Die deutsche Strategie im Frühjahr 1943

Am 21.  März beging das NS-Regime den Heldengedenktag. Anders als in früheren Jahren fand der zentrale Staatsakt in Berlin unter ungünstigen Umständen statt. Zwar war offiziell vom „Endsieg“ die Rede, aber hinter vorgehaltener Hand äußerten sich Militärs kritisch über die Situation an den Fronten.

Weltanschauungskrieg oder Machtpolitik – diese Frage führte nach der Niederlage bei Stalingrad Ende Januar 1943 zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Hitler auf der einen Seite und deutschen Militärs und den Verbündeten Deutschlands auf der anderen Seite. Kam es im Frühjahr 1943 zu einer Änderung der deutschen Strategie?

Innerhalb der NSDAP forderte Propagandaminister Goebbels einschneidende Maßnahmen, um den Krieg zu einem erfolgreichen Ende führen zu können. Noch stärker sollten Wirtschaft und Verwaltung auf das Ziel des „Endsiegs“ ausgerichtet werden. Rüstungsminister Speer unterstützte ihn dabei. Goebbels glaubte, dass mit radikalen Maßnahmen, die er als „totalen Krieg“ bezeichnete, die Sowjetunion zu besiegen sei.

Hohe Offiziere und Diplomaten drängten Hitler hingegen zu einer Beendigung des Krieges. Im Auswärtigen Amt, das seit 1941 immer mehr an Bedeutung verloren hatte, hoffte Staatssekretär Ernst von Weizsäcker am 7. Februar 1943 darauf „dass nun die Politik wieder auf den Plan kommt.“

Goebbels und Hitler betrachteten den Krieg als Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen, der keinen Kompromiss zuließ. Weizsäcker und die Militärs hingegen dachten in den Kategorien einer traditionellen Machtpolitik. Wenn ein Sieg nicht möglich wäre, so müsse die deutsche Kriegführung 1943 die Voraussetzungen für einen Vergleichsfrieden schaffen. Auch bei den deutschen Verbündeten in Rom und Bukarest hoffte man auf eine politische Lösung.

Während deutsche Historiker mehrheitlich den Standpunkt vertreten, dass der Krieg spätestens Ende 1941 entschieden war, betonen britische Historiker wie Richard Overy, dass die Alliierten zwischen 1942 und 1944 das Blatt gewendet hätten. Erst im Sommer 1944 wäre die Niederlage der Wehrmacht besiegelt gewesen.

In meinen Augen verfügte die deutsche Führung 1943 noch über einen begrenzten Handlungsspielraum. Das Reich befand sich in der strategischen Defensive, hatte aber nicht völlig die Initiative verloren. In diesem Aufsatz geht es um Entscheidungsprozesse auf militärischer und politischer Ebene.

Weltanschauungskrieg oder traditionelle Machtpolitik?

Nach der Kapitulation der 6. Armee bot eine militärische Karte von Europa und Nordafrika aus der Sicht Deutschlands auf den ersten Blick immer noch ein beeindruckendes Bild. Die Wehrmacht hatte bis zum Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 Polen, Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien, Frankreich, Jugoslawien und Griechenland erobert. In Nordafrika konnten Deutsche und Italiener bis 1942 die englische Machtposition in Ägypten bedrohen. Nach der Niederlage bei El-Alamein im Herbst 1942 zogen sie sich auf einen erweiterten Brückenkopf in Tunesien zurück. In der Sowjetunion kontrollierte die Wehrmacht trotz der Rückschläge bei Stalingrad und im Kaukasus noch das bis Juni 1942 eroberte Territorium und damit weite Teile des europäischen Russlands.

Die Größe dieses besetzten Raumes stellte aber im Frühjahr 1943 auch ein Problem für die Deutschen dar. Das Reich verfügte nicht mehr über die Kräfte, um die weit vorgeschobenen Fronten auf Dauer zu verteidigen. Umso wichtiger war eine militärisch-politische Führung, die sich ab Januar 1943 auf die neue Situation einstellte.

Die Wehrmacht besaß jedoch zu Beginn des Jahres 1943 keine Spitzengliederung, die die komplexe Realität eines Mehrfrontenkrieges, an dem Heer, Luftwaffe und Marine beteiligt waren, bewältigen konnte. Der Wehrmachtführungsstab (WFSt) unter General Alfred Jodl hatte sich seit 1941 immer mehr zu einem zweiten Heeresgeneralstab entwickelt. Hitler übertrug ihm die Verantwortung für alle Kriegsschauplätze außer der Ostfront, die dem Generalstab des Heeres unterstand. Allerdings blieb die Befehlsgewalt Jodls auf die Heereseinheiten beschränkt. Mochte diese Aufteilung von Kompetenzen des Diktators 1941 noch einen gewissen Sinn haben, weil man mit einem schnellen Sieg über die Sowjetunion rechnete, so wirkte sich ab 1941/41 das Nebeneinander von Wehrmachtführungsstab und Generalstab des Heeres immer nachteiliger auf militärische Entscheidungsprozesse aus.

Zu einer fast völligen Trennung zwischen dem Generalstab des Heeres und dem Wehrmachtführungsstab kam es ab Herbst 1942, als General Zeitzler zum Chef des Generalstabes ernannt worden war. Zeitzler schottete seinen Stab gegenüber dem Wehrmachtführungsstab ab. Mehrmals musste der Diktator ihn anweisen, den Mitarbeitern von Jodl notwendige Informationen zur Verfügung zu stellen, denn der Wehrmachtführungsstab hatte die Verbindungsoffiziere der Verbündeten über alle Kriegsschauplätze – also auch die Ostfront – zu unterrichten und benötigte dafür Unterlagen. War Jodl bis Herbst 1942 noch zugegen, wenn in der Lagebesprechung bei Hitler über den Krieg im Osten gesprochen wurde, so verließ er nun den Raum, ehe Zeitzler Vortrag hielt. Im Herbst 1943 war das persönliche Verhältnis der beiden Männer so schlecht geworden, dass ein Adjutant Hitlers sich anbot, zwischen ihnen zu vermitteln. Eigentlich wäre es Aufgabe des Diktators gewesen, hier ein Machtwort zu sprechen und für klare Führungsstrukturen zu sorgen, aber Hitler hatte kein Interesse daran.

Hohe Offiziere erklärten nach dem Krieg, dass der „Führer“ bewusst die Rivalität zwischen Wehrmachtführungsstab und Generalstab des Heeres geschürt hätte. Doch nicht nur persönlich motivierte Spannungen unter führenden Offizieren (die es auf alliierter Seite auch gab) behinderten die deutsche Kriegführung 1943. Es fehlte eine koordinierende Führung auf strategischer Ebene, ein Entscheidungsgremium, das militärische, politische und rüstungswirtschaftliche Aspekte zu einem neuen Kriegsplan zusammengefasst hätte.

Hitler lehnte es ab, einen Wehrmachtgeneralstab einzurichten, der eine neue Strategie hätte formulieren können. Mehrmals machten ihm hohe Offiziere diesen Vorschlag, aber der Diktator ließ sich nicht auf Diskussionen ein. Selbst die Minimallösung, wenigstens die Ostfront einem erfahrenen Feldmarschall des Heeres zu unterstellen, kam für Hitler nicht infrage. Er fürchtete nicht nur den Machtverlust, sondern ahnte, dass die von den Militärs geforderte strategische Neuorientierung sein Konzept eines Weltanschauungskrieges über den Haufen geworfen hätte. Auch nach Stalingrad stand ein Kompromiss mit der Sowjetunion für den Diktator nicht zur Diskussion. Vor Gauleitern der NSDAP erklärte Hitler am 7. Februar 1943, Deutschland habe nur die „Alternative, entweder der Herr Europas zu werden, oder eine gänzliche Liquidierung und Ausrottung zu erleben.“ Eine politische Lösung schloss er damit aus.

Diese Grundhaltung bestimmte Hitlers militärisches Handeln 1943 und stand im Gegensatz zu den Zielen von Militärs wie Feldmarschall Milch oder Feldmarschall von Manstein, die beide einen Kompromissfrieden mit der Sowjetunion befürworteten. Das Reich wäre zwar Anfang Februar 1943 nicht mehr in der Lage gewesen, der UdSSR Bedingungen zu diktieren, doch es befand sich immer noch – trotz Stalingrad – in einer starken Position. Die russische Führung hatte sich der alliierten Forderung nach bedingungsloser Kapitulation noch nicht angeschlossen. Berlin hätte Zugeständnisse machen müssen, aber dazu war Hitler nicht bereit.

Gleichzeitig zeigte der Diktator Anzeichen von Resignation und Erschöpfung. Seine starke Position in einem „Führerstaat“, dessen politische und administrative Strukturen auf die Person des „Führers“ zugeschnitten waren, hing schon immer von seiner Entschlusskraft ab. Bis 1942 hatte Hitlers intuitiv geprägte Art zu entscheiden, die ihm nicht selten Erfolge einbrachte, der deutschen Politik eine Richtung gewiesen, eine Richtung, die zwar verbrecherischer Natur war, aber der Machtapparat besaß ein Herrschaftszentrum. Nun fehlte es. Goebbels machte im Februar 1943 aus seinem Unmut keinen Hehl: „Wir haben nicht nur eine ‚Führungskrise‘, sondern streng genommen eine ‚Führerkrise‘!“

Hitler unterschätzte immer noch die Alliierten. Als ihm ein hoher Luftwaffenoffizier im Frühjahr 1943 Maßnahmen zur Stärkung der Luftwaffe vorschlug und dabei auch die Möglichkeit erwähnte, dass in Zukunft die englischen und amerikanischen Bomber von Langstreckenjägern begleitet werden könnten, was die Luftwaffe vor große Probleme stellen würde, wischte der Diktator diese Bedenken vom Tisch: Reichsmarschall Göring, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, habe ihm gesagt, dass solche Gerüchte nur Ausdruck eines übertriebenen Pessimismus wären. Ein Begleitjäger könne nicht die gleiche Reichweite wie ein großer Bomber haben. Ab 1944 setzten die Alliierten ein neues Jagdflugzeug ein, das den deutschen Jägern technisch überlegen war und die Bomber während des gesamten Einsatzes schützen konnte.

Minister und Generäle zweifeln am Sieg

Unterhalb Hitlers, auf der Ebene von Ministern, Parteifunktionären und hohen militärischen Führern, verschärften sich die Macht- und Konkurrenzkämpfe. Der Befehlshaber des Ersatzheeres, Generaloberst Friedrich Fromm, machte auf die personelle Ersatzlage in den nächsten Jahren aufmerksam: Die nun zur Musterung anstehenden Jahrgänge reichten nicht mehr aus, um die Verluste auszugleichen. Hinzu käme das rüstungswirtschaftliche Potenzial der Gegner, mit dem die deutsche Kriegswirtschaft nicht Schritt halten könnte. Fromm legte Hitler daher einen Sonderfrieden mit der Sowjetunion nahe.

Propagandaminister Goebbels und Rüstungsminister Speer drängten darauf, die deutsche Wirtschaft noch radikaler auf die militärische Produktion auszurichten und der Bevölkerung mehr Opfer zuzumuten. Um die „Heimatfront“ bei Laune zu halten, gab es immer noch ein breites kulturelles Angebot: Theater, Kinos und Konzertsäle oder Restaurants wurden gut besucht. Unter dem Stichwort „Totaler Krieg“ wollte Goebbels die Zahl der unabkömmlich gestellten Männer verringern und auch ältere Jahrgänge einberufen lassen.

Außerdem schlug der Propagandaminister Hitler vor, die Reichsregierung umzubilden und Innenminister Frick und Außenminister von Ribbentrop zu entlassen. Doch der Diktator lehnte ab. Als es Goebbels nicht gelang, die Schließung eines Luxusrestaurants in Berlin durchzusetzen, für das sich Reichsmarschall Göring bei Hitler verwendet hatte, gab er der Berliner SA den Befehl, dort mehrmals die Scheiben einzuwerfen, um den vermeintlichen Volkszorn gegen diesen überflüssigen Luxus zu demonstrieren.

Während der Wehrmachtführungsstab keine grundsätzlichen Lagebeurteilungen mehr erarbeitete und der Generalstab des Heeres ausschließlich mit der Ostfront beschäftigt war, stellte die Seekriegsleitung, der operative Planungsstab der Marine, Überlegungen grundsätzlicher Art an.

Die militärischen Planer im Oberkommando der Marine räumten ein, dass der Krieg an einem Wendepunkt angekommen sei und mit rein militärischen Mitteln nicht mehr gewonnen werden könnte. Was der Wehrmachtführungsstab hätte aussprechen müssen, wurde hier zu Papier gebracht. Die Seeoffiziere regten eine politische Initiative an, um die besetzten Länder zur Mitarbeit zu bewegen. Dies hätte Abstriche an den deutschen Expansionsbestrebungen erfordert. Großadmiral Dönitz, seit Ende Januar 1943 Oberbefehlshaber der Marine, unterstützte dagegen die Linie Hitlers und zogen aus den Vorlagen seiner Stabsoffiziere keine Konsequenzen.

Weiterkämpfen um jeden Preis

Aufschluss über die Ziele des Diktators und die deutsche Strategie in dieser Situation gibt das Protokoll einer Besprechung mit japanischen Offizieren im „Führerhauptquartier“ am 18. April 1943. General Jodl versuchte, den Verbündeten ein möglichst positives Bild der deutschen Lage zu vermitteln. Für die Katastrophe von Stalingrad machte er Rumänien und Italien verantwortlich. Es sei aber gelungen, die Front wieder zu stabilisieren. Das Ostheer würde das Donezbecken im Süden der UdSSR halten, damit Deutschland die dortigen Rohstoffvorkommen wie Kohle oder Mangan nutzen könne. Dann kam er zu den Zielen der Wehrmachtführung im Sommer 1943: „Weniger Raumgewinn als Sowjetunion zu hohen Menschenverlusten durch kurze Vernichtungsschläge und Anrennen-Lassen bringen. Menschenfrage in Sowjetunion bereits schwierig. Abgesunkener Wert sowjetischer Infanterie.“

Aber auch Jodl musste eingestehen, dass die Wehrmacht nicht mehr wie 1941 oder 1942 versuchen würde, mit einer Großoffensive den Gegner endgültig zu besiegen. Der Chef des Wehrmachtführungsstabes schilderte die Situation so, als ob das Ostheer in gut vorbereiteten Verteidigungsstellungen den Gegner erwartete. In Wirklichkeit war der vom Generalstab des Heeres geforderte Ostwall nicht vorhanden, da der Diktator den Ausbau fester Rückzugslinien ablehnte. Er fürchtete, die Truppe würde sonst bei Feinddruck sofort den Rückzug antreten. Jodl musste sich aber auch mit dem Vorschlag der Japaner auseinandersetzen, eine politische Lösung anzustreben: „Hauptfeind naturgemäß England/Amerika. Trotzdem japanischer Gedanke an Sonderfrieden mit einem Gegner wie die Sowjetunion nicht zu verwirklichen.“

Das Konzept Hitlers, das der General vortrug, lief darauf hinaus, den einmal eroberten Raum in Europa gegen die Sowjetunion, England und die USA zu verteidigen. Zuerst sollte die Rote Armee sich an den deutschen Stellungen verbluten, damit anschließend der Krieg schwerpunktmäßig gegen die Westmächte geführt werden könnte. An einen Frieden mit der Sowjetunion dachte Hitler nicht. Bis dahin – so Jodl – sei der Westen gut gesichert. In Frankreich gäbe es beispielsweise eine „starke deutsche Besatzung“. Dass es sich in erster Linie um Divisionen handelte, die an der Ostfront nicht eingesetzt werden konnten, erwähnte der General nicht. Was den Brückenkopf in Tunis anging, so musste auch der Chef des Wehrmachtführungsstabes einräumen, dass es nicht möglich sei, den Nachschub über das Mittelmeer zu sichern: „Halten Brückenkopf solange, wie irgend durchführbar.“

Am Schluss benannte Jodl die Eckpunkte der deutschen Strategie 1943: „U-Bootkrieg wird weiter wirken, europäisches Festland gesichert, im Osten menschenmäßig schwächen, Luftangriffe auf Kontinent zwar unangenehm, aber zu 80 % Häuserschäden; Industrieschäden lassen sich ausgleichen. Feind wird bei Erfolgen deutscher Luftabwehr zwar vielleicht Maschinen, auf die Dauer Besatzungen aber nicht ersetzen können.“

Hier wird ein Argumentationsmuster sichtbar, das die deutsche Kriegführung bis zum Mai 1945 prägen sollte. Der Gegner wird unterschätzt; die eigenen Möglichkeiten überbewertet.

Italien und Rumänien suchen eine politische Lösung

In Rom, Tokio oder Budapest dachte man realistischer. Die Frage einer politischen Beendigung des Krieges wurde im Frühjahr 1943 von den Verbündeten des Reiches ernsthaft diskutiert. Hitlers Vorstellung, es gehe um alles oder nichts, hielten weder seine Generäle noch seine Bündnispartner für sinnvoll. Eine traditionelle Machtpolitik wäre jedoch nur möglich gewesen, wenn man in Berlin Zugeständnisse gemacht hätte. Doch war das NS-Regime 1943 zu einer politischen Kriegsführung noch imstande?

Am 23. Februar 1943 empfing der neu ernannte Unterstaatssekretär im italienischen Außenministerium, Giuseppe Bastianini, den stellvertretenden deutschen Botschafter in Rom, Fürst Bismarck, zu einem Gespräch. Bastianini brachte bei dieser Gelegenheit die Besorgnisse seiner Regierung über die Kriegslage zum Ausdruck. Dabei ging es ihm nicht nur um die militärische Situation. Der italienische Diplomat beklagte das Fehlen einer politischen Strategie. Berlin und Rom müssten endlich ihre Ziele bekannt geben und genau sagen, welche Zukunftspläne sie für Europa hätten. Im Augenblick wünsche niemand in den besetzten oder neutralen Ländern einen Sieg des deutsch-italienischen Bündnisses. Die führenden Politiker in Bukarest, Rom und Helsinki zeigten sich besorgt über die anglo-amerikanische Propaganda, die in der Atlantikcharta von 1941 den Völkern Europas Freiheit und Selbstbestimmung versprochen hätten.

Wie aber sollte dieses ‚eurofaschistische Europa‘ aussehen? Der rumänische Außenminister Mihai Antonescu sprach von einer Ordnung, „die jedem Volk seine Eigenarten und spezifischen Wesenszüge gewährt, aus denen die Lebenskraft der Nationen hervorgeht, die aber andererseits einen geistigen Einklang und eine wirtschaftliche Zusammenarbeit sucht …“

Bukarest und Rom setzten sich für eine föderative Struktur des Kontinents ein und wollten damit den Einfluss Berlins begrenzen. Bastianini drängte bei einem Gespräch mit Reichsaußenminister von Ribbentrop am 9. April 1943 erneut auf eine Bestandsgarantie für die besetzten Länder.

Doch das NS-Regime verfolgte ganz andere Ziele. Hitler strebte keine traditionelle Hegemonie in Europa an. Eine konventionelle Machtpolitik zielt darauf ab, den besiegten Gegner politisch und ökonomisch zu kontrollieren. Der Diktator dachte nicht in den Kategorien eines historisch gewachsenen Staatensystems. Charakteristisch für die deutschen Zukunftsplanungen war die Vorstellung eines Lebens- und Wirtschaftsraums unter Führung des III. Reiches. Er sollte ganz Europa bis zum Ural umfassen. Davon zu unterscheiden war das Großgermanische Reich. Osteuropa und Teile Russlands sollten wie Kolonien die nötigen Rohstoffe und Arbeitskräfte liefern.

Gegenüber Gauleitern der NSDAP ließ Hitler am 8. Mai 1943 keinen Zweifel daran, „dass das Kleinstaatengerümpel, das heute noch in Europa vorhanden ist, so schnell wie möglich liquidiert werden muss. Es muss das Ziel unseres Kampfes bleiben, ein einheitliches Europa zu schaffen. Europa kann aber eine klare Organisation nur durch die Deutschen erfahren. Eine andere Führungsmacht ist praktisch nicht vorhanden.“

Die Versuche der Verbündeten, die deutschen Machtambitionen zu begrenzen, dienten auch eigenen Interessen. Sie liefen Gefahr, bei einem Sieg Berlins zu Satelliten degradiert zu werden. Selbst gegenüber den ‚eurofaschistischen‘ Kollaborationsbewegungen war Hitler nicht zu Zugeständnissen bereit. Als der Holländer Anton Adrian Mussert, Führer der „Nationaal-Socialistische Beweging“ (NSB), 1942 die Gründung eines germanischen Staatenbundes anregte, lehnte Hitler ab: „Wir könnten nicht einen Staatenbund bilden“, heißt es im Protokoll der Besprechung, „d.h. einen Staat, der [aus] lauter Einzelstaaten bestünde; denn bei nächster Gelegenheit würde dieses ganze Gebilde wieder auseinanderfallen. Unbedingt sei also feste Zusammenfügung notwendig“.

Radikale Lösung, feste Zusammenfügung, klare Organisation: Diese Floskeln umschrieben den unteilbaren deutschen Machtanspruch. Das nationalsozialistische Regime rechtfertigte sein Projekt einer völkischen Neuordnung des Kontinents mit der Bedrohung durch die UdSSR. Da Deutschland Europa schützen würde, stünde ihm auch das Recht zu, die Führungsrolle zu übernehmen, zumal die westlichen Demokratien nur dem Bolschewismus Vorschub leisteten.

Doch die Verbündeten streckten schon Fühler in Richtung der Alliierten aus. Die finnische Führung kam im Februar 1943 zu dem Schluss, dass Deutschland den Krieg nicht gewinnen könne. Die Presse des Landes sprach fortan nicht vom Verbündeten. Finnland betrachtete sich als Krieg führendes Land an der Seite Deutschlands. Helsinki sondierte gegenüber den Westmächten, musste aber im Frühjahr 1943 erkennen, dass in Washington keine große Bereitschaft bestand, in Moskau für die Existenz Finnlands zu bürgen. Rumänien war auf deutsche Waffenlieferungen noch stärker angewiesen als Finnland. Dennoch betrieb man in Bukarest den Wiederaufbau der bei Stalingrad vernichteten Truppenteile mit dem Ziel, eine Armee zu besitzen, die notfalls auch gegen Deutschland eingesetzt werden könnte.

Der wichtigste Verbündete in Europa war Italien. Im November 1942 hatte Mussolini die deutsche Führung wissen lassen, dass er es für besser hielte, „im Osten zur Defensive überzugehen.“ Außenminister Ciano trug die italienischen Gedanken am 18. Dezember 1942 in Rastenburg Hitler persönlich vor. Demnach schwebte dem faschistischen Regierungschef ein Sonderfrieden vor, wobei er sich noch in der Illusion wiegte, Berlin könne Moskau seine Bedingungen diktieren. Zumindest sollten die deutschen Truppen auf eine kürzere Front zurückgenommen werden. Rom ging es darum, Verstärkungen für den Mittelmeerraum zu bekommen. Hier waren vorrangig italienische Interessen bedroht. Die Niederlage bei El-Alamein nahe der ägyptischen Grenze und die Landung amerikanischer Streitkräfte an der Atlantikküste Marokkos am 8. November 1942 hatten dazu geführt, dass die deutsch-italienische Armee im Mittelmeerraum die Initiative verlor.

Die Waagschale neigte sich zugunsten der Westmächte. Aus Italien und Deutschland wurden sofort Truppen nach Tunesien verlegt, um dort einen Brückenkopf aufzubauen. Der Oberbefehlshaber der deutschen Verbände in Nordafrika, Generalfeldmarschall Rommel, plädierte hingegen bei einem Treffen mit Hitler am 28. November 1942 dafür, den Kriegsschauplatz zu räumen, denn auf Dauer sei Afrika nicht zu verteidigen.

Der Mittelmeerraum hatte für Hitler stets eine politische Bedeutung. Seit dem Frühjahr 1941 wurden deutsche Truppen dort eingesetzt, um den italienischen Bündnispartner zu stützen. Von allen Verbündeten stand das faschistische Regime dem Reich ideologisch am nächsten; es verfolgte jedoch andere Kriegsziele als Berlin. Für Rom war England der Hauptgegner. Solange italienische Truppen in Nordafrika kämpften, konnte Hitler sicher sein, dass Italien im Bündnis blieb. Militärisch schien es zudem einfacher, die Alliierten in Nordafrika aufzuhalten, statt in Italien, Griechenland oder auf dem Balkan einen Invasionsversuch abzuwehren und deshalb dort deutsche Truppen zustationieren.

Die strategischen Differenzen führten zu einem Briefwechsel, den Mussolini und Hitler in den ersten Monaten des Jahres 1943 führten. Der deutsche Diktator bekräftigte seine Entschlossenheit, Russland zu schlagen und Tunesien zu halten. Mussolini drängte erneut dazu, den Feldzug im Osten zu beenden und auf einen Ostwall zurückzugehen. Am 26. März 1943 wurde der faschistische Diktator noch deutlicher: Der Krieg gegen die Sowjetunion müsse beendet werden; entweder durch einen Frieden oder eine strategische Verteidigungsstellung.

Trotz der grundlegenden Meinungsverschiedenheiten stand das Bündnis mit Deutschland im Frühjahr 1943 für den Duce nicht zur Diskussion. Doch in dieser Allianz war Italien längst zum Juniorpartner geworden. Militärisch hing Rom von deutscher Unterstützung ab. Mussolini konnte nur Anregungen machen; Einfluss besaß er nicht mehr.

Außerdem waren seine Vorschläge wenig realistisch. Der Übergang zur Verteidigung im Osten hätte nicht genug Kräfte freigemacht, um im Mittelmeerraum die Initiative zu ergreifen. Das Reich wäre an der Ostfront zu schwach gewesen und hätte Italien nicht richtig unterstützen können. Deutschland wäre gezwungen gewesen, seine militärischen Interessen denen Roms unterzuordnen.

Alternative Konzepte innerhalb des NS-Regimes

Um die Jahreswende 1942/43 reifte aber auch im deutschen Machtapparat die Erkenntnis, dass der Krieg nicht nur mit militärischen Mitteln geführt werden könnte. Die Lage an der Ostfront verschlechterte sich im Januar von Tag zu Tag. So musste Goebbels am 14. Januar 1943 einräumen, „dass eine Parole, dass wir im Osten nur den Bolschewismus, aber nicht das russische Volk bekämpften, unseren Kampf dort sicherlich wesentlich erleichtern würde.“

Der Berliner Gauleiter, einer der radikalsten Ideologen der Diktatur, hatte sich einen gewissen Realitätssinn bewahrt. Er wusste, dass die militärischen Rückschläge das Ansehen des Reiches bei Verbündeten und Neutralen gefährdeten. Seine Tagebuchnotizen belegen jedoch, dass er keineswegs für eine inhaltliche Änderung in der politischen Zielsetzung des Russlandkrieges eintrat. Goebbels reagierte auf eine Diskussion innerhalb des Regimes, die von Parteimitgliedern und Militärs geführt wurde. Ihm ging es darum, kritische Stimmen zu bremsen. Er glaubte nicht, dass eine mildere Besatzungspolitik etwas gegen die steigende Partisanengefahr auszurichten vermochte. Vor allem Militärs forderten hier einen Richtungswechsel.

Das Oberkommando des Heeres erarbeitete am 3. Januar 1943 eine Denkschrift, in der deutliche Kritik am Besatzungsregime geübt wurde. Die Generalstabsoffiziere schlugen am Schluss eine Erklärung Hitlers vor, „die allen Russen, die sich im Kampf gegen den Bolschewismus eingesetzt haben, Gleichberechtigung nach dem Leistungsprinzip als europäische Menschen zusichert.“ Die Militärs wollten den deutschen Führungsanspruch mit politischen Zugeständnissen durchsetzen. Als Beispiele verwiesen sie auf den Kaukasus und die Krim. Die dort eingeleiteten Maßnahmen wie etwa das Verbot sinnloser Kollektivstrafen, die Propagierung und das Anlaufen einer Agrarreform sowie die Aufstellung von landeseigenen Hilfstruppen hatten in den Augen der Militärs dazu geführt, dass sich die Bevölkerung an der Seite Deutschlands am Krieg beteiligen würde.

Goebbels dagegen dachte nicht an konkrete Schritte. Am 23. Januar 1943 erwirkte er von Hitler die Genehmigung, „ein Europa-Programm zu entwickeln, das in allgemeiner Form Europa ein neues Statut geben soll.“ Auch für die Ostgebiete sollte ein entsprechendes Konzept vorbereitet werden. Mit der Veröffentlichung wollte das Regime warten, bis sich die militärische Lage gebessert hatte. Vorerst begnügte sich Goebbels damit, am 15. Februar 1943 neue Propagandarichtlinien heraus-zugeben. War bis dahin offiziell von „Untermenschen“, „bolschewistischen Bestien“ und „vertierten Horden“ die Rede, so untersagte er nun diskriminierende oder herabsetzende Äußerungen. „Man kann“, so der Berliner Gauleiter, „diese Menschen der Ostvölker, die von uns ihre Befreiung erhoffen, nicht als Bestien, Barbaren usw. bezeichnen und dann von Ihnen Interesse am deutschen Sieg erwarten …“

Von einer grundlegenden Änderung der deutschen Politik konnte keine Rede sein. Zugeständnisse, wie sie beispielsweise das Heer forderte, waren nicht vorgesehen. Goebbels ging es darum, das Reich aus der „propagandistischen Defensive“ herauszuführen, wie er am 4. Januar 1943 seinem Tagebuch anvertraute. Vom Ziel einer rassenideologisch begründeten Hegemonie machte er keine Abstriche.

Und welche Rolle spielte das Auswärtige Amt? An sich hätte die Wilhelmstraße gerade in dieser Frage federführend sein müssen. Seit dem Angriff auf Russland im Juni 1941 ging der Einfluss der Diplomaten jedoch zurück. Spätestens nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten verwaltete die traditionsreiche Behörde nur noch eine Konkursmasse: 1942 unterhielten lediglich 22 Staaten diplomatische Beziehungen zum Reich.

Andere Aufgaben kamen auf die Wilhelmstraße zu. Das Ministerium leistete Mithilfe bei der Ermordung der europäischen Juden, es beriet das OKW vor militärischen Aktionen und versuchte, die eigene Auslandspropaganda zu intensivieren. Der Einfluss des Ministeriums auf die Besatzungspolitik war beschränkt. Nur in Paris und Kopenhagen unterhielt das Reich Botschaften. In Norwegen und den Niederlanden residierten Reichskommissare, und in Belgien und Nordfrankreich amtierte ein Wehrmachtbefehlshaber, der auch politische Funktionen wahrnahm. Für die Ostgebiete war ein eigenes Ministerium unter Führung des Parteiideologen Rosenberg geschaffen worden.

Der Außenminister versuchte, die ihm verbliebenen Kompetenzen energisch zu verteidigen. Das Auswärtige Amt beschäftigte zwischen 1939 und 1945 mehr Personal als vor dem Krieg. Nicht nur die regimeinternen Machtkämpfe beschnitten die Einflussmöglichkeiten der Wilhelmstraße, auch die ideologischen Prämissen Hitlers machten eine traditionelle Diplomatie überflüssig.

Zeitgenossen sahen in der Person des Amtschefs die Ursache dafür, dass das Ministerium bedeutungslos wurde. Goebbels hielt ihn im Februar 1943 für unfähig, „der Außenpolitik neue Impulse zu verleihen“ und warf ihm mangelnde Initiative vor. Auch Speer drängte auf eine Ablösung Ribbentrops. Hitler soll sich 1943 über seinen Außenminister nur noch lustig gemacht haben, doch er beließ ihn auf seinem Posten.

In seinem eigenen Ministerium musste sich Ribbentrop gegen Intrigen zur Wehr setzen. Ribbentrop war kein typischer Vertreter der nationalsozialistischen Elite. Er pflegte einen großbürgerlichen Lebensstil und war erst 1932 in die NSDAP eingetreten. Im Gegensatz zu seinem Kritiker Goebbels besaß er keine Hausmacht in der Partei. Ribbentrop, so der Historiker Wolfgang Michalka, verfocht eine „vorrangig machtpolitisch ausgerichtete außenpolitische Konzeption, die deutlich an die Traditionen wilhelminisch imperialistischer Zielvorstellungen anknüpfte.“ Damit habe er „im krassen Gegensatz zu Hitlers rassenideologischem ‚Programm“ gestanden. Im Grunde brachte der Chef der Wilhelmstraße eher die Voraussetzung mit, flexibel auf die Situation nach Stalingrad zu reagieren als der Ideologe Goebbels. Seine Initiativen für einen Sonderfrieden mit Russland sind ein Beweis dafür. In der Europapolitik stand Ribbentrop hingegen dem Diktator näher. Wie Hitler glaubte er nicht, dass eine Lockerung des Besatzungsregimes dem Reich politische Vorteile brächte. Selbstständige Regierungen in Westeuropa würden nur mit den Engländern konspirieren, meinte Ribbentrop im April 1943, als sein italienischer Kollege Bastianini erneut eine diesbezügliche Initiative ansprach.

Was die zukünftige Nachkriegsordnung anging, strebte der Außenminister ebenfalls eine Vormachtstellung für das Deutsche Reich in Europa an. Den Nachbarn des Reiches wäre dabei eine – eher formale – Unabhängigkeit eingeräumt worden. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Projekt eines Europäischen Staatenbundes, dessen Entwurf der Außenminister am 21. März 1943 Hitler zukommen ließ. Ribbentrop regte darin an, einen föderativen Zusammenschluss zu proklamieren, sobald ein militärischer Erfolg eingetreten sei. Deutschland, Italien, Frankreich, Dänemark, Norwegen, Finnland, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Serbien, Griechenland und Spanien (mit Fragezeichen versehen) sollten in Salzburg oder Wien diesem Staatenbund beitreten. Die Wilhelmstraße versuchte, Eigenständigkeit zu demonstrieren, ohne in Gegensatz zu Hitler zu geraten. Auch wenn ständig von Staaten die Rede war, Ribbentrop und seine Berater ließen keinen Zweifel daran, dass Berlin die Geschicke des Kontinents bestimmen würde: „Wenn wir überall, d.h. in etwaigen Staatsgebilden, immer die richtigen harten Leute von uns einsetzen, die bei aller äußeren Geschmeidigkeit das reale politische Ziel kompromisslos verfolgen, präjudizieren wir durch einen solchen Staatenbund gar nichts, sondern die Gründung des Großgermanischen Reiches am Ende des Krieges ist dann eine Selbstverständlichkeit.“

Die Proklamation sollte Verbündeten und Neutralen vorgaukeln, dass Deutschland nur einen Krieg für die Interessen Europas führen würde. In erster Linie sollte seine Initiative die Kompetenz der Wilhelmstraße in der regimeinternen Auseinandersetzung mit anderen Bürokratien demonstrieren. Ribbentrop trieb die Sorge um, dass das Außenministerium nach dem Kriege überflüssig werden würde.

Die Strategie der Gewalt

Deutschland hatte seine Machtposition zwischen 1936 und 1941 durch diplomatischen Druck und militärische Gewalt erreicht. An politischen Visionen konnte das Reich seinen Nachbarn 1943 nichts anbieten. Ob eine Initiative, wie sie Italien und Rumänien forderten, politischen Gewinn gebracht hätte, ist meiner Meinung nach mehr als zweifelhaft. Weder Rom noch Bukarest verfügten über ein schlüssiges Programm und außerdem waren autoritäre oder faschistische Diktaturen wenig geeignet, der alliierten Propaganda glaubwürdig entgegenzutreten. Was von Politikern wie Bastianini oder Antonescu als gemeinsamer propagandistischer Befreiungsschlag gedacht war, vertiefte nur das Misstrauen zwischen Deutschland und seinen Verbündeten.

Die deutsche Politik versuchte, nach Stalingrad Zeit zu gewinnen. In propagandistischen Äußerungen gaben Goebbels und Ribbentrop zu verstehen, dass Deutschland niemanden unterdrücken wollte. Es handelte sich um taktisches Geplänkel, keineswegs mehr.

Stalingrad führte nicht zu einer Änderung der deutschen Kriegszielpolitik.

Fotonachweis: Bundesarchiv, Bild 183-J05694 / Ernst Schwahn / CC-BY-SA 3.0