Nelsons schwerster Gegner

Im März 1806 veröffentlichte die „Gibraltar-Chronicle“, eine englischsprachige Zeitung für die Angehörigen der dort stationierten Garnison, einen Nachruf auf den spanischen Vizeadmiral Federico Carlos Gravina y Nápoli: „Spain loses in Gravina the most distinguished officer in her navy; one under whose command her fleets, though sometimes beaten, always fought in such a manner as to merit the encomiums of their conquerors.“  (Spanien verliert den wohl besten Offizier seiner Marine; unter dessen Kommando ihre Flotten, obwohl manchmal geschlagen, auf eine Art und Weise fochten, als wollten sie ihre Bezwinger ehren). Gravina war den Verwundungen erlegen, die er in der Seeschlacht von Trafalgar erlitten hatte. Nachrufe dieser Art waren nicht selbstverständlich. Die englische Royal Navy blickte eher mit Geringschätzung auf die spanische Flotte. Wer war Gravina und wie stand es um die Rolle Spaniens als Seemacht im späten 18. Jahrhundert?

Die Reformpolitik der spanischen Bourbonen und die spanische Marine

Der Aufbau einer starken Marine gehörte zu den Reformen, mit denen die Regierung das Land modernisieren wollte. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde im Kriegs-, Finanz- und Indienministerium (dieses Ressort war für die überseeischen Gebiete zuständig) der Zustand des Landes sorgfältig analysiert. Spanien hatte im Laufe des 17. Jahrhunderts seinen Status als Großmacht verloren.

Die Krone versuchte, die Verwaltung nach französischem Vorbild zu zentralisieren. Brachliegendes Land im Landesinneren sollte erschlossen werden. Nach dem Willen der Reformer sollten alle Teile der Monarchie – also die Iberische Halbinsel und die Kolonien in Südamerika und im Pazifik – als Wirtschaftsraum zusammenarbeiten. Hispanoamerika hatte Rohstoffe zu liefern, die im Mutterland verarbeitet werden sollten. Dazu waren umfangreiche Verwaltungsreformen in allen Teilen des spanischen Herrschaftsgebietes erforderlich. Das Konzept beruhte darauf, dass die Seewege gesichert werden konnten. Die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bedeutungslos gewordenen Seestreitkräfte mussten neu aufgebaut werden. Es kam zu einer maritimen Aufrüstung, die erst 1797 endete.

Die spanische Marine des 18. Jahrhunderts wird von Historikern meist kritisch beurteilt, weil sie in den wichtigen Seeschlachten oft Niederlagen einstecken musste. Der Historiker John Lynch macht in seinem Standardwerk „Bourbon Spain“ unfähige Admirale für die Misserfolge verantwortlich. Die Ausbildung der Seeoffiziere in der Armada Española wäre zu theoretisch gewesen; die Praxis sei vernachlässigt worden. Hellmut Diwald meinte gar, die Admirale hätten ihren Ehrgeiz darin gesetzt, „die überzeugendsten Beispiele des Unvermögens zur Flottenführung zu liefern.“ Der Kanadier John D. Harbron kommt in seiner Studie mit dem Titel „Trafalgar and the Spanish Navy“ zu einem differenzierteren Urteil. Er weist darauf hin, dass die Royal Navy seit dem 16. Jahrhundert auf eine erfolgreiche Tradition zurückblicken konnte, während die spanischen Seestreitkräfte das Ergebnis der Reformpolitik der bourbonischen Monarchie im 18. Jahrhundert waren. Die spanischen Schiffbauer gehörten zu den Besten ihrer Zunft und auch das Offizierkorps – so Harbron – konnte sich im Vergleich zu anderen Seemächten sehen lassen. Was die Einführung und Weiterentwicklung von Navigationstechniken, das Erstellen von Seekarten oder technischen Neuerungen anging, lag Spanien mit England gleichauf.

Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zwischen 1779 und 1783 gewannen die Spanier zwar keine Seeschlacht; ihre Kriegsschiffe aber fügten der britischen Handelsschifffahrt schwere Verluste zu.

Der schwerfälligen und ineffizienten Marineverwaltung in Madrid gelang es allerdings nicht, das größte Problem der Armada Española zu lösen: den Mangel an erfahrenen Matrosen. Die Regierung führte 1737 eine „Matricula di Mar“ ein, ein Rekrutierungsverzeichnis, in das Angehörige seemännischer Berufe eingetragen wurden.1759 umfasste sie 50 000 Dienstpflichtige, aber nur 26 000 Seeleute standen der Kriegsmarine zur Verfügung. Nicht selten wurden die erfahrenen Hochseematrosen den Konvois zugeteilt, die zwischen dem Mutterland und den Kolonien verkehrten und deren Transporte für die spanische Wirtschaft lebensnotwendig waren. Auf vielen Linienschiffen der Kriegsmarine bestand die Mehrheit der Besatzungen aus Soldaten des Heeres oder aus Küstenbewohnern, die als Seeleute in der Matricula geführt wurden, obwohl sie nur Fischer waren und ein Segelboot in Küstennähe bedienen konnten.

In den achtziger Jahren ordnete der spanische König die Gründung eines Übungsgeschwaders an. Zweimal hielt ein Verband, bestehend aus mehreren Linienschiffen und Fregatten, Manöver auf See ab, doch dann fehlte das Geld für weitere Trainingsfahrten und das Ausbildungsniveau konnte nicht gehoben werden. Insofern ist die Geschichte der Armada Española typisch für die Reformbemühungen der spanischen Bourbonen im 18. Jahrhundert. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden wichtige Aufbauleistungen vollbracht. Im Gegensatz zum 17. Jahrhundert zeigten die Spanier wieder Flagge auf den Weltmeeren. Doch während die Royal Navy in allen Dienstgraden über gut ausgebildetes Personal verfügte, waren die Leistungsunterschiede bei ihren spanischen Gegnern größer.

Als Gravina 1775 seine Karriere begann, erhielt die Flotte jedes Jahr moderne Kriegsschiffe: Die Rüstungsanstrengungen erreichten ihren Höhepunkt. Doch das seemännische Personal fehlte. Spanien hätte ca. 42 000 Seeleute gebraucht, aber nur etwas mehr als die Hälfte standen für die Kriegsmarine zur Verfügung.

Am Ende des Jahrhunderts geriet der spanische Staat in eine Krise und konnte seine ehrgeizigen Rüstungs- und Reformprogramme nicht mehr finanzieren. 1797 wurde das ambitionierte Rüstungsprogramm eingestellt.

Stationen einer Karriere

Federico Carlos Gravina y Nápoli wurde 1756 in Palermo geboren und entstammte einer Familie des sizilianischen Adels. Dynastische Verbindungen zwischen dem spanischen Zweig der Bourbonen und den Königen von Neapel und Sizilien eröffneten jungen Adligen aus Süditalien gute Karrierechancen auf der Iberischen Halbinsel. Der Bruder von Gravina wurde – um nur ein Beispiel zu nennen – Bischof in Spanien. Der spätere Admiral besuchte das Collegio Clementino in Rom, eine Eliteschule für junge Männer aus hohen Adelsfamilien. Im Gegensatz zu anderen Flaggoffizieren seiner Zeit genoss Gravina eine sehr gute Schulausbildung. Nelson beispielsweise, sein Gegner in der Seeschlacht von Trafalgar, wuchs in einem britischen Pfarrhaus auf und heuerte mit 12 als Seekadett in der Royal Navy an. Gravina trat erst mit 19 in die spanische Marine ein – für die damalige Zeit ein recht hohes Alter für einen Offizieranwärter.

Der junge Herzog machte schnell durch seine seemännischen Fähigkeiten und seine Tapferkeit auf sich aufmerksam. Er nahm am spanisch-portugiesischen Krieg 1776/77 teil und erlebte an der südamerikanischen Küste vor dem Rio de la Plata seine Feuertaufe. Nach Abschluss seiner Offizierausbildung zeichnete er sich 1782 bei der Belagerung von Gibraltar aus.

Danach folgten selbstständige Kommandos. Mit der Fregatte „Paz“ überquerte er auf einer schwierigen Route in einer außergewöhnlich schnellen Zeit den Atlantik. Zwei Jahre später, mit 34 Jahren, befehligte er bereits ein Linienschiff. 1789 erfolgte die Beförderung zum Kommodore. 1791 wurde Gravina Konteradmiral, 1797 Vizeadmiral.

Nachdem er in den achtziger Jahren seine Qualifikation als Schiffsführer unter Beweis gestellt hatte, übernahm er nun größere Führungsaufgaben. 1790 drohte ein Krieg zwischen England und Spanien. Gravina erhielt den Auftrag, im südspanischen Cádiz eine Flotte zu organisieren. Es war die stärkste Konzentration von spanischen Kriegsschiffen seit der Armada von 1588. Die Krise wurde schließlich mit diplomatischen Mitteln beigelegt.

Zwischen 1793 und 1795 kam es zu einer vorübergehenden Zusammenarbeit zwischen London und Madrid. Am 1. Februar 1793 hatte Frankreich England den Krieg erklärt. London entsandte eine Flotte in das Mittelmeer, die vor der strategisch wichtigen Hafenstadt Toulon erschien. Dort herrschten chaotische Zustände. Die Gegner der Revolution schickten sich an, die Kontrolle über Toulon zu übernehmen. Am 28. August 1793 stieß eine spanische Flotte unter Vizeadmiral Juan Langara y Huarte zum britischen Blockadegeschwader. Am selben Tag landeten die Alliierten in der Stadt; die dort stationierten französischen Kriegsschiffe leisteten keinen Widerstand. Gravina nahm als Stellvertreter des spanischen Oberbefehlshabers an der Operation teil. Bis zum 18. Dezember 1793 hielten die Verbündeten Toulon, zerstörten bei ihrem Rückzug viele Schiffe des Gegners und sprengten einen Teil der Magazine. 15 000 Menschen konnten evakuiert werden. Gravina wurde schwer verwundet und erwarb sich durch seine Tapferkeit und besonnene Führung den Respekt britischer Offiziere. Im selben Jahr besuchte er auch Portsmouth. Gravina interessierte sich für die Taktik und die Führungsmethoden der besten Flotte der Welt.

Die englisch-spanische Allianz sollte ein kurzes Zwischenspiel bleiben. In der spanischen Diplomatie setzte sich wieder die traditionell antibritische Linie durch. Madrid erklärte London den Krieg, obwohl die Marine nur bedingt einsatzbereit war. Deutlich wurde dies, als 1797 bei St. Vincent eine spanische Flotte gegen einen britischen Verband eine demütigende Niederlage erlitt. Die schlecht ausgebildeten Besatzungen konnten sich nicht annähernd mit einem Gegner messen, der zahlenmäßig wesentlich schwächer war.

Die Seeschlacht ging in die Kriegsgeschichte ein, weil ein junger Kommodore namens Horatio Nelson ein neues taktisches Prinzip angewandt hatte. Bis dahin segelten die Flotten in Kiellinie (ein Schiff folgte dem Vorgänger in einer Linie) auf Parallelkurs oder Gegenkurs und lieferten sich ein Artillerieduell, das meistens mit einem Unentschieden endete. Nelson scherte bei St. Vincent eigenmächtig aus dem eigenen Verband aus, durchtrennte mit seinem Angriff die spanische Schlachtlinie und entschied mit seiner mutigen und kühnen Tat das Gefecht. Die Idee stammte nicht von einem Seeoffizier, sondern von John Clerk, einem schottischen Kaufmann, der sich für Fragen der Seekriegsführung interessierte. Ihm ging es darum, die meist ergebnislosen Artillerieduelle zu beenden. Er fand heraus, dass man eine Seeschlacht für sich entscheiden kann, wenn eine Flotte angreift, sich dabei aber auf einen Abschnitt der gegnerischen Linie konzentriert und diese durchbricht. Der Gegner müsste dann den anderen Teil seiner Schiffe wenden lassen, ein Manöver, das viel Zeit in Anspruch nahm. Die Angreifer hatten sich einen kurzfristigen Vorteil erkämpft, denn die gegnerische Flotte wurde geteilt und befand sich in Unterzahl. Den Briten kam diese Taktik entgegen, denn hier konnten sie ihre Vorteile ausspielen: ihr hervorragendes seemännisches Können und ihr schnelles und präzises Artilleriefeuer. Clerk veröffentlichte seine Ansichten unter dem Titel „An Essay on Naval Tactics“ 1779. Die Publikation machte schon bald im Offizierkorps der Royal Navy die Runde.

Gravina nahm an der Seeschlacht von St. Vincent nicht teil. Auch er hätte nichts an dem Ergebnis ändern können. Zusammen mit Vizeadmiral Mazzaredo verteidigte er 1797 erfolgreich Cádiz gegen die Blockade durch die englische Flotte.

In den nächsten Jahren befehligte Gravina kleinere Flottenverbände. 1803 übernahm er das Amt des spanischen Botschafters in Paris. Der Vizeadmiral befürwortete ein Bündnis zwischen Frankreich und Spanien. Die Regierung in Madrid hatte ihm für den Fall eines Krieges zugesichert, dass er wieder ein Flottenkommando erhalten würde. Als Botschafter machte Gravina keine gute Figur; auf dem schwankenden Deck eines Schiffes bewegte er sich sicherer als auf diplomatischem Parkett.

Im Dezember 1804 war es so weit: Der Krieg brach aus. Den britischen Botschafter in Paris und Madrid wurden die Pässe ausgehändigt. Gravina kehrte in sein Heimatland zurück und erhielt das Kommando über die Marinebasis in Cádiz. In wenigen Wochen sorgte er dafür, dass mehr als 20 Linienschiffe einsatzfähig waren. Gravina setzte sich persönlich dafür ein, dass fähige Offiziere zu Schiffskommandanten bestellt wurden. Das größte Problem der Seestreitkräfte konnte er jedoch nicht lösen. Auch 1805 wurden die Schiffe mit Dienstpflichtigen bemannt, die nur unzureichend ausgebildet waren. Als Beispiel mögen die Zahlen dienen, die Gravina am Vorabend der Schlacht von Trafalgar für sein Flaggschiff, die „Príncipe de Asturias“ notierte. Die 1163 Mann Besatzung setzten sich aus 609 Offizieren und Matrosen, 172 Marineartilleristen und 382 Heeresinfanteristen zusammen. Fast die Hälfte der Besatzung bestand nicht aus Seeleuten.

Die vereinte Flotte sollte 1805 die Briten in die Karibik locken und dann so schnell wie möglich nach Europa zurückkehren. Die Schiffe hatten Befehl, die Kanalküste ansteuern, wo sich unter Napoleons Befehl ein Heer versammelt hatte, das nach England übergesetzt werden sollte. Der Plan scheiterte: Villeneuve konnte zwar die Royal Navy nach Westindien locken, aber der Gegner folgte ihm unverzüglich.

Am 22. Juli 1805 kam es bei Kap Finisterre zu einer Seeschlacht zwischen der vereinten Flotte und den Briten unter Vizeadmiral Robert Calder. Dank der Führung von Gravina, der mit seinen sechs Schiffen die Vorhut bildete und sofort Gefechtsberührung hatte, konnten die Briten ausmanövriert werden. Zwei spanische Schiffe mussten jedoch die Segel streichen. In der Seekriegsgeschichte wird das Treffen als britischer Sieg gewertet, aber unbestritten ist, dass die Spanier mit ihrem entschiedenen Vorgehen viel dazu beigetragen haben, dass Calder keinen entscheidenden Sieg erreichen konnte. Napoleon würdigte denn auch die Verdienste des spanischen Flaggoffiziers: „Gravina ist genial und entscheidungsfreudig im Kampf. Wenn Villeneuve diese Qualitäten gehabt hätte, wäre die Schlacht von Finisterre ein vollständiger Sieg geworden.“

Napoleon musste sein strategisches Hauptziel, die Ausschaltung Englands, aufgeben. Der Korse befahl dem an der Kanalküste versammelten Heer, nach Süddeutschland zu marschieren, denn ein Krieg mit Österreich und Russland drohte. Die französisch-spanischen Seestreitkräfte gingen in Cádiz vor Anker, wo sie von den Engländern blockiert wurden. Doch diesmal wagten die Briten keinen Angriff, sondern konzentrierten ihre Flotte auf See. Nur die Mastspitzen der englischen Aufklärungsfregatten konnte man von der südspanischen Hafenstadt aus beobachten.

Die Seeschlacht von Trafalgar

In Cádiz entluden sich derweil die Spannungen zwischen den Verbündeten. Die spanischen Offiziere waren darüber empört, dass die Franzosen den Ausgang der Schlacht von Finisterre vor allem als ihren Erfolg werteten, obwohl nur spanische Schiffe im Feuer gestanden hatten. In den Kneipen kam es zu Schlägereien zwischen französischen und spanischen Matrosen. Gravina wollte von seinem Amt zurücktreten, aber Godoy, der leitende Minister Spaniens, konnte ihn dazu überreden, das Kommando als stellvertretender Oberbefehlshaber zu behalten.

Die Frage war nun, wie man auf die Anwesenheit der Royal Navy vor Cádiz reagieren sollte. Der Invasionsplan war gescheitert. Ein stürmischer Herbst drohte, der für die Blockadeflotte mehr Probleme aufwarf als für Franzosen und Spanier. Napoleon hatte jedoch neue Befehle für seine Seestreitkräfte: Sie sollten durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer segeln und dort die habsburgische Machtposition in Süditalien angreifen. Auch einen Ersatz für Villeneuve hatte der Kaiser bestimmt: Admiral Rosily. Der neue Kommandeur war auf dem Weg nach Südspanien und die Gerüchte eilten ihm voraus. Villeneuve, um seinen Ruf besorgt, zeigte auf einmal eine Entschlusskraft, die er in den Wochen zuvor vermissen ließ.

Am 1. Oktober 1805 begann er mit den Vorbereitungen für das neue Unternehmen. Er nahm Truppen an Bord, die in Neapel ausgeschifft werden sollten. Am Nachmittag des 2. Oktober 1805 informierte ihn Gravina über eine Agentenmeldung, die aus Lissabon eingetroffen war: Vizeadmiral Nelson sei mit vier weiteren Linienschiffen nach Cádiz unterwegs, um das Kommando über die Blockadeflotte zu übernehmen.

Villeneuve berief daraufhin am 8. Oktober 1805 auf seinem Flaggschiff einen Kriegsrat ein und erläuterte seine Pläne. Villeneuve wollte mit der Flotte Cádiz verlassen und durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer segeln. Damit riskierte er eine Seeschlacht gegen die britische Flotte. Allerdings gab es gute Gründe gegen dieses Unternehmen. Ein Sturm zog herauf, der die Briten ohnehin zwingen würde, ihre Blockade zumindest vorübergehend aufzuheben. Die Spanier plädierten dafür, im Hafen zu bleiben, was Villeneuve zu einer Bemerkung veranlasste, die den Mut der Verbündeten in Frage stellte. Für Gravina, Villeneuves Stellvertreter, war das zu viel: „Herr Admiral“, erwiderte er, „wann immer die spanische Flotte in die Schlacht gezogen ist an der Seite ihrer Verbündeten, bildete sie die Vorhut gebildet und stellte sich dem Gegner.“ Und als wäre er und nicht Villeneuve Oberbefehlshaber, schloss er seine Erklärung mit den Worten: „Morgen – auf See“.

„Morgen – auf See“ – ohne diesen Satz wäre es möglicherweise nicht zur Seeschlacht von Trafalgar gekommen. Spanische Historiker haben Gravina lange Zeit diese Äußerung vorgeworfen. Doch war es für den Herzog überhaupt denkbar gewesen, den Vorwurf der Feigheit hinzunehmen? Hätte er damit nicht gegen die Traditionen seines Standes und seines Berufes verstoßen? Der spanische Historiker Agustín Guimerá bewertete das Verhalten des Vizeadmirals 2005 in einem Aufsatz als angemessen – legt man die Normen zugrunde, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts für einen hohen Offizier galten: „Gravina only fulfilles his military duty and followed his code of Honour by accepting orders from the government, supporting Villeneuve in that flight forward, toward a sure unequal battle. The fact is that the Spanish admiral was under heavy pressure from Nelson, Decrès and Godoy through the campaign. He was tied hand and foot.“ (Gravina erfüllte seine militärische Pflicht und folgte seinem Ehrenkodex, als er die Befehle seiner Regierung befolgte, Villeneuve in dieser ungleichen Schlacht zu unterstützen. Tatsache ist, dass der spanische Admiral während des ganzen Feldzuges unter großem Druck von Nelson, Decrès und Godoy stand. Ihm waren Hände und Füße gebunden.)

Am 19. Oktober war es so weit: Die vereinte Flotte ging Anker auf. Schon am ersten Tag zeigte sich, wie schwierig es war, den Hafen von Cádiz zu verlassen. Nur 12 Schiffe konnten auslaufen; der Rest folgte am nächsten Tag. 15 französische und 18 spanische Linienschiffe nahmen Kurs auf die Meerenge von Gibraltar.

Am 21. Oktober 1805 zeichneten sich am Horizont die Segel der Royal Navy ab. Um 8.00 Uhr morgens gab Villeneuve das Signal zur Wende; seine Flotte segelte wieder in Richtung Cádiz. Gegen zehn Uhr standen seine Schiffe in einer gekrümmten Linie in Lee-Stellung, das heißt, sie befanden sich auf der dem Wind abgewandten Seite. Die Briten hatten den Vorteil der Luv-Stellung; ihre Schiffe konnten die frische Brise voll nutzen und besser manövrieren. Der britische Vizeadmiral Collingwood, nach dem Tode Nelsons Oberbefehlshaber der Flotte, wunderte sich in seinem Schlachtbericht an die Admiralität über die Aufstellung des Gegners. Hier machte sich der schlechte Ausbildungsstand vieler Schiffe bemerkbar. Während einige Segler schneller wenden konnten, gelang anderen das Manöver langsamer, sodass die französisch-spanische Flotte in einer bogenförmigen Schlachtformation in das Gefecht ging. Einige Schiffe segelten nicht im Kielwasser ihrer Vorgänger, sondern beinahe parallel.

Die Briten griffen – wie erwartet – in zwei unabhängigen Kolonnen an, die in einem Winkel von 90 Grad auf ihre Gegner zu segelten mit dem Ziel, die französisch-spanische Linie zu durchbrechen. Gegen 12.00 mittags begann die Schlacht. Drei Stunden später war alles entschieden. Nelson lag im Sterben, Villeneuve musste sich in Gefangenschaft begeben und Gravina zog sich mit 11 Schiffen in Richtung Cádiz zurück.

Franzosen und Spanier hatten sich tapfer gewehrt, aber gegen die Segel- und Schießkünste der Briten besaßen sie keine Chance. Die Royal Navy konnte den glänzendsten Sieg ihrer Geschichte feiern. Das Schiff von Gravina hielt zeitweilig dem Feuer mehrerer Gegner stand. Der Vizeadmiral war schwer verwundet worden, eine Kugel hatte einen Arm zerschmettert. In der Nacht noch erreichten die Reste der geschlagenen Flotte den Hafen von Cádiz. Gravina wurde sofort an Land gebracht. Die Ärzte diskutierten über eine Amputation des Arms und rieten schließlich ab – eine fatale Fehlentscheidung, wie sich bald zeigen sollte. Der Herzog, der im November wegen seiner Tapferkeit zum Admiral befördert worden war (dieser Rang stand eigentlich nur dem König zu), erlag am 9. März 1806 dem Wundfieber.

Nelsons stärkster Gegner

Und wie beurteilten und beurteilen Historiker die Rolle Gravinas? Der Spanier Pelayo Alcalá Galiano legte 1909 eine Studie über die Schlacht vor, die lange Zeit zu den Standardwerken über Trafalgar zählte. Er bewertete Gravina sehr negativ. Der Admiral hätte seine außerordentlich schnelle Karriere nur seinen Verbindungen zum Hof, nicht aber seinen Fähigkeiten zu verdanken. Vor allem aber hätte er nicht zulassen dürfen, dass die spanischen Schiffe an der Seite ihrer Verbündeten in eine Schlacht zogen, die sie nicht gewinnen konnten. Suchte der Historiker nur einen Sündenbock für ein militärisches Desaster, das 100 Jahre später noch in Spanien als Schande empfunden wurde? Die aktuelle spanische Forschung kommt zu einem positiveren Urteil – siehe den bereits zitierten Aufsatz von Agustín Guimerá.

Der Brite Jullian S. Corbett hingegen würdigte 1910 die Führung von Gravina bei Trafalgar. Der Vizeadmiral hätte in den frühen Nachmittagsstunden durch seinen tapferen und geschickten Widerstand dafür gesorgt, dass für die französisch-spanische Flotte die Schlacht noch einige Stunden offen war.

Gravina soll mit den Worten gestorben sein: „I am a dying man, but I die happy; I am going, I hope and trust, to join Nelson, the greatest hero that the world perhaps has produced.“ (Ich sterbe, aber ich sterbe glücklich; ich gehe und ich vertraue darauf; Nelson zu treffen, den größten Helden, den die Welt vielleicht hervor gebracht hat).

Handelt es sich hier nur um eine Anekdote für die Nachwelt? Ich glaube nicht. Gravina hatte Nelson stets geschätzt und seinen überragenden Rang anerkannt. Unter Seefahrern gibt es eine Verbundenheit, die auch im Krieg nie völlig abreißt. Vielleicht hat der spanische Admiral seinen britischen Gegner manchmal darum beneidet, eine so hervorragende Flotte führen zu können. Auch wenn er nicht das Genie eines Nelson besaß – Carlos Federico Gravina war ein fähiger und mutiger Soldat, der in der Marinegeschichte des 18. Jahrhunderts seinen Platz hat.