte auch Glotz nicht zu sagen. 1982 plädierte er dafür, die genossenschaftliche Idee der Selbsthilfe, der Subsidiarität, der Mitbestimmung in vielen kleinen Selbsthilfe-Initiativen wieder mehr in den Vordergrund zu stellen – sein Parteifreund Johano Strasser vom linken Flügel hatte kurz vorher ähnliche Gedanken veröffentlicht, aber dabei nicht an einen Abbau von Sozialstaatlichkeit gedacht – im Gegenteil.

Nach der Jahrtausendwende schwenkte Glotz um: Nicht mehr die Reform des Sozialstaates, sondern dessen Abbau beschäftigte ihn nun. Welche Existenzberechtigung hatte eine SPD, die Kürzungen vornimmt, die auch im Programm der bürgerlichen Parteien vorkommen? Wie sollte die von Glotz angemahnte Theorie des Sozialstaates im Zeitalter der Globalisierung aussehen?

„Wohngeld aber, Eigenheimförderung oder der Krankenschein für alles und jedes sind nicht unerlässlich“, so Glotz 2003 in der ZEIT. „Auch die individualisierte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts braucht einen Sozialstaat; aber einen anderen als die Industriegesellschaft der zwanziger oder der fünfziger Jahre“.

Das Wohngeld wurde in den sechziger Jahren unter einem christdemokratischen Kanzler eingeführt. Im Zeitalter steigender Mieten in Großstädten und schrumpfender Realeinkommen ist es nötiger denn je. Den Krankenschein für alles und jedes gab es nie.

Konkrete Antworten blieb Peter Glotz wie so oft schuldig. Ihm schwebte „eine Verschmelzung von linken Zwecken mit konservativen Mitteln“ vor, wie sie Bill Clinton in den USA mit Erfolg praktiziert hätte.

In der Hochschulpolitik, einem seiner zentralen Arbeitsfelder, zog er am Schluss seines Lebens ein ernüchterndes Fazit: Trotz aller Bildungsreformen sei es nicht gelungen, für mehr Chancengleichheit zu sorgen. Gleichzeitig plädierte Glotz für die Gründung von Eliteuniversitäten, weil Deutschland sonst den qualifizierten akademischen Nachwuchs verlieren würde.

Peter Glotz war ein Mann der Widersprüche, aber gerade das machte ihn interessant. Politische Köpfe seines Formats fehlen der Sozialdemokratie heute.

Literatur:

Peter Glotz, Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzgängers, Berlin 2006.

Annalisa Viviani, Wolfgang R. Langenbucher (unter Mitwirkung von Felicitas Walch), (Hg.), Peter Glotz, Gelebte Demokratie. Essays und Porträts aus drei Jahrzenten, Bonn 2006.

Fotonachweis: Bundesarchiv B 145 Bild-F079278-0012, Münster, SPD-Parteitag, Glotz.jpg.