Deutschland und der Versailler Vertrag

Bis in den Hochsommer 1918 glaubten viele Deutsche an einen erfolgreichen Ausgang des Ersten Weltkrieges. Innerhalb von wenigen Wochen mussten sie begreifen, dass das Kaiserreich militärisch geschlagen war. Am 11. November 1918 wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Seine Bedingungen fielen sehr hart aus.

In diesem Beitrag geht es um die Zeit zwischen dem Zusammentritt der Weimarer Nationalversammlung am 6. Februar 1919 und dem Abschluss des Versailler Vertrages am 28. Juni 1919. Eine Friedenskonferenz, in der Sieger und Besiegte an einem Tisch saßen, gab es nicht. Im Pariser Vorort Versailles wurde über die Deutschen, aber nicht mit ihnen verhandelt.

Deutschland gehörte vor 1914 zu den mächtigsten Staaten in Europa. Nun drohte es zum Spielball der internationalen Politik zu werden.

Welche Möglichkeiten hatte die deutsche Diplomatie in dieser Situation? Wie reagierte die deutsche Öffentlichkeit?

Zeit der Illusionen

Als am 11. November 1918 die Waffen schwiegen, standen deutsche Soldaten noch in Frankreich und Osteuropa. Die Waffenstillstandsbedingungen sahen die sofortige Räumung Frankreichs vor. Der deutschen Heeresführung gelang es, das Feldheer geordnet über den Rhein zurückzuführen.

Die Soldaten kehrten in ein Land zurück, das sich verändert hatte. Große Teile der deutschen Gesellschaft konnten sich nicht damit abfinden, dass der Krieg verloren war. Die sozialistische Arbeiterschaft wollte keine liberal-demokratische Republik, sondern einen demokratischen Rätesozialismus. Zeitweise stand Deutschland im Winter 1918/19 vor einem Bürgerkrieg.

Mit dem Zusammentritt der Weimarer Nationalversammlung musste sich die deutsche Politik auch der Frage stellen, wie der Friedensvertrag ausfallen würde. In Weimar hofften viele Abgeordnete auf einen „Wilsonfrieden“, genannt nach dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der 1918 ein 14-Punkte-Programm aufgestellt hatte. Doch dieses Programm war viel zu ungenau, als dass Deutschland daraus den Anspruch ableiten konnte, nach der Niederlage als gleichberechtigte Nation behandelt zu werden.

Die Siegermächte verständigten sich zwischen dem 29. Oktober 1918 und dem 4. November 1918 auf ihre Forderungen. Die französische Haltung zielte darauf ab, den mächtigen Nachbarn im Osten dauerhaft zu schwächen. Auch nach der Niederlage würde Deutschland über eine größere Bevölkerung und eine stärkere Industrie verfügen, wenn die Reichseinheit erhalten bliebe. Der Friedensvertrag sollte die Deutschen so hart treffen, dass sie auf Jahrzehnte nicht mehr zu einem Angriff fähig wären.

In einem Punkt stimmten Frankreich, England, die Vereinigten Staaten und Italien, die seit Januar 1919 über einen Frieden berieten, überein: Berlin sei verantwortlich für den Ausbruch des Krieges. Hohe Kriegsentschädigungen, eine Beschränkung der deutschen Rüstungshoheit und entmilitarisierte Sicherheitszonen entlang des Rheins gehörten zu den Pariser Kriegszielen. Außerdem sollte das Reich Teile seines Staatsgebietes im Westen und im Osten abtreten.

Die Möglichkeiten der Wilhelmstraße (dem Sitz des Auswärtigen Amtes) auf die Beratungen einzuwirken, waren begrenzt. In Versailles durften die deutschen Delegierten nicht an den Konferenzen der Siegermächte teilnehmen.

Als neuer Staatssekretär amtierte Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau in der Wilhelmstraße. Brockdorff, ein liberaler Aristokrat, bekannte sich zur Republik. Der Staatssekretär wollte in der Außenpolitik einen neuen Anfang machen. Am 14. Februar 1919 räumte er vor der Nationalversammlung in Weimar ein, dass Deutschland kaum „Bewegungsfreiheit“ hätte. In seiner Rede bezog er sich auf den amerikanischen Präsidenten Wilson und legte dessen Äußerungen so aus, dass „dem Sieger keine Kriegskosten zu bezahlen und keine Gebiete der Besiegten abzutreten sind.“

Diese Fehleinschätzung der amerikanischen Politik sollte sich in den nächsten Wochen als verhängnisvoll erweisen. Brockdorff ging auch davon aus, dass Deutschland seine Kolonien und seine Handelsflotte behalten könne, denn ohne Absatzmärkte in Übersee und eine Transportflotte besäße das Reich für den neu zu gründenden Völkerbund keinen Wert. Der Chef der Wilhelmstraße hing der Illusion nach, dass Deutschland in Versailles als gleichberechtigte Großmacht ernst genommen würde.

Brockdorff stand damit nicht alleine da. Als Beispiel für die Haltung eines Politikers der Mitte möchte ich Anton Erkelenz zitieren, einen jungen Abgeordneten der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei in der Weimarer Nationalversammlung. Erkelenz stand vor dem Krieg der kaiserlichen Außenpolitik kritisch gegenüber. Aber die Art und Weise, in der die Siegermächte schon bei den Waffenstillstandsverhandlungen hohe Forderungen stellten, löste bei ihm Wut und Empörung aus:

„Die Gegner haben seit dem ersten Waffenstillstand uns so bis aufs Blut gepeinigt, dass die äußerste Grenze längst erreicht scheint … Wir haben zwar, um einen Frieden im Geiste Wilsons zu erlangen, mehr nachgegeben als gut war; ein Frieden in solcher Gesinnung ist aber unmöglich bei der Peinigung, die man uns zuteilwerden lässt. Wir müssen die Verantwortung dafür ablehnen und die Nationalversammlung hat die Pflicht, das in diesen Tagen rückhaltlos auszusprechen. Mag sich Clemenceau, wenn er kann, in Berlin den Frieden holen, den er uns aufzwingen will. Von der Nationalversammlung erhält er ihn nicht.“

Am 22. Februar konnte sich Erkelenz zu einer sachlicheren Haltung durchringen. Der Abgeordnete berichtete für die „Düsseldorfer Nachrichten“ über eine Rede, die der neue Außenminister vor der Nationalversammlung gehalten hatte: „Mit tiefem Ernst hörte man ihm zu, denn es wurden Hoffnungen und alte Errungenschaften zu Grabe getragen“, gab der linksliberale Abgeordnete seine Eindrücke wieder. Graf Brockdorff machte klar, dass es wahrscheinlich keine Volksabstimmung in Elsass-Lothringen geben werde, da Paris sie nicht zulassen wolle. Auch mit der Abtretung des nördlichen Teils von Schleswig-Holstein und einiger Landstriche im Osten mit polnischer Bevölkerung müsse man rechnen. „Man darf sich nicht wundern“, so Erkelenz, „wenn auch jetzt noch ein Aufschrei durchs Land gehen wird, und doch hüten wir uns vor Selbsttäuschungen.“

Nicht viele Deutsche waren bereit, die Realität zu akzeptieren. Reichspräsident Ebert betonte in seiner Osterbotschaft vom 15. April 1919, dass die junge Republik keinen Gewaltfrieden unterzeichnen würde. Graf Brockdorff-Rantzau versuchte, mithilfe von Wirtschaftsexperten ein außenpolitisches Konzept zu formulieren, das Gebietsverluste einkalkulierte und auch bei der Begrenzung der Friedensstärke des deutschen Heeres Entgegenkommen signalisierte. Den Alliierten sollte klargemacht werden, dass ein wirtschaftlich intaktes Deutschland für Stabilität in Europa sorgen könnte. Ein Friedensvertrag, der hohe Reparationszahlungen und die Abtretung wichtiger Industriegebiete an Frankreich und Polen vorsah, hätte die Gefahr eines Machtvakuums in Mitteleuropa heraufbeschworen. In den ersten Monaten konnten die Deutschen nicht mehr tun, als die Beratungen der Alliierten in Paris zu beobachten.

Der Diktatfrieden

Die Siegermächte waren sich darin einig, dass Deutschland keinen milden Frieden erhalten sollte. Doch über die einzelnen Bedingungen gingen die Meinungen auseinander.

Frankreich forderte sehr strenge Bedingungen. Am 25. Februar 1919 verlangte Clemenceau die Verlegung der Westgrenze an den Rhein. Auf das Saargebiet erhob er ebenfalls Anspruch. Teile Frankreichs waren zwischen 1914 und 1918 von den Deutschen besetzt gewesen. Bei ihren Rückzügen hatten die deutschen Truppen Industrie- und Bergbauanlagen zerstört. Außerdem verfügte Deutschland über eine größere Bevölkerung als Frankreich. In den Pariser Ministerien strebte man einen Frieden an, der den mächtigen Nachbarn im Osten auf Jahrzehnte hinaus schwächen sollte. Frankreich unterstützte separatistische Bestrebungen im Rheinland in der Hoffnung, die Rheinländer würden sich vom Deutschen Reich lösen. Außerdem wollten sie die Friedensstärke der deutschen Armee auf 140 000 Mann begrenzen; der Wehrdienst sollte sechs Monate dauern.

In England verlangte die Bevölkerung ebenfalls einen harten Frieden. Aber Lloyd George, der zuerst diese Parolen unterstützt hatte, schlug Ende März moderatere Friedensbedingungen vor. Das Deutsche Reich sollte seine Kolonien, seine Flotte und einige Landstriche im Westen und im Osten verlieren. Aber die englische Regierung warnte nun vor einem Frieden, der Berlin in die Arme des bolschewistischen Russlands treiben würde.

Die Vereinigten Staaten waren längst von ihren 14 Punkten aus dem Januar 1918 abgerückt. Der moralische Anspruch der amerikanischen Diplomatie blieb, aber in Washington wusste man auch, dass Frankreich und England ihre Kriegskredite nur mit deutschen Reparationszahlungen tilgen könnten. Die Hoffnungen der Wilhelmstraße auf Woodrow Wilson entpuppten sich als Irrtum. Die Historikerin Margaret MacMillan beschrieb den Stimmungsumschwung im deutschen Lager:

„Hatte man Wilson bisher als Deutschlands Retter betrachtet, wurde er über Nacht zum abgefeimten Heuchler. Als er 1924 starb, unterließ es die deutsche Botschaft in Washington als einzige, ihre Fahne auf Halbmast zu senken.“

Am 7. Mai 1919 wurde die deutsche Delegation im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles empfangen, um den Entwurf des Friedensvertrages entgegenzunehmen. Clemenceau eröffnete die Zeremonie mit einer provokanten Rede. Graf Brockdorff-Rantzau blieb sitzen und verlas in deutscher Sprache (der Diplomat sprach sehr gut Französisch) die Erwiderung der Reichsregierung. Ob der Chef der Wilhelmstraße einer plötzlichen Eingebung folgte und damit auf die scharfen Worte von Clemenceau reagierte oder ob ihn Schmerzen daran hinderten, sich zu erheben, ist unklar. Das Auftreten des deutschen Chefdiplomaten rief bei Engländern und Amerikanern Wut hervor.

Den Deutschen wurde eine Frist eingeräumt, um Gegenvorschläge zu unterbreiten. Brockdorff war über den Entwurf der Siegermächte empört. Ein Siebtel des Reichsgebietes mit einem Zehntel der Bevölkerung sollte abgetreten werden. 50 % der Eisenerzförderung und 25 % der Steinkohleförderung gingen verloren. Deutschland durfte ein Berufsheer mit 100 000 Mann und eine Marine mit 15 000 Mann behalten. Der Aufbau von Luftstreitkräften und Panzerverbänden war verboten. Die Reichsmarine durfte keine Unterseeboote in Dienst stellen. Der Generalstab war aufzulösen; die meisten Handelsschiffe auszuliefern. Teile des Rheinlandes wurden entmilitarisiert; französische, englische und amerikanische Truppen sollten dort stationiert werden. Eine Kommission der Siegermächte sollte die deutsche Abrüstung überwachen. Nach § 231 trug das Deutsche Reich die Alleinschuld am Krieg und musste Reparationen zahlen, wobei die genaue Summe noch nicht feststand. Die Aufnahme in den Völkerbund blieb Deutschland verwehrt.

In Deutschland kam es zu Protestkundgebungen. Reichsministerpräsident Scheidemann von den Mehrheitssozialdemokraten bezeichnete am 12. Mai 1919 den Vertragsentwurf als indiskutabel. Vor allem der „Kriegsschuldparagraf“ 231 wurde von allen Fraktionen der Nationalversammlung abgelehnt. Reichspräsident Ebert versuchte über die neutrale Presse, die Siegermächte zu beeinflussen. Auch im Lager der Sieger gab es warnende Stimmen; der Vertrag sei zu hart. Frankreich hingegen zeigte sich enttäuscht darüber, dass man nicht mehr erreicht hatte.

Am 29. Mai 1919 legten die Deutschen einen Gegenentwurf vor, der die Alliierten beeindruckte. Das Reich konnte aber nur minimale Zugeständnisse erreichen. Am 16. Juni 1919 erklärten die Siegermächte die Beratungen für beendet und räumten der Weimarer Republik drei Tage Zeit ein, um sich für Annahme oder Ablehnung zu entscheiden. Die Frist wurde bis zum 23. Juni 1919 verlängert. In Weimar berieten die Fraktionen fieberhaft. Reichsministerpräsident Scheidemann und Außenminister von Brockdorff-Rantzau traten von ihren Ämtern zurück. Schließlich siegte die Vernunft. Die Mehrheit der Weimarer Nationalversammlung akzeptierte die Bedingungen. Der neue Außenminister, der Mehrheitssozialdemokrat Hermann Müller, unterzeichnete am 28. Juni 1919 in Versailles den Vertrag.

Versailles – eine vertane Chance

Der Vertrag von Versailles gehört nicht zu den Meisterwerken der internationalen Diplomatie. Die Politiker der Siegermächte standen vor beinahe unlösbaren Problemen. Ein milder Frieden für Deutschland war vor allem gegenüber der französischen Bevölkerung nicht zu vertreten. Teile des Landes hatten unter den Kriegshandlungen gelitten. Auch in England gab es bis in das Frühjahr 1919 hinein eine Rachestimmung, die allmählich einer nüchternen Sichtweise Platz machte. Die Politik der USA war widersprüchlich.

Aber auch in Deutschland schien man vergessen zu haben, dass Berlin noch im März 1918 der Sowjetunion den äußerst harten Frieden von Brest-Litowsk aufgezwungen hatte. Und die Kriegszielpläne der Obersten Heeresleitung von 1917 sahen umfangreiche Annexionen in Frankreich und Osteuropa vor. In Versailles erlebten die Deutschen nun, wie es ist, wenn man sich als geschlagene Nation einem Diktat beugen muss.

Dabei bot der Frieden den Deutschen auch Chancen. Die Reichseinheit war erhalten geblieben. Der Verlust der Kolonien eröffnete den Weg für eine britisch-deutsche Annäherung. Die neu gegründeten Staaten in Osteuropa wie Polen oder die Tschechoslowakei boten der deutschen Wirtschaft Absatzmärkte. Der Völkerbund sollte sich bald als Schutzmacht für Deutschland erweisen.

Leider nutzten die Reichsregierungen diese Möglichkeiten bis 1924 kaum. Die beinahe einhellige Ablehnung des Versailler Diktats sorgte einerseits für einen Minimalkonsens in der Bevölkerung, verhinderte aber auch eine realistische Außenpolitik. Außerdem erschwerte die französische Politik die Akzeptanz des Friedens in Deutschland. Bei weiteren internationalen Konferenzen über die Höhe der Reparationen versuchte Paris, den östlichen Nachbarn bei jeder Gelegenheit auf die Anklagebank zu setzen. 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um rückständige Reparationszahlungen einzutreiben. Erst diese Krise sorgte in beiden Ländern dafür, dass sich Politiker mit Vernunft und Augenmaß um eine tragfähige Nachkriegsordnung bemühten. 1919 war dies nicht möglich.

 

Das Foto zeigt Mitglieder der deutschen Delegation. Quelle:Namensnennung: Bundesarchiv, Bild 183-R11112 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0