Karl der Kühne – der letzte große Herzog von Burgund

Karl der Kühne (1433 bis 1477) war der letzte der „großen Herzöge von Burgund“. So bezeichnete der französische Historiker Joseph Calmette die vier Herzöge aus dem Hause Valois, die das Herzogtum zwischen 1363 und 1477 regierten. 1473 hatte Karl den Gipfel seiner Macht erreicht und stand kurz vor der Erhebung zum König durch Kaiser Friedrich III. Doch ab 1475 neigte sich die Waage zu seinen Ungunsten. Er ließ sich in einen Krieg gegen Schweizer Kantone hineinziehen und musste 1476 zwei schwere militärische Niederlagen gegen die Eidgenossen einstecken. Am 5. Januar 1477 verlor er in der Schlacht von Nancy sein Leben. Zwei Tage später fand man die Überreste der Leiche in einem gefrorenen Teich.

Aufstieg und Untergang eines Staates – das hört sich nach einem Thema für einen Roman an. Wie konnte ein kleines Fürstentum in kurzer Zeit so mächtig werden und dann innerhalb von wenigen Jahren zugrunde gehen? Wer war der Mann, unter dem Burgund seinen Zenit erreichte, aber als selbstständiger Staat endete?

Der Aufstieg des Herzogtums Burgund

1361 starb Philipp von Rouvres, der Herzog von Burgund, ohne Erben. Burgund war zu diesem Zeitpunkt ein relativ unbedeutendes Fürstentum mit der Hauptstadt Dijon. Die Rouvres gehörten zu einer Seitenlinie der Carpetinger und waren mit dem französischen Königshaus verwandt, das beim Aussterben der Herzogsfamilie die Herrschaft in Burgund antreten sollte. Die burgundischen Stände akzeptierten jedoch keine Personalunion mit Frankreich, und so bestimmte der französische König seinen jüngsten Sohn Philipp zum Herzog. Burgund blieb selbstständig und war der französischen Krone lehenspflichtig.

Mit Philipp dem Kühnen (1363 bis 1404) begann der Aufstieg des Herzogtums Burgund zu einem der mächtigsten Staaten Europas. Seine Nachfolger Johann ohne Furcht (1404 bis 1419) und Philipp der Gute (1419 bis 1467) erwiesen sich als fähige Herrscher, die den Machtbereich des Herzogtums erweiterten. Spätestens Philipp der Gute empfand sich nicht mehr als Fürst aus französischem Hause. Die burgundischen Herzöge hatten sich allmählich von Frankreich gelöst und schickten sich an, einen mächtigen Staat zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich zu begründen.

Burgund profitierte dabei von der zeitweiligen Schwäche Frankreichs, das sich seit 1337 in einem Krieg mit England befand, der immer wieder von friedlichen Perioden unterbrochen wurde und erst 1453 endgültig endete. Das Herzogtum nahm unter Johann ohne Furcht und Philipp dem Guten starken Einfluss auf die französische Innenpolitik; zeitweise wehte über der französischen Hauptstadt die burgundische Fahne. 1435 erreichte Herzog Philipp im Vertrag von Arras mit dem König von Frankreich die Befreiung von der Lehenspflicht für die Teile Burgunds, die noch Lehen Frankreichs waren. Diese Bestimmung galt laut Vertrag nur für die Lebenszeit der Vertragsparteien, aber in Wirklichkeit war das Herzogtum damit unabhängig von seinem westlichen Nachbarn geworden. Die Lehenspflicht gegenüber dem deutschen Kaiser blieb jedoch bestehen.

Als Philipp 1467 starb, umfasste sein Reich im Norden die Grafschaften Holland, Seeland, Flandern und Boulogne, also fast die ganze Kanalküste mit Ausnahme von Calais. Daran schlossen sich in südlicher Richtung das Herzogtum Brabant, die Grafschaften Hennegau, Artois, Vermandois und Namur sowie die Herzogtümer Limburg und Luxemburg an. Den südlichen Teil bildeten das ‚alte Herzogtum Burgund‘ sowie die Freigrafschaft Burgund. Fast das ganze heutige Belgien, Teile der heutigen Niederlande, Landstriche im Norden Frankreichs (im heutigen Nord-Pas-de-Calais), Luxemburg und Teile des heutigen östlichen Frankreichs (die heutige Franche-Comté), standen unter burgundischer Herrschaft.

Karl der Kühne zu Beginn seiner Herrschaft

Der neue Herzog verfolgte zwei Ziele, die nur logisch waren: Den nördlichen und südlichen Teil seines Herrschaftsgebietes zu vereinen und Burgund endlich zum Königreich zu machen. Karl wurde auf seine Aufgabe gut vorbereitet. Er erhielt eine gründliche Erziehung. Zeitgenossen beschrieben ihn als gebildeten Menschen, der viel las, Harfe spielte und die französische, flämische und englische Sprache beherrschte. Hannibal und Alexander der Große sollen seine Vorbilder gewesen sein. Karl war ein begnadeter Redner und eine imposante Erscheinung. Im Gegensatz zu seinem Vater widmete er sich intensiv den Regierungsgeschäften.

Noch mehr erstaunte seine Umgebung, dass er seinen Ehefrauen treu war. Ihm fehlte die Galanterie seines Vaters, der einige nicht eheliche Kinder hinterließ und neben seinen Aufgaben als Herrscher das Leben zu genießen verstand. Karl hingegen schien in seiner selbst gestellten Mission, Burgund endlich auch formal zur Großmacht zu erheben, völlig aufzugehen.

Als Nachteil erwies sich dabei eine Eigenschaft, die man heute Beratungsresistenz nennt. Karl misstraute seinen Ratgebern. Außerdem fehlte es ihm an Geduld. Seiner Intelligenz stand eine Neigung zum Jähzorn im Wege, die ihn zu fehlerhaften Entschlüssen verleitete. Karl war ein fähiger Organisator, bewies Mut in der Schlacht und konnte auch manchen Sieg an seine Fahne heften, aber ein großer Feldherr war der Burgunderherzog nicht. Seine Vorfahren hatten durch eine geschickte Heirats- und Bündnispolitik das Land groß gemacht und nicht so sehr durch militärische Erfolge. Karl baute ein Heer auf, das 15 000 Mann zählte, im 15. Jahrhundert eine beachtliche Größe. Er galt als einer der wenigen Fürsten, die eine Armee auch im Winter zusammenhalten konnten und hielt auf strenge Disziplin.

Der Burgunderherzog wusste, wie wichtig eine gute Verwaltung und gesunde Staatsfinanzen waren. Hier erwies er sich als Reformer: Das herzogliche Vermögen wurde von den Einnahmen des Staates getrennt. Ein Rechnungshof sollte die Ausgaben kontrollieren; nur mit Gegenzeichnung des Herrschers durften Zahlungen geleistet werden. Während sein Vater freigiebig mit Pensionen und Schenkungen umging, forderte Karl von seinem Adel Fleiß und Disziplin. Die vielen einträglichen Hofämter wurden eingeschränkt. Der Herzog legte auf eine imposante Hofhaltung wert, aber sie war für ihn ein Mittel, um den Machtanspruch Burgunds nach außen hin zu symbolisieren.

Auf dem Höhepunkt der Macht

1473 trafen sich Karl der Kühne und der deutsche Kaiser Friedrich III. aus dem Hause Habsburg in Trier. Der Herzog von Burgund besaß Ländereien, in denen er dem Kaiser lehenspflichtig war. Friedrich soll Karl die Ernennung zum König in einem Teil dieser Lehen zugesagt haben. Karl forderte jedoch die uneingeschränkte Königswürde. Außerdem sollte seine einzige Tochter den ältesten Sohn des Kaisers, Maximilian, heiraten.

Der Burgunderherzog hoffte darauf, von den Kurfürsten zum Nachfolger Friedrichs bestimmt zu werden, um dann den Thron an Maximilian zu vererben. Doch der Kaiser versagte sich den ehrgeizigen Plänen und verließ Trier in der Nacht wie ein Dieb, der sich davonstiehlt. Zurück blieben unbezahlte Rechnungen und ein zorniger Herzog von Burgund. Im burgundischen Lager hatten bereits die Vorbereitungen für die Krönung begonnen.

1474 unternahm Karl einen neuen Anlauf, um seine Machtstellung zu erweitern. Unter einem Vorwand mischte er sich in die Politik des Reiches ein – der Erzbischof von Köln bat ihn um Unterstützung. Am 24. Juli des Jahres sammelte sich die modernste Armee ihrer Zeit in Maastricht und zog gegen Neuss am Rhein. Doch die Mauern der Stadt hielten dem Beschuss durch die burgundische Artillerie stand. Die Belagerer errichteten eine kleine Zeltstadt, glaubten also nicht an einen schnellen Sieg.

Der Einmarsch der Burgunder rief den Kaiser und die europäischen Mächte, darunter Frankreich, auf den Plan. Am 31. Dezember 1474 schloss das Heilige Römische Reich in Andernach mit dem französischen König einen Bündnisvertrag. Nicht nur Neuss sollte entsetzt werden; die Vertragspartner wollten den burgundischen Staat, dessen Aufstieg die politischen Gewichte in Europa verschoben hatte, vernichten.

Eigentlich hätte diese Koalition den Untergang des Burgunderherzogs bedeuten müssen, aber wie so oft hielt sich Ludwig XI. von Frankreich nicht an sein Wort. Im März 1475 schränkte er seine Hilfszusagen ein und teilte den deutschen Fürsten mit, dass er nicht – wie vorgesehen – 30 000, sondern nur 20 000 Mann stellen könnte. Friedrich III. näherte sich mittlerweile mit einem Reichsaufgebot von 40 000 Soldaten der Stadt Köln, wo er am 20. März 1475 wie ein Befreier begrüßt wurde.

Der Kaiser wollte eine Schlacht vermeiden, war also wie Ludwig nicht unbedingt vertragstreu. Der Niedergang Burgunds würde nur Frankreich in die Hände spielen, und das war nicht im Interesse Habsburgs. Am 23. Mai 1475 lagen beide Heere bei Neuss einander gegenüber, aber bis in den Nachmittag hinein fiel kein Schuss. Karl der Kühne entschloss sich trotz seiner zahlenmäßigen Unterlegenheit zum Angriff. Als die Nacht hereinbrach, stand das Treffen unentschieden. Zwei Tage nun verhandelten man über einen Waffenstillstand, der am 25. Mai in Kraft trat. Am 17. Juni 1475 wurde der Waffenstillstand um neun Monate verlängert. Einen Tag später lud Karl der Kühne die Reichsfürsten zum Bankett, und am 27. Juni 1475 rückte das burgundische Heer vom Niederrhein ab.

Die erfolglose Belagerung von Neuss stellte nicht den einzigen Rückschlag für Karl dar. Am 9. Juni 1475 erklärt der Herzog von Lothringen den Burgundern den Krieg. Das Herzogtum, ein schmaler Keil zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil des Machtbereiches der Burgunder, stellte eine strategisch wichtige Position dar und war vertraglich an Karl gebunden. Auch hier hatte der französische König seinen Einfluss geltend gemacht und mit Geschick und Geld einflussreiche Persönlichkeiten am Hof von Nancy auf seine Seite gezogen. Aber auch die Diplomaten des Herzogs waren nicht untätig geblieben.

Während die Burgunder noch vor Neuss lagen und darauf warteten, dass das Reichsheer abrückte, landeten die Engländer als Verbündete Karls in Calais. England und Burgund hatten ein Bündnis geschlossen mit dem Ziel, Frankreich endgültig zu besiegen. Der englische Herrscher sollte in Reims zum König von Frankreich gekrönt werden, ein Anspruch, den die Briten immer noch aufrechterhielten.

Doch die Zusammenarbeit stand unter einem schlechten Stern. Die Engländer marschierten durch burgundisches Gebiet und plünderten, als operierten sie in Feindesland. Am 14. Juli 1475 traf Karl im Hauptquartier des englischen Königs mit 50 Reitern ein. Dort war man gar nicht erfreut über die verspätete Ankunft des Burgunderherzogs. Noch schlimmer wog, dass Karl kein schlagkräftiges Heer mitgebracht hatte. Stattdessen legte er einen Feldzugsplan vor, der logisch schien, aber im englischen Lager Misstrauen hervorrief. Der englische König wollte zusammen mit den burgundischen Truppen vom Norden Frankreichs aus in Richtung Paris vorrücken. Karl hingegen plante einen Zangenangriff: Die Engländer im Norden und die burgundische Armee im Westen sollten dem französischen Monarchen einen Zweifrontenkrieg aufzwingen, der Ludwig XI. gezwungen hätte, seine Kräfte zu zersplittern. Gleichzeitig hätte Karl der Kühne Lothringen, die wichtige Landbrücke zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil seines Herzogtums, erobern können.

Ludwig XI. gelang es, mit Bestechungsgeldern im englischen Lager Anfang August 1475 einen Stimmungsumschwung herbeizuführen. Die Tatsache, dass Karl einen Teil seiner abgekämpften Truppen beurlauben musste, während die andere Hälfte sich für einen Feldzug gegen Lothringen bereithielt, förderte die Neigung der Engländer, die Seiten zu wechseln. Karl stellte seinen englischen Schwager zur Rede, konnte aber die Entwicklung zu seinem Nachteil nicht verhindern. Im August 1475 verzichtete das Expeditionsheer von der Insel auf einen Vormarsch. Der englische und der französische König schlossen am 29. August 1475 ein Bündnis.

Die burgundische Diplomatie konnte im Hochsommer 1475 noch einmal den militärischen Rückschlag vor Neuss und das Auseinanderbrechen der Koalition mit England ausgleichen. Die Vertreter Karls des Kühnen handelten mit dem Heiligen Römischen Reich einen Frieden aus und schlossen mit dem französischen König einen Waffenstand ab. So war für Karl der Weg frei nach Lothringen. Der dortige Herzog wurde von Ludwig XI. fallen gelassen. Alleine konnte der Fürst des kleinen Landes die burgundische Invasion nicht abwehren. Am 30. November 1475 zog Karl in Nancy ein und gab in einer Rede bekannt, dass er von hier aus in Zukunft in Friedenszeiten das burgundische Reich regieren wollte. Sein Herzogtum sollte eine Hauptstadt bekommen.

Eine Zeit des Friedens jedoch war Burgund nicht vergönnt. Seit dem Oktober 1474 hatten die Eidgenossen Karl dem Kühnen den Krieg erklärt. Und auch Karl brannte darauf, mit den Schweizern eine Rechnung zu begleichen.

Ritter gegen Spießträger

Die eidgenössischen Kantone und Burgund lebten lange Zeit im Frieden. 1469 ließ sich Karl der Kühne in einen Konflikt zwischen Herzog Sigmund von Tirol aus dem Hause Habsburg und den Schweizern hineinziehen. Sigmund von Tirol gehörte zu den Fürsten, in deren Schatzkammer chronische Ebbe herrschte. 1456 übernahm er die Herrschaft der Vorlande, also Teile des Elsass, des Schwarzwaldes und den sogenannten vier Waldstädten am Oberrhein. Der Adel in diesem Gebiet lag im ständigen Konflikt mit den eidgenössischen Nachbarn.

Die Schweizer drangen auf habsburgisches Gebiet vor, es kam zu einem Krieg und am 28. August 1468 konnte Herzog Sigmund einen glimpflichen Frieden schließen. 10 000 Gulden musste er zahlen, ansonsten wären Waldshut und der Schwarzwald an die Schweiz gefallen. Von seinem Verwandten auf dem deutschen Kaiserthron konnte Sigmund keine Hilfe erwarten, und der französische König verwies ihn an den Burgunderherzog. Karl der Kühne schloss also 1469 mit dem in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Fürsten einen Schutzvertrag. Der Habsburger verpfändete Teile seiner Ländereien an die Burgunder gegen eine Pfandsumme von 50 000 Gulden. Sigmund konnte sich aus dem Vertrag herauskaufen, aber die Summe war so hoch, dass kaum zu erwarten war, er würde wieder in den Besitz eines Teils seiner beliehenen Herrschaftsgebiete gelangen.

Der Burgunderherzog ließ die Schweizer wissen, dass er keinen Konflikt mit ihnen wünschte. Dennoch verschlechterte sich zu Beginn der siebziger Jahre das Verhältnis. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Kanton Bern. Auch hier setzte Ludwig XI. Geld ein, um wichtige Persönlichkeiten der Berner Politik für sich zu gewinnen. Die burgundische Partei verlor an Einfluss. Die eidgenössischen Kantone, allen voran Bern, betrieben im 15. Jahrhundert eine expansionistische Außenpolitik. Ihrer Ausdehnung in Richtung Westen standen die Habsburger und ab 1469 die Burgunder im Weg.

Militärisch gesehen stellten die Schweizer zu diesem Zeitpunkt bereits eine beachtliche Macht dar. In kurzer Zeit konnten die Eidgenossen 70 000 Mann an Bodentruppen mobilisieren. Deren langen Spieße, Hellebarden genannt, stellten für die Ritterheere ein großes Problem dar. Schusswaffen waren noch nicht so weit entwickelt, als dass diese Waffen die dicht geschlossenen Reihen der Schweizer ernsthaft gefährden konnten.

Viel spricht dafür, dass Ludwig XI. von Frankreich auch hier seinen Einfluss spielen ließ, um Burgund und die Schweiz in einen Krieg zu verwickeln. 1473/74 schlossen oberrheinische Städte wie Straßburg, Colmar, Basel und Schlettstadt, die Bischöfe von Straßburg und Basel, die Eidgenossenschaft und Herzog Sigmund von Tirol ein Abkommen, die „Niedere Vereinigung“. Die Reichsstädte stellten Herzog Sigmund 76 000 Gulden zur Verfügung, um seine Pfandlande bei Karl dem Kühnen auszulösen. Herzog Sigmund und die Eidgenossenschaft legten ihre Konflikte bei. Auch Herzog René von Lothringen schloss sich dem Bündnis an.

Das Ende des Burgunderfürsten

Der Burgunderherzog wollte diesen Souveränitätswechsel zuerst nicht anerkennen, musste aber hinnehmen, dass sein Statthalter in den ehemaligen Pfandgebieten, Peter von Hagenbach, am 9. Mai 1474 wegen Machtmissbrauchs hingerichtet wurde. Hagenbach hatte sich als tüchtiger, zugleich aber auch brutaler Verwalter erwiesen. Der Burgunderherzog rüstete zu diesem Zeitpunkt für seinen Feldzug gegen Neuss und maß dem Konflikt mit den Schweizern keine größere Bedeutung bei. Der Bruder des Hingerichteten unternahm mit einer Schar Soldaten einen Rachefeldzug, sodass die Eidgenossen schließlich im Oktober 1474 dem Burgunderherzog den Krieg erklärten. Am 13. November 1474 schlug ein Aufgebot der „Niederen Vereinigung“ ein Burgunderheer bei Héricourt.

Dieses erste Treffen hätte Karl nachdenklich stimmen müssen. Der Burgunderherzog plante dennoch erst ab Ende 1475, sich an den Eidgenossen zu rächen.

Der Feldzug des Jahres 1476 verlief katastrophal für Karl. Am 2. März 1476 wurde er bei Grandson geschlagen, am 22. Juni 1476 kamen bei Murten 10 000 Burgunder ums Leben. Die schweizerischen Truppen erwiesen sich als überlegen. Die burgundische Führung machte Fehler. In Murten beispielsweise hatte sie den Anmarsch des Gegners nicht rechtzeitig bemerkt. Die Eidgenossen konnten die Stellung ihrer Feinde umgehen und dass Gros der burgundischen Truppen noch im Lager überraschen.

Die beiden Niederlagen hatten dem Ansehen Karls des Kühnen schweren Schaden zugefügt. Doch er wollte nicht aufgeben. Mit einer kleinen Streitmacht wollte er im Herbst 1476 Nancy zurückerobern. Der Herzog von Lothringen warb unterdessen Truppen, um seine Hauptstadt zu befreien. Am 5. Januar 1477 stellte sich Karl der Kühne mit einem zahlenmäßig unterlegenen Aufgebot dem Entsatzheer und verlor Schlacht und Leben. Die Chance, sich rechtzeitig zurückzuziehen, hatte er abgelehnt.

Mochte Ludwig XI. mit seiner Diplomatie Karl in die Knie gezwungen haben; das Erbe des Herzogs konnte er nicht antreten. Habsburg genoss den Vorteil, dass die Tochter Karls mit dem habsburgischen Kronprinzen Maximilian verlobt war und den Habsburgerprinzen nach dem Tode ihres Vaters heiratete. Ihre Ländereien brachte sie als „Mitgift“ in die Ehe ein. Der Streit um das „burgundische Erbe“ sollte dreihundert Jahre die europäische Politik beeinflussen und Frankreich und Habsburg zu Gegnern machen. Erst 1756 wurde der Konflikt beigelegt.

Der Aufstieg Burgunds zwischen 1350 und 1450 ging einher mit dem zeitweiligen Niedergang Frankreichs, das in einem dauerhaften Krieg gegen England empfindliche Rückschläge hinnehmen musste. Ludwig XI. (1461 bis 1483) gelang es, nach Beendigung dieses Konflikts, eine Koalition gegen Burgund zu schmieden, die Karl zum Verhängnis wurde.

Burgund war schon unter seinem Vater so mächtig geworden, dass der Königstitel nur den Rang der Großmacht Burgund bestätigt hätte. Karls Fehler bestand darin, gegenüber Frankreich und dem Deutschen Reich zugleich eine aggressive Politik zu betreiben. Vor allem die Belagerung von Neuss sollte sich als verhängnisvoll erweisen. Der Burgunderherzog machte sich zusätzlich den Kaiser zum Feind und verprellte seinen wichtigsten Verbündeten, England.

In seiner Innenpolitik, etwa bei den Verwaltungsreformen oder der Organisation seiner Armee, erwies sich Karl dagegen als fähiger Herrscher.

Auch wenn sich der Traum von einem burgundischen Großreich nicht erfüllen sollte: Karl der Kühne gehört zu den herausragenden Herrschergestalten des 15. Jahrhunderts. Und so überragt er zumindest in seinem Nachruhm seinen Gegner Ludwig von Frankreich, der mit dem Beinahmen „die Spinne“ in die Geschichte eingehen sollte. Die Netze, die die „Spinne“ knüpfte, zerfielen, aber das untergegangene Burgund bildete den Grundstein für die Weltmachtstellung der Habsburger im 16. Jahrhundert.

Literatur:

Klaus Schelle, Karl der Kühne. Burgund zwischen Lilienbanner und Reichsadler, Stuttgart 1977

Richard Vaughan, Charles the Bold. The Last Valois Duke of Burgundy, London 2003