Dänemarks letzter Krieg

Dänemarks letzter Krieg fand 1864 statt. Preußische und österreichische Truppen besetzten dänisches Staatsgebiet. Am 18. April stürmte eine preußische Armee die Düppeler Schanzen, eine wichtige Verteidigungsstellung der Dänen. Am 9. Mai 1864 kam es zwischen österreichischen, preußischen und dänischen Seestreitkräften zum Seegefecht vor Helgoland. Diese Daten kam man in vielen Schulbüchern nachlesen. Doch nur wenig bekannt ist, dass der dänische König im Juni 1864 die Anregung machte, Dänemark solle Teil des Deutschen Bundes werden. Ein Aufsatz über einen Krieg, der in Deutschland fast vergessen ist, aber in Dänemark heute noch als nationales Trauma gilt.

Das Londoner Protokoll und die dänische Verfassung von 1863

Im November 1863 hatte das dänische Parlament eine neue Verfassung verabschiedet, die vorsah, das Herzogtum Schleswig in den dänischen Staat einzugliedern. Die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg gehörten zu diesem Zeitpunkt bereits zu Dänemark, doch war ihnen im Londoner Protokoll von 1852 eine gewisse Autonomie innerhalb Dänemarks zugebilligt worden. In diesem völkerrechtlichen Vertrag hatten Großbritannien, Frankreich, Russland, Preußen, Österreich sowie Schweden und Dänemark sich dazu verpflichtet, die Herzogtümer Schleswig und Holstein und den Gesamtstaat Dänemark zu erhalten.

Die Herzogtümer Holstein und Lauenburg gehörten formal zum Deutschen Bund, wurden aber vom dänischen König regiert. Das Herzogtum Schleswig war traditionell ein Lehen des Königreiches Dänemark, gehörte aber im Gegensatz zu Holstein nicht zum Deutschen Bund. Mit dem Londoner Protokoll sollte ein Konfliktherd aus der Welt geschaffen werden, der zwischen 1848 und 1851 zu kriegerischen Verwicklungen geführt hatte. Als am 28. September 1863 die dänischen Nationalliberalen ein Gesetz durchsetzten, das Schleswig zu einem Teil Dänemarks machte, hatte Kopenhagen das Londoner Protokoll gebrochen. Der Deutsche Bund beschloss daraufhin am 1. Oktober 1863 die Bundesexekution, also die Mobilisierung des Bundesheeres. Preußische und österreichische Soldaten sollten die Einhaltung des Londoner Ultimatums erzwingen.

Der dänische Historiker Tom Buik-Swienty kommt in seinem Buch „Schlachtbank Düppel“ zu dem Ergebnis, dass die Verabschiedung der „Novemberverfassung“ von 1863 durch den dänischen Reichstag am 13. November 1863 den Krieg ausgelöst hat. Seit 1857 dominierten die Nationalliberalen das dänische Parlament. Die Partei setzte auf das Konzept eines homogenen Nationalstaates, in dem dänisch gesprochen wurde. Dass Dänemark ein Vielvölkerstaat war, in dem ein Drittel der Bevölkerung sich auf Deutsch verständigte, war ihnen ein Dorn im Auge. Auch in Schleswig hatte sich die deutsche Sprache immer mehr ausgebreitet. Trotzdem war für diese „Eiderdänen“ (der Fluss Eider im Süden Schleswigs sollte Dänemarks Grenze sein) die Eingliederung des Herzogtums ein so wichtiges Anliegen, dass sie dafür die Verfassung ändern wollten und den Bruch des Londoner Abkommens in Kauf nahmen.

Im November 1863 kam es auch zu einem Wechsel auf dem dänischen Thron. Friedrich VII. aus dem Hause Oldenburg starb am 15. November 1863. Einen Tag später wurde Christian IX. aus dem Hause Glücksburg zum neuen Herrscher proklamiert. Er lehnte einen Bruch des Londoner Protokolls ab, unterschrieb aber dennoch die neue Verfassung, weil er innenpolitische Unruhen fürchtete.

Tom Buik-Swienty betont in seinem Buch „Schlachtbank-Düppel“, dass die Nationalliberalen in Dänemark die politische Situation in Europa falsch einschätzten. Sie glaubten, England und Russland würden Dänemark unterstützen. Doch beide Großmächte taten nichts, um Kopenhagen zur Hilfe zu eilen.

Der preußische Ministerpräsident Bismarck war entschlossen, diesen politischen Fehler der dänischen Regierung auszunutzen. Zwar gab es im Deutschen Bund seit längerem Meinungsverschiedenheiten zwischen Preußen und Österreich, aber die deutschen Mächte gehörten zu den Staaten, die 1852 das Londoner Protokoll und die Unabhängigkeit Dänemarks garantiert hatten. Nicht nur in Dänemark, auch in den deutschen Staaten waren die Liberalen zu einem wichtigen Faktor in der öffentlichen Meinung geworden. Sie forderten ebenfalls ein militärisches Eingreifen. Im Dezember 1863 besetzten österreichische und preußische Truppen Holstein und Lauenburg. Ein Prinz aus dem Hause Augustenburg stand als Thronanwärter bereit.

Am 16. Januar 1864 verlangten Berlin und Wien ein letztes Mal, die Novemberverfassung aufzuheben. In Kopenhagen hatte die Regierung unter Ministerpräsident Monrad endlich begriffen, dass das kleine Königreich auf sich gestellt war und bot am 21. Januar 1864 an, die Verfassung aufzuheben. Doch es war zu spät. Preußen und Österreich hatten mobilgemacht und ihre Truppen an der Südgrenze Dänemarks aufmarschieren lassen.

Vom Danewerk zu den Düppeler Schanzen

Im Süden Jütlands verfügten die Dänen über ein Befestigungswerk, das von der Nordsee im Westen bis zur Mündung der Schlei im Osten reichte. Nur ein kleiner Teil – so Tom Buik-Swienty – von Schleswig im Osten bis Hollingstedt im Westen (ungefähr 14 Kilometer) stellte mit seinen 27 Erdschanzen und 175 Geschützen ein wichtiges Hindernis dar. Normalerweise hätte dieses Festungswerk den Einmarsch von Bodentruppen nach Dänemark stark erschwert. Die überlegene dänische Marine hätte in Nord- und Ostsee die Operationen von feindlichen Bodentruppen in Jütland behindern können.

Dänemark begann den Krieg nicht nur mit einem schweren politischen Fehler, sondern auch zu einer äußerst ungünstigen Jahreszeit. Im sehr harten Winter 1863/64 waren die Feuchtgebiete an der Flanke des schwer befestigten Teils des Danewerks gefroren. Im Sommer hätte man dieses Hindernis nicht so leicht umgehen können. Im Winter 1863/64 war es so gut wie wertlos, es sei denn, die Dänen hätten über eine gut ausgebildete Armee von ca. 100 000 Mann verfügt. In der dänischen Öffentlichkeit dagegen wurden die Wälle, deren Ursprünge bis in das Mittelalter zurückreichten, für unüberwindlich gehalten. So fiel dem dänischen Oberbefehlshaber, General Christian de Meza mit 40 000 Mann die undankbare Aufgabe zu, einen Krieg zu gewinnen, der politisch und militärisch auf eine dilettantische Weise vorbereitet worden war.

In den ersten drei Februartagen des Jahres 1864 griffen Preußen und Österreicher an. Die Österreicher kämpften erfolgreicher und drängten die sich tapfer wehrenden Verteidiger langsam zurück. Am 4. Februar 1864 inspizierte de Meza die Front und erkannte die Absichten des gegnerischen Feldzugplans. Während die dänische Armee an diesem Teil des Danewerks gebunden werden sollte, könnten die Gegner ihre Überlegenheit und das für sie gute Wetter ausnutzen, ihre Truppen teilen, die Verteidiger an der Flanke umgehen und die Dänen in einer klassischen Kesselschlacht vernichten. De Meza sah nur eine Lösung: den Rückzug.

Am Abend des 4. Februar trug der General in seinem Hauptquartier den Plan vor. Bis auf den Befehlshaber der Artillerie sprachen sich alle Beteiligten für den Rückzug aus. Lediglich eine Variante wurde diskutiert: Ein Feldkommandeur meinte, man solle vorher einen Ausfall wagen, um die Österreicher zu verwirren, aber der Vorschlag wurde verworfen.

In der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1864 räumte das dänische Heer das Danewerk. Es war ein strategisch meisterhafter Rückzug, der den Soldaten alles abverlangte. Im dänischen Reichstag jedoch verurteilte Ministerpräsident Monrad den Entschluss des Oberbefehlshabers und beorderte de Meza nach Kopenhagen. Der Mann, der das dänische Heer Anfang Februar gerettet hatte, wurde zum Bauernopfer abgestempelt. Obwohl der König de Meza unterstützte, drohte der Kriegsminister mit Rücktritt. Auch in der Öffentlichkeit hatte man Mitte Februar eingesehen, dass der General die richtige Entscheidung getroffen hatte. Friedrich IX. wollte keine weitere Krise riskieren und gab nach. Neuer Oberkommandierender der dänischen Armee, die sich nach Düppel zurückgezogen hatte, wurde General Gerlach.

Nach dem Rückzug der Dänen vom Danewerk war die preußische Führung zuerst unschlüssig über den Fortgang der Operationen. Den Österreichern gelang bei Oversee noch ein taktischer Sieg, aber General Gerlach zog sich auf die Düppeler Schanzen zurück. Düppel sichert den Übergang zur strategisch wichtigen Insel Alsen. Die Unschlüssigkeit der Preußen konnte Gerlach nutzen, um die Stellungen ausbauen zu lassen. Am 1. März einigten sich Österreicher und Preußen, bei Düppel anzugreifen.

Am 28. März 1864 begann die Belagerung der Düppeler Schanzen. Der erste Angriff schlug fehl; die Dänen wehrten sich mit Bravour. Das preußische Oberkommando zeigte sich entschlossen, in Düppel die Entscheidung zu suchen: „Berlin verlangte nach einem Sieg – Düppel sollte zum Symbol für den Vormarsch einer neuen Großmacht in Europa werden“, so Tom Buik-Swienty. „Bismarck, die militärischen Anführer und der König mussten ihre Machtposition sichern.“ In Preußen gab es seit 1862 eine Auseinandersetzung zwischen der liberalen Parlamentsmehrheit und der konservativen Regierung über die Finanzierung einer Heeresreform. Auch die Liberalen wollten ein stärkeres Heer, aber sie waren nicht bereit, in diesem Punkt auf ihr Haushaltsrecht zu verzichten. Die Regierung finanzierte den Krieg ohne Zustimmung der Abgeordneten. Die preußische Krone brauchte militärische Erfolge. Nicht noch einmal sollte die dänische Armee wie am Danewerk entkommen.

Auch die dänische Seite war davon überzeugt, dass in Düppel die Entscheidung fiele. Kriegsminister Lundbye erklärte am 11. April 1864: „Die Düppeler Stellung muss bis zum Äußersten gehalten werden.“
Am 18. April stürmten die Preußen schließlich die Festungswerke. Die blutigen Kämpfe dauerten knapp fünf Stunden. Genaue Zahlen über die Toten, Verwundeten und Verletzten gibt es nicht. Doch die Schlacht forderte vor allem von den Dänen einen hohen Blutzoll.

Die Schlacht um die Düppeler Schanzen legte ein weiteres Mal offen, dass Dänemark diesen Krieg ohne einen durchdachten Operationsplan führte. Hätte General Gerlach – wie am 5. Februar de Meza – die Schanzen rechtzeitig geräumt und sich auf die Inseln Alsen zurückgezogen, dann wäre Dänemark mit einer wesentlich stärkeren Position in die Friedensvorverhandlungen gegangen, die am 20. April in London beginnen sollten. Aber auch in der britischen Hauptstadt überschätzte die dänische Regierung noch ihre Position. Die Verhandlungen scheiterten.

Krieg in der Nordsee

Normalerweise hätte Dänemark mit seiner Marine durch eine Blockade der deutschen Nord- und Ostseeküsten militärischen Druck ausüben können. Doch diesmal musste die Flotte des kleinen nordeuropäischen Landes mit Gegenwehr rechnen.

Am 31. Januar 1864 hatte sich Österreich verpflichtet, ein Geschwader in die Nordsee zu entsenden. Die Marine des Habsburgerreiches war stärker als die preußischen Seestreitkräfte, die sich immer noch im Aufbau befanden. Der erst 37-jährige Linienschiffskapitän Wilhelm von Tegetthoff erhielt Befehl, mit mehreren Schiffen als Vorhut aus dem Mittelmeer in die Nordsee zu segeln, um die dänische Blockade zu brechen. Am 12. März verließ der habsburgische Kommandeur Algier in Nordafrika und erreichte am 4. Mai die Nordsee. Zwei Tage später erfuhr er, dass ein dänischer Flottenverband in der Nähe kreuzte. Zwei österreichische Fregatten, ein preußischer Raddampfer und zwei preußische Kanonenboote trafen auf zwei dänische Schraubenfregatten und eine Schraubenkorvette unter dem Kommando von Kommodore Eduard Suenson. Nach etwas mehr als zwei Stunden brach auf einem österreichischen Kriegsschiff ein Brand aus, was Tegetthoff veranlasste, das Gefecht abzubrechen. Aber auch das dänische Flaggschiff war beschädigt worden und musste auf eine Verfolgung verzichten.

In der Literatur wird das Treffen als taktischer Sieg der Dänen gewertet, wobei Marinehistoriker die Führung des österreichischen Kommandeurs hervorheben. Tegetthoff hätte von Anfang an auf Angriff gesetzt, obwohl seine Schiffe seit Wochen auf See waren. Der österreichische Kommandeur hatte erkannt, dass die drei dänischen Schiffe seinen Einheiten von der Artillerie her überlegen waren. Der erfahrene Suenson wollte diesen Umstand nutzen und ein Distanzgefecht führen, während Tegetthoff versuchte, den Abstand zum Feind zu verkürzen.

Während in der Wiener Presse zuerst zurückhaltend über das Treffen gewertet wurde, so wich die Skepsis nach einigen Tagen verhaltenen Stolz. Die habsburgische Marine hatte ihre Feuertaufe bestanden (die beiden preußischen Kanonenboote hatten keinen Schuss abgegeben). Der dänische Flottenverband räumte die Nordsee. Insofern stellt sich für mich die Frage, ob nicht eher von einem taktischen Erfolg der Österreicher die Rede sein kann. Sie hatten 51 Tote zu beklagen, während auf dänischer Seite 18 Mann fielen. Tegetthoff wurde für seine Leistung zum Konteradmiral ernannt.
Am 12. Mai unterzeichneten beide Parteien in London einen vorläufigen Waffenstillstand, der am 26. Juni ablaufen sollte. Drei Tage später, am 29. Juni 1864, erzwang die preußische Armee den Übergang auf die Insel Alsen. 3000 Tote hatte Dänemark zu beklagen.

Die Regierung in Kopenhagen kapitulierte und akzeptierte am 2. Juli 1864 harte Waffenstillstandsbedingungen. In Wien schlossen Dänemark, Preußen und Österreich am 30. Oktober 1864 endgültig Frieden.

Dänemark als Teil des Deutschen Bundes?

Die Bedingungen waren hart: Die Hälfte der Bevölkerung des Landes und mehr als ein Drittel der Landfläche wurden an Preußen und Österreich abgetreten. „Dänemark war zu einem Kleinstaat geworden“, resümierte Tom Buik-Swienty.

In Dänemark löste sein Buch heftige Kontroversen aus. Ungefähr 3000 Publikationen sind bis heute über die Schlacht auf den Düppeler Schanzen erschienen, aber selten hat ein dänischer Autor so eindeutig die Politik der nationalliberalen Regierung in Kopenhagen für das militärische Desaster und dessen Folgen verantwortlich gemacht. Buik-Swienty erhielt Zugang zum königlichen Archiv und entdeckte einen Brief von König Christian IX. aus dem Juni 1864. Ohne Rücksprache mit seinen Ministern bot der Monarch darin den Eintritt Dänemarks in den Deutschen Bund an. Im Klartext: Dänemark hätte einen Teil seiner Souveränität abgegeben. Christian IX., ein Anhänger des dänischen Gesamtstaates, der die Politik der Nationalliberalen ablehnte, versuchte in einem Akt der Verzweiflung, Gebietsverluste zu vermeiden. Der dänische Gesamtstaat sollte ein Mitglied des Deutschen Bundes werden wie Preußen, Bayern oder Hannover. Über den belgischen Monarchen, König Leopold, gelangte der Brief in die Hände des preußischen Königs. Wilhelm I. übergab das Schreiben an Bismarck, der am 11. Juli 1864 das Vorhaben als unrealistisch und unpraktisch bezeichnete.

Der preußische Ministerpräsident kann als der eigentliche Gewinner des Krieges bezeichnet werden. Nur Preußen profitierte von dem Machtzuwachs in Norddeutschland. Die gemeinsame Verwaltung der neu gewonnenen Herzogtümer wurde nun zu einer innerdeutschen Angelegenheit. Die Thronansprüche des Augustenburger Thronanwärters Friedrich auf Schleswig und Holstein ignorierte der preußische Ministerpräsident; Schleswig-Holstein wurde kein eigenständiges Fürstentum. Österreich hatte durch seine Unterstützung Preußens bei vielen Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes an Sympathie eingebüßt und sich in eine Sackgasse locken lassen, die mit dazu führte, dass es zwei Jahre später politisch geschwächt in einen Krieg über die Zukunft des Deutschen Bundes eintreten sollte.

In Deutschland scheint der deutsch-dänische Krieg nur wenige Menschen zu interessieren. Anders dagegen in Dänemark: Am 18. April 2014 gedachten Königin Margarethe und 15 000 Menschen der Schlacht von Düppel mit einem Staatsakt.