Trump oder Demokratie kann schmerzhaft und lehreich sein

Nun ist er also im Amt: Donald Trump sitzt im Weißen Haus.

Noch letzte Woche wollten viele es nicht wahrhaben. Einige schienen auf ein Wunder zu hoffen oder auf die gute Fee, die ihren Zauberstab benutzt, um das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen wegzuzaubern. Nein, sie ist nicht gekommen, denn Feen gibt es nur im Märchen.

In einer Demokratie ist das Volk der Souverän. Und dieser Souverän hat entschieden, dass es eine verfassungskonforme Mehrheit für Donald Trump gibt. Die Entscheidung des amerikanischen Volkes gilt es zu respektieren.

Warum schockiert uns das Ergebnis dieser Wahl so?

Weil der amerikanische Präsident als der mächtigste Mann der Welt gilt? Selbst wenn dies der Fall wäre – Donald Trump dürfte keinen atomaren Krieg entfesseln. Er weiß nur zu gut, dass dann auch sein Land, sein Weißes Haus, zerstört würde. So dumm ist dieser Mann nicht.

Oder weil jetzt ein Teil der Amerikaner wieder ohne Krankenversicherung leben muss? Das hat uns in Deutschland auch nicht interessiert, als so smarte Typen wie Kennedy oder Clinton die Vereinigten Staaten regierten.

Donald Trump macht uns auf schmerzhafte Weise bewusst, dass in der westlichen Welt immer mehr Menschen von der liberalen Demokratie die Nase voll haben. Nein, diese Entwicklung gefällt mir nicht – sie bereitet mir Sorge. Aber vielleicht hat die Wahl dieses Politikers, der so tut, als wolle er kein Politiker sein, ein Gutes: Er zwingt uns, das Modell der liberalen Demokratie entschieden zu verteidigen.

Darunter verstehe ich nicht nur eine politische Ordnung, in der die Macht vom Volke ausgeht, in der es ein Mehrparteiensystem und regelmäßige Wahlen gibt, sondern auch ein Gesellschaftsmodell, dass innerhalb eines Staates ein hohes Maß an individueller Freiheit ermöglicht. Dazu gehört aber auch die Freiheit, sich gegen die Öffnung der Ehe für Homosexuelle auszusprechen. Dazu gehört auch das Recht, ein konservatives Frauenbild zu haben. Oder gar die Ansicht zu äußern, dass eine unkontrollierte Zuwanderung aus islamischen Ländern Probleme aufwirft.

Liberalität kann nicht vom Staat oder intellektuellen Eliten verordnet werden. Wenn zumindest Teile der Bevölkerung in den westlichen Demokratien nicht mehr an die Idee der freiheitlichen Gesellschaft glauben, sollte man dies ernst nehmen. Herablassende Etikettierungen wie „Populismus“ helfen nicht weiter.

Oder gehört dieses Unbehagen an einer vermeintlich zu liberalen Gesellschaft, in der man als „Normaler“ ja bereits angeblich in der Minderheit ist, zu den Pendelschlägen, die es in der Geschichte immer wieder gegeben hat? In den letzten fünfzig Jahren hat sich einiges verändert: Wenn der Herr Pfarrer oder der Herr Lehrer etwas sagen, dann glaubt man dies nicht mehr automatisch. Aber wo sich Freiräume öffnen, da gibt es auch Unbehagen oder Angst. Denn eine offene Gesellschaft hat nicht nur weniger Verbotstafeln, sondern bietet auch weniger Hinweisschilder.

Zu einer offenen Gesellschaft gehören Politiker wie Donald Trump. Hoffentlich hat diese Wahl dazu geführt, dass man sich wieder der Vorzüge einer liberalen Gesellschaft bewusst wird. Denn über Parteigrenzen hinweg ist man in Deutschland erstaunt, wer da im Weißen Haus sitzt. Gut, in Nordkorea mag ein Realsatiriker als diktatorischer Präsident noch angehen, aber in den Vereinigten Staaten – nein, das geht doch nicht.

Doch, es geht – wenigstens in den nächsten vier Jahren. Und es ist keineswegs ausgemacht, dass Trump im Jahr 2020 sein Amt nicht verteidigen kann.

Ja, Demokratie kann schmerzhaft und lehrreich sein. Vielleicht können wir 2017 daraus lernen. Immerhin hat sich auch nicht jeder von uns in der Kindheit am heißen Herd die Finger verbrannt.