Gustav III. von Schweden – ein Monarch der Widersprüche

Gustav III. (1746 bis 1792) bestieg 1771 den Thron des Königreiches Schweden. Er schätzte das Theater, förderte die Wissenschaften, lehnte die Todesstrafe ab und versuchte, sein Land im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus zu reformieren. Doch er war nicht nur ein Liebhaber der schönen Künste, sondern auch erste schwedische König seit Karl XII. (1697 bis 1718), der eine wichtige Schlacht gewinnen konnte. 1792 erlag er den Folgen eines Attentats.

Die „Freiheitszeit“

Schweden gehörte im 17. und frühen 18. Jahrhundert zu den Großmächten in Europa. 1630 griff Gustav II. Adolf auf Seiten der deutschen Protestanten in den Dreißigjährigen Krieg ein und verhinderte einen Sieg der katholischen Reichsstände. Karl XII. (1697 bis 1718) musste seit 1700 Krieg gegen Dänemark, Sachsen, Polen und Russland führen und brachte diese Koalition an den Rand einer Niederlage. Er galt als der erste Soldat seiner Zeit. 1718 fiel er bei der Belagerung einer Festung in Norwegen. Drei Jahre später musste Schweden Frieden schließen und verlor die meisten seiner deutschen Besitztümer. Das Land gehörte nicht mehr zu den Großmächten. Seit 1721 umfasste das Königreich Schweden die Gebiete des heutigen Schwedens und Finnlands.

Im Innern war die Stellung der Monarchie stark geschwächt. Der König glich einem nichtregierenden Staatsoberhaupt. Die Jahre zwischen 1719 und 1772 gelten als die sogenannte „Freiheitszeit“. Der Adel beherrschte das Land, wobei sich zwei Fraktionen herausbildeten: die „Hüte“ und die „Mützen“. Die „Hüte“ wollten für die Niederlage im Großen Nordischen Krieg Revanche nehmen, die heimische Industrie fördern und England als politischen Verbündeten gewinnen. Die „Mützen“ hingegen suchten nach einem Ausgleich mit dem Zarenreich und stützten sich auf die Landwirtschaft.

1741 endete ein Krieg gegen Russland in einem militärischen Fiasko. Galten die schwedischen Bauernsoldaten im 17. und frühen 18. Jahrhundert als unbesiegbar, so war das schwedische Heer im 18. Jahrhundert nur noch zweite Wahl. Im Siebenjährigen Krieg griff Schweden an der Seite Frankreichs, Habsburg, Sachsens und Russlands in den Krieg gegen Preußen ein, aber Stockholm ein Erfolg versagt.

Im Innern setzten sich die Ideen der Aufklärung allmählich durch. 1766 erließ die Regierung ein Gesetz, dass die Pressefreiheit einführte. Der Arzt und Historiker Ronald D. Gerste, der eine Biografie über Gustav III. vorgelegt hat, spricht davon, dass der machtpolitische Niedergang der „Freiheitszeit“ auch eine positive Kehrseite besaß: „Vielmehr schienen die enormen Kräfte des schwedischen Volkes sich endlich im Innern entfalten zu können, nachdem sie nicht länger für Kriegszüge durch die Steppen Russlands oder entlang der Flüsse Deutschlands benötigt wurden.“

1772: der Staatsstreich

Gustav hatte sich schon als Kronprinz Gedanken über eine grundlegende Reform des Staates gemacht. Nach seiner Thronbesteigung wurden diese Fragen immer aktueller. Schweden sollte nicht das gleiche Schicksal erleiden wie das Königreich Polen, das sich aufgrund der Schwäche seiner inneren Verfassung zum Objekt der drei europäischen Großmächte Russland, Österreich und Preußen machen ließ.

Der junge Gustav hielt sich 1771 in Frankreich auf, wo er vom Tode seines Vaters erfuhr. Wie viele Monarchen seiner Zeit sprach er besser Französisch als seine Muttersprache.

Nach seiner Rückkehr wagte Gustav den Staatsstreich. Er stützte sich dabei auf sein Leibregiment. Am 19. August 1772 setzte er die verfassungsrechtlichen Grundlagen der „Freiheitszeit“ außer Kraft. Die Mitglieder des Reichsrates leisteten keine Gegenwehr. Gustav ritt wie ein siegreicher Feldherr durch die Stockholm; erste Gerüchte über einen Umschwung machten in der Bevölkerung die Runde. Die Menschen jubelten ihm zu. Am Abend empfing der Monarch die Botschafter und versicherte ihnen, an der Politik Schwedens würde sich nicht viel ändern.

Drei Tage später verlas Gustav III. den Text der neuen Verfassung vor den Reichsständen, die sich im Stockholmer Schloss versammelt hatten. Die Historiker Otfried Czaika und Jörg-Peter Findeisen betrachten den Staatsstreich als „Rückfall in die Zeit des Fürstenabsolutismus“. Ronald D. Gerste kommt in seiner Biografie über den schwedischen König zu dem Ergebnis, dass die Verfassung von 1772 unterschiedliche Perspektiven eröffnete. Bei einem starken König würde das Schwergewicht in Zukunft in der Hand der Krone liegen; bei einem schwachen Monarchen hätten die Stände mit den ihnen verbliebenen Rechten die königliche Macht begrenzen können.

Die neue Verfassung legte die Rechte des Königs und der Reichsstände fest. Der neue Monarch wollte verhindern, dass Schweden wie Polen ein Opfer der europäischen Mächte wird. Der König konnte den Reichstag einberufen und teilte sich die gesetzgeberische Macht mit den Ständen. Allerdings wurde den Ständen nur ein Beratungsrecht zugebilligt. Ihre Zustimmung war erforderlich, wenn es um Krieg und Frieden ging. Ansonsten fiel die Außenpolitik in die Zuständigkeit des Monarchen.

Die sogenannte „Freiheitszeit“ war vorbei. Bald sollten die Schweden erleben, dass Gustav von seinen Kompetenzen Gebrauch machte.

Reformen im Innern

Welche Pläne verfolgte der neue Monarch? Seine Gegner hatten ihn unterschätzt. War er wirklich nur ein Freund der Künste, ein Liebhaber des Theaters, der jeden Abend – wenn es irgend ging – eine Aufführung besuchte?

Die Berichte über ihn sind widersprüchlich. Als er die russischen Zarin Katharina zu politischen Gesprächen traf, glaubte die russische Herrscherin, einen gepuderten Gecken vor sich zu haben, der am liebsten über Mode, Parfums oder Preziosen plauderte. Andere Zeitzeugen sprechen von einem Menschen, der zur Verstellung neigte, wenig Wert auf seine Garderobe legte, ja ungepflegt wirkte. Ebenfalls überliefert ist, dass Gustav seine Umgebung mit Charme zu beeindrucken wusste. Auf viele Beobachter machte der schwedische König den Eindruck eines leichtfertigen Menschen; in Wirklichkeit kümmerte er sich intensiv um die Staatsgeschäfte und bewältigte täglich ein umfangreiches Aktenpensum.

Der Monarch wollte sein Königreich regieren und diese Arbeit nicht nur seinen Ministern überlassen. Ulrik Scheffer, ein Ratgeber aus dem ersten Jahrzehnt der Herrschaft des Königs, erkannte die Schattenseiten dieses Königtums: „Niemals war ein Fürst so schwer zu beschreiben, denn niemals fanden sich so viele entgegengesetzte Eigenschaften in ein und derselben Person … Wenn er über sein Volk spricht, ist er wie ein Vater, der seine Kinder liebt, wenn er handelt, ist er wie ein Herr, der es zerquetscht. Alle zivilen und militärischen Ämter bis hoch zum Reichsrat hat er dazu erniedrigt, allem mehr Glanz zu geben, was zu seinem Hof gehört. Ein Kammerpage bedeutet ihm mehr als das vornehmste Mitglied seines Rates.“

Schon sechs Tage nach dem Staatsstreich schaffte der Monarch die Folter ab. Zwar blieb die die lutherische Kirche Staatsreligion, aber anderen Glaubensbekenntnissen wurde Toleranz gewährt. Gustav III. schränkte die Zahl der Straftaten, die mit der Todesstrafe geahndet wurden, stark ein und machte stets von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch. Religiöse Feiertage wie der 3. und der 4. Weihnachtstag fielen fort. Der neue Monarch versuchte, bei der Besetzung öffentlicher Ämter dem Gleichheitsgrundsatz zu folgen, verhehlte jedoch nicht, dass er dem Adel den Vorzug gab. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern erhob er Bürgerliche aufgrund ihrer Leistungen in den Adelsstand.

Gustav III. war fasziniert von Frankreich. Dessen Kultur und Sprache scheinen ihm näher gestanden zu haben als die Sitten und Gebräuche seines eigenen Königreiches. Als Ausdruck seines königlichen Machtanspruchs ließ er bei Hofe das bis dahin in Schweden unbekannte Lever einführen. In Versailles hatte er dieses Hofzeremoniell kennengelernt. Der Monarch empfing morgens in seinem Schlafzimmer einen ausgewählten Kreis von Adligen, die beim Ankleiden und Frisieren zugegen sein durften. Während in Frankreich Ludwig XVI. dieses Ritual wieder einschränkte, der preußische König sich von einem Diener wecken ließ und nach einer kurzen Leibwäsche sich seinen Staatsgeschäften zuwandte, legte Gustav III. genau fest, wie das Lever am Stockholmer Hof verlaufen sollte. Der Hofstaat hatte sich vor dem Schlafzimmer zu versammeln, und nachdem die Türen geöffnet worden waren, meldete der Hofmarschall, dass seine Majestät nun das Hemd wechselte. Um die Bedeutung dieser Nachricht zu unterstreichen, pochte er mit einem Stab mehrmals auf den Boden.

Für Gustav gab es anscheinend keinen Widerspruch zwischen seinem Anspruch, die ‚alten Freiheiten‘ wiederherzustellen und einem Ritual, das aus dem 17. Jahrhundert stammte und den Machtanspruch eines absoluten Herrschers demonstrieren sollte. Als er 1784 nach Italien reiste, musste der Künstler Johan Tobias Sergel, der ihn begleitete, bei den Mahlzeiten an einem anderen Tisch Platz nehmen. An den Höfen von Paris und Madrid wäre das nicht aufgefallen, aber in Schweden tat man sich nicht leicht mit dieser Form des Absolutismus.

In den ersten Jahren seiner Herrschaft schien Gustav die Erwartungen vieler Schweden erfüllen zu können. Das Land litt nicht mehr unter den Machtkämpfen von Adelscliquen. Der Monarch widmete sich täglich seinen Pflichten. Er schien die Lebenskultur eines französischen Königs mit dem Pflichtgefühl Friedrichs des Großen zu vereinen.

Innenpolitische Turbulenzen und außenpolitische Gefahren

Am Ende der siebziger Jahre wurde häufiger Kritik an dem aufgeklärten Absolutismus des Monarchen laut. Sein Versuch, 1779 per Gesetz das private Brennen von Schnaps zu verbieten, erwies sich als völliger Fehlschlag. Gustav wollte mit dem Gesetz Getreide einsparen und Vorräte gegen Missernten anlegen. Außerdem sollten die Bauern bei der Abgabe des Getreides entschädigt werden. Aber auch gute Argumente halfen ihm nicht weiter. Der Monarch, dem man 1772 noch zugejubelt hatte, weil er die „alten Freiheiten“ wieder herstellen wollte, erschien nun als bürokratischer Despot.

Gustav reagierte mit einer Verschärfung der Zensur. Eine Zeitung veröffentlichte dennoch einen Artikel, in dem das Brennen von Schnaps zu den Menschrechten gezählt wurde. Genauso gut – so die Zeitung – könne man das Backen verbieten. Der Monarch erblickte darin Hochverrat und ließ den Herausgeber des Blattes, den Besitzer der Druckerei und den Autor des Artikels vor Gericht stellen. Gustav erwirkte drei Todesurteile, die er jedoch sofort im Gnadenwege aufhob. Der Herausgeber der Zeitung und der Drucker erhielten acht Tage Haft; der Autor des Artikels konnte sich sogar einer Zahlung von 150 Dukaten erfreuen.

Seit Beginn der achtziger Jahre wuchs die Zahl der regierungskritischen Pamphlete. Ab 1785 durften Zeitungen nur erscheinen, wenn sie vorher eine Genehmigung des Königs erhalten hatten. Dieses Privileg erhielt man, wenn man sich verpflichtete, keine allzu kritischen Artikel zu veröffentlichen.

Der Monarch widmete sich aber nicht nur den Reformen im Innern und den schönen Künsten. Die traditionelle Machtpolitik interessierte auch ihn. Gustav, der sich an Vorbildern orientierte und ein ausgesprochenes Machtgefühl besaß, was seine königliche Stellung anging, war fasziniert von seinem Vorfahr Gustav II. Adolf (1611 bis 1632).

Doch nicht nur persönlicher Ehrgeiz lockte ihn auf das Feld der Außenpolitik. Die Stellung Schwedens als Mittelmacht war keineswegs so gefestigt, dass der Monarch die traditionelle Machtpolitik hätte ignorieren können. Dänemark, der alte Rivale, und Russland stellten eine Gefahr dar. Schweden musste versuchen, Wege aus der diplomatischen Isolation zu finden. 1780 schlossen Petersburg und Stockholm ein gegenseitiges Abkommen zum Schutz der Handelsschifffahrt. Doch die außenpolitischen Ambitionen des Königs in den Achtzigerjahren standen unter keinem guten Stern.

1783 schrieb er dem Oberkommandierenden der schwedischen Flotte, dass er – Gustav – dem Norden Europas ein neues Gesicht geben wolle. Der Monarch plante die Eroberung Norwegens, das zum Königreich Dänemark gehörte. Gustav ignorierte, dass die Streitkräfte seines Landes dazu gar nicht in der Lage waren. Bei einem Besuch in Russland wollte er sich der Rückendeckung durch die Zarin versichern, aber wieder einmal konnte er ihr nicht imponieren: Bei einer Parade fiel er vom Pferd und brach sich den Arm. Der Angriff auf Norwegen unterblieb, denn ohne die Neutralität Russlands wollte die schwedische Führung keinen Krieg wagen.

Ab Mitte der Achtzigerjahre wuchs die Opposition im Innern gegen einen König, den seine Kritiker für leichtfertig, sittenlos und oberflächlich hielten. Seine Befürworter hingegen verwiesen darauf, dass Gustav III. Schweden zu einem Land der Dichter und Künstler gemacht hätte. Auf dem Reichstag 1786 beschwerten sich Adlige darüber, dass „Opernmamsels“ bei Hofe zugelassen wären. Das Leben in Versailles, dem Sitz der französischen Könige, hatte Gustav immer schon beeindruckt; in Paris fühlte er sich heimisch. Seine Versuche, etwas von diesem Glanz in Stockholm aufleuchten zu lassen, stießen auf Widerstand im schwedischen Adel. Dass Gustav zuweilen in Liebhaberaufführungen als Schauspieler dilettierte, steigerte noch die Kritik. Das Bürgertum murrte über die Zensur; die Bauern klagten über Missernten.

Suchte Gustav deshalb den Krieg mit Russland? Das Verhältnis zu Dänemark hatte sich gebessert und das Zarenreich war in einen Konflikt mit dem Osmanischen Reich verwickelt. Die Gelegenheit schien also günstig. Am 23. Juni 1788 schifften sich 15 000 Mann ein, um die Ostsee zu überqueren. Sie sollten in Livland landen und die russische Hauptstadt angreifen. Doch nach wenigen Wochen zeichnete sich das Scheitern des Plans ab. Im August 1788 meuterte eine Gruppe von schwedischen Offizieren und wandte sich an Katharina die Große mit der Bitte, sie möge mit „Repräsentanten der Nation“ über einen baldigen Frieden verhandeln. Gleichzeitig wurde Gustav gemeldet, dass eine dänische Armee in Schweden eingefallen war. Der König schien am Ende.

Der „Heldenkönig“

Gustav III. zeigte in dieser Krise Format. Wieder erleben wir eine neue Facette seines Charakters. Am Beginn seiner Herrschaft stand ein Staatsstreich. Dann folgte eine Zeit der Reformen. Seit den frühen Achtzigern wurde er stärker zum absolutistischen König. Nun stand er vor einer Aufgabe, die ihm kaum jemand zutraute: Er sollte sich als militärischer Führer beweisen. Der König reagierte im Sommer 1788 und verließ seine Truppen in Finnland. Er eilte nach Göteborg, der zweitgrößten Stadt seines Königreiches, die von einer dänischen Armee bedroht wurde. Auf seiner Reise appellierte er an die Landbevölkerung und fand die richtigen Worte. Unter seiner Führung wurden die Verteidigungsanlagen der Stadt verstärkt. Eine englisch-preußische Intervention verhinderte eine Schlacht, denn London und Berlin hatten kein Interesse daran, dass sich die Machtverhältnisse in Skandinavien zugunsten Dänemarks und Russlands verschoben. Die Meuterei in Finnland brach zusammen.

1789 nutzte Gustav die Gunst der Stunde und setzte auf dem Reichstag von 1789 eine weitere Verfassungsreform durch. Nur der Monarch konnte in Zukunft den Krieg erklären oder einen Frieden schließen. Der Adel verlor viele Vorrechte. Die „Opernmamsels“ wurden ebenbürtig und konnten einen Adligen vor Gericht verklagen. Die Bauern erhielten endgültig das Recht, Land zu kaufen und zu verkaufen.

Nach dem Ende des Reichstages kehrte er an die finnische Front zurück. Er teilte die Entbehrungen der Soldaten. Die registrierten ungläubig, dass ihr König in einem Zelt oder an Bord eines Kriegsschiffes schlief.

Im Sommer 1790 fiel schließlich die Entscheidung. Am 8. Juli 1790 besiegte die schwedische Flotte unter der Führung Gustavs ihren zahlenmäßig überlegenen Gegner im Svensksund. Die russische Marine verlor 52 Schiffe und hatte 10 000 Tote zu beklagen. Auf schwedischer Seite trauerte man über 300 Tote; sechs Schiffe mussten die Flagge streichen. Es war der größte Erfolg, den das skandinavische Land je zur See errungen hatte. Fünf Wochen später wurde im Grenzort Värälä der Frieden unterzeichnet. Zwar konnte Gustav keine territorialen Gewinne einstreichen, aber Russland verpflichtete sich, in Zukunft keinen Einfluss mehr auf die schwedische Innenpolitik zu nehmen.

Letzte Pläne, Attentat und Tod

Der Reichstag von 1789 hatte Gustav nur eine Atempause verschafft. Teile des Adels standen nun in offener Opposition zu ihm. Ein Volkskönig zu werden, lag Gustav völlig fern. Für die Revolution in Frankreich hatte er nur Verachtung übrig. Im Jahr 1791 plante er die Entsendung einer Invasionsarmee von 16 000 Mann nach Frankreich, um die Macht der bourbonischen Monarchie wiederherzustellen. Russland sollte das Unternehmen finanzieren.

Ein Jahr darauf stand wieder ein Reichstag an. Große Teile des Adels blieben dem Empfang fern, den Gustav aus Anlass der Konfirmation seines Sohnes gab. Das Verhalten der Aristokratie kam einer Beleidigung nahe. In der Sache – es ging um die Reduzierung der Staatsschulden – stimmten die Stände den Vorschlägen des Monarchen zu. Gustav war verblüfft, aber er registrierte auch, dass die Delegierten dies notgedrungen taten.

In Stockholm hatte sich mittlerweile eine Gruppe von adligen Verschwörern gebildet. Sie planten die Ermordung des Königs. Am 16. März 1792 verübte Hauptmann Johan Jacob Anckarström während eines Maskenballs das Attentat. Der Schuss aus seiner Pistole verletzte den Monarchen schwer. Die Ärzte waren machtlos. Am 29. März starb Gustav III. an Blutvergiftung.

Noch als der König auf dem Sterbebett lag, stellte sich heraus, dass die Verschwörer isoliert waren. Anckarström rechtfertigte sich vor Gericht mit dem Naturrecht auf Tyrannenmord. In der Bevölkerung hingegen herrschte Trauer vor. Zu einer Aufstandsbewegung kam es nicht.

Als Gustav starb, befand sich sein Land in einem besseren Zustand als zu Beginn seiner Herrschaft. Der Einfluss rivalisierender Adelsgruppen wurde zurückgedrängt. Im Innern führte der Monarch wichtige Reformen durch. Der Krieg gegen Russland zwischen 1788 und 1790 hatte zwar nicht die erhofften Erfolge gebracht, aber immerhin die Position des Landes im Ostseeraum behauptet. Theater, Literatur und Oper erlebten einen einmaligen Aufschwung. Die Wirtschaft des Landes konnte sich entwickeln. Heer und Flotte wurden reformiert.

Historiker billigen Gustav nicht den Beinamen „der Große“ zu, aber es gelang ihm zumindest, den Abstieg seines Landes aufzuhalten. Ernst Moritz Arndt schrieb 1839, dass dieser König die „meisten gleichzeitigen Fürsten an Geist, Bildung und Thatenkraft übertroffen hat.“

Man kann nur darüber spekulieren, wie seine weitere Herrschaft verlaufen wäre. Als Vertreter eines fürstlichen Absolutismus lehnte er die Französische Revolution ab. Doch gleichzeitig arbeitete er an Plänen, die eine Verfassung für Schweden vorsahen. Gustav soll sich dabei an Verfassungsprinzipien orientiert haben, die in England Gültigkeit besaßen. Auf der Insel hatte sich – ohne geschriebene Konstitution – das Modell einer parlamentarischen Monarchie herausgebildet. Ein Premierminister, der im Unterhaus (dem Parlament) seine Mehrheit verlor, musste zurücktreten. Ein Oberhaus bildete das Gegengewicht. England war das Mutterland des Parlamentarismus; nicht aber der Demokratie. Nur ein Bruchteil der Engländer besaß das aktive und passive Wahlrecht für das Unterhaus. Parlamentssitze konnten gekauft werden. Außerdem gab es keine Wahlkreise im heutigen Sinne.

Folgt man Ernst Moritz Arndt oder zeitgenössischen schwedischen Historikern, dann wollte Gustav ein ähnliches Modell – allerdings mit Modifikationen – in Schweden einführen. Ob es dazu gekommen wäre, muss Spekulation bleiben. Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass ein Monarch, der 1772 seine königliche Macht festigte und sie 1789 noch ausbaute, sich in den neunziger Jahren mit der Position eines konstitutionellen Königs zufrieden gegeben hätte. Dass er nicht im Ruf eines Tyrannen stand, zeigte sich sofort nach dem Attentat. Die Bevölkerung verfolgte mit großer Anteilnahme das langsame Sterben des Monarchen. Hinter den Verschwörern stand keine organisierte Opposition.

Am 29. März 1772 verschied der Mann, der für viele seiner Landsleute ein Rätsel war. Ein Mensch, der sich den Idealen der Aufklärung verpflichtet fühlte und Folter und Todesstrafe abschaffte. Ein Verstellungskünstler, der sich immer mehr von seinen Ratgebern entfernte. Ein König, der den Glanz der Oper und die Anmut des Balletts liebte; für den die Künste so wichtig war wie Wecken mit Schlagsahne für seinen Vater.

Aber was erregte daran Aufsehen? Viele Fürsten vergnügten sich beim Schauspiel, aber in der Regel ging es um die Schauspielerinnen. Von Gustav sind keine Mätressen überliefert. Seine Ehe war aus politischen Gründen geschlossen worden; die eheliche Gemeinschaft bestand nur solange, bis ein Thronfolger geboren war. Für homosexuelle Neigungen gibt es keine Beweise.

Gustav war machtbewusst und konnte energisch in Krisensituationen handeln. Das Zusammensein mit einigen Freunden in seinem Landsitz bescherte ihm seltene Glücksmomente in seinem Leben. Bald machten Gerüchte über frivole und lasterhafte Zusammenkünfte auf seinem Landgut die Runde. Ein König, der keine Kanne leer zurückgehen ließ und eine Reihe von Bastarden hinterließ – darauf wäre jeder schwedische Bauer stolz gewesen. Aber dieser Monarch wirkte wie ein Fremder. Immer wieder taucht in Beschreibungen der Vorwurf auf, die Umgebung des Monarchen sei ‚weich und verfeinert‘ gewesen. Schwedische Monarchen waren dafür nicht bekannt. Gustav Vasa, Gustav II. Adolf, Gustav von Pfalz-Zweibrücken, Karl XI. und Karl XII. gehörten zu den besten Soldaten ihrer Zeit. Oft fanden sie den Tod auf dem Schlachtfeld. Seine beiden Vorgänger waren unscheinbare Herrscher, denen die Macht allmählich entglitt. Gustavs Vater ging in die Geschichte ein als der König, der sich „zu Tode aß“: Nach einem opulenten Mahl konnte ihm auch ein Klistier nicht mehr helfen.

Gustav war ein König mit Visionen und Plänen. Sie mögen teilweise realitätsfern gewesen sein, doch seine Überlegungen für eine schwedische Verfassung wiesen ihn als einen Fürsten aus, der politisch gestalten wollte. Geradezu fatal jedoch war seine Fähigkeit, sich Feinde zu machen. Zum großen Monarchen fehlten ihm Geduld, Menschenkenntnis und Ausdauer. War sein viel gerühmter Charme möglicherweise eine Maske, ein Schutz, um die Menschen auf Distanz zu halten? Was ihm im privaten Gespräch oft gelang, misslang meistens in der politischen Konversation. Und so bleibt er in Erinnerung als ein talentierter Fürst mit vielen Gesichtern.

Der König war ein Machtpolitiker, ein Aufklärer, der Freiheit zu diktieren pflegte, ein Träumer, der Krieg als großes Schauspiel betrachtete, ein Fantast, dem es zuweilen an Realitätssinn mangelte. Nicht wenige seiner Vorhaben scheiterten. Doch es gibt auch den Reformer Gustav, der gegen die Meinung seines Volkes unpopuläre Gesetze auf den Weg brachte, der Kunst und Kultur förderte und der den größten Seesieg in der schwedischen Geschichte errang. Ein Mann, der Privilegien des Adels abschaffte, aber letztlich davon überzeugt war, dass ein Staat ohne Aristokratie nicht existieren kann.

Gustav III. wurde auf einem Maskenball tödlich verletzt. Wenn ihn schon der Tod so früh ereilen musste, dann hätte das Schicksal keinen besseren Ort wählen können.

 

Fotonachweis: Es handelt sich um ein Foto eines Gemäldes, das Lorenz Pasch der Jüngere 1777 von dem Monarchen malte. Heute hängt das Original im Stockholmer Nationalmuseum.