1812: Napoleon fordert Russland heraus

1812: Napoleon fordert Russland heraus

Am 24. Juni 1812 fiel Napoleon mit knapp 450 000 Mann in Russland ein. Der Feldzug sollte das Zarenreich noch stärker an das französische Imperium binden. Napoleon gewann mehrere Schlachten und besetzte im September 1812 Moskau.

Doch sein politisch-strategisches Ziel erreichte er nicht. Im Herbst 1812 mussten seine Truppen die russische Hauptstadt räumen und ihren Rückzug bei winterlichem Wetter antreten. Nur wenige Soldaten kehrten nach Polen zurück. Napoleon weilte zu diesem Zeitpunkt schon in Paris, um neue Feldzüge zu planen.

Wie kam es dazu, dass die scheinbar unbesiegbare französische Armee scheiterte? Gab es eine russische Strategie, die den Korsen in die Knie zwang oder kam dem Zaren „General Winter“ zur Hilfe?

Frankreich – Vormacht auf unsicherem Fundament

Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hatte Napoleon die Vorherrschaft Frankreichs auf dem Kontinent ausgebaut. Doch er konnte die Geschicke des Europas nicht uneingeschränkt diktieren.

England führte weiter Krieg gegen Frankreich. Nach der Vernichtung der französisch-spanischen Marine bei Trafalgar am 21. Oktober 1805 musste der Kaiser auf Invasionspläne verzichten. Stattdessen versuchte er, einen Wirtschaftskrieg gegen England zu führen. Britische Waren sollten in Europa keine Abnehmer finden. Die kontinentalen Staaten durften keinen Handel mehr mit London treiben.

Diese Wirtschaftsblockade war nur schwer durchzusetzen. 1807 zwang Napoleon den russischen Kaiser, der Kontinentalsperre beizutreten. Schon bald wurden die Nachteile für das Zarenreich deutlich. England fiel als Hauptabnehmer russischer Holz- und Weizenprodukte aus. Den Russen fehlten industrielle Importe von der Insel.

In Europa blühte der Schmuggel. Napoleon annektierte deshalb 1809/10 das heutige Belgien und das Königreich Holland. Die deutsche Nordseeküste wurde ebenfalls französisches Staatsgebiet. Kleinere Staaten wie Schweden und Portugal gelang es, sich teilweise der Kontinentalsperre entziehen.

Der Versuch Napoleons, 1808 Spanien zu erobern, schlug fehl. Zwar konnte er seinen Bruder Joseph zum spanischen König machen, aber die Bevölkerung des Landes leistete Widerstand. Ein Partisanenkrieg begann. Die französischen Truppen schafften es nicht, die Freischärler entscheidend zu besiegen.

1809 erklärte Österreich Frankreich den Krieg. Zum ersten Mal seit längerer Zeit erlitt Napoleon am 21. Mai 1809 bei Aspern in offener Feldschlacht eine Niederlage. Zwar gelang es ihm, am 5. und 6. Juni 1809 bei Wagram die habsburgische Armee zu schlagen und den Krieg zu gewinnen. Aber das französische Imperium war so groß geworden, dass Napoleon es nicht mehr kontrollieren konnte.

Johannes Willms hat in seiner Biografie des Kaisers die These aufgestellt, dass der Sieg über Österreich die letzte Chance geboten hätte, die französische Vorherrschaft durch einen für den Gegner annehmbaren Frieden auf Dauer zu festigen. Der französischen Wirtschaft und Gesellschaft machte der Krieg ebenso zu schaffen wie den anderen europäischen Nationen. Die Berater des Kaisers glaubten nicht, dass mit dem Schwert auf Dauer die Pariser Hegemonie zu sichern sei.

Doch Frieden war ein Zustand, der – so Johannes Willms – dem Kaiser eher Unbehagen bereitete. Seine Machtstellung hatte er sich mit Waffengewalt gesichert. Napoleon wollte seine Dynastie festigen und suchte deshalb nach einer Frau aus dem europäischen Hochadel, die ihm den heiß ersehnten Stammhalter schenken konnte. Seine Gattin, Josephine, war dazu nicht in der Lage. Nach der Scheidung von ihr heiratete er 1811 die Tochter des österreichischen Kaisers und wurde Vater eines Prinzen, der sein Geschlecht fortführen sollte.

Zu diesem Zeitpunkt funktionierte das System der Kontinentalsperre kaum noch. Russland war nicht mehr bereit, die Nachteile dieses Wirtschaftskriegs in Kauf zu nehmen. Hinzu kam, dass Napoleon an der Westgrenze des Zarenreiches das Großherzogtum Warschau geschaffen hatte. Zar Alexander betrachtete dies als Provokation.

Russland, das sich 1809 nur der Form halber am Krieg gegen Wien beteiligt hatte, setzte auf einen Ausgleich mit Frankreich.

Der preußische König suchte notgedrungen ebenfalls ein Bündnis mit dem Korsen, um sein im Frieden von Tilsit 1807 geschrumpftes Land zu erhalten. Die Kosten für die französischen Besatzungstruppen und das Auftreten der Sieger verschafften Paris aber wenige Sympathien in den deutschen Staaten. Napoleon stand vor der Alternative, das Erreichte zu konsolidieren und einen Ausgleich mit England zu finden oder die unangefochtene Vorherrschaft über den Kontinent zu erkämpfen. Dazu musste er Russland besiegen.

Frankreich und Russland – keine echte Freundschaft

Beobachtern fiel 1811/12 auf, dass seine frühere Energie und Spannkraft nachgelassen hatte. Nicht, dass er sich nun nur noch dem Vergnügen hingab – er saß jeden Tag am Schreibtisch und widmete sich seinen Amtspflichten. Doch er war korpulent geworden und ermüdete schneller.

Napoleons Gegner England blieb nicht untätig. Die Kontinentalsperre wirkte sich eher zugunsten Londons aus. Spanien entwickelte sich zu einem Dauerkrisenherd, den Napoleon nicht unter Kontrolle bekam, zumal britische Truppen unter dem Herzog von Wellington die Aufständischen unterstützten.

Ab 1811 zog Zar Alexander Truppen an seiner Grenze im Westen zusammen. Am 31. Dezember 1810 hatte er russische Häfen für neutrale Handelsschiffe geöffnet und französische Einfuhren mit einer Luxussteuer belegt.

Napoleon reagierte bis zum Herbst 1811 auf diese aggressiven Maßnahmen zurückhaltend. Noch im Sommer hatte er in einer Lagebeurteilung festgestellt, dass Frankreich auf die Freundschaft von Russland angewiesen sei. Die Politik des Zaren führte im Herbst 1811 zu einem Sinneswandel in Paris. Nun wollte Napoleon einen Waffengang. Als in Sankt Petersburg bekannt wurde, dass der Korse einen Krieg gegen Russland plante, schien Zar Alexander vorsichtiger zu werden. Doch der Kontinentalsperre trat er nicht mehr bei.

Beide Nationen rüsteten für den Krieg. Ein alter französischer Diplomat und Kriegsminister aus der vorrevolutionären Zeit, Narbonne, riet Napoleon eindringlich von einem Angriff auf Russland ab. Zumindest sollte der Kaiser diesen Krieg auch politisch führen. Eine Möglichkeit hätte darin bestanden, das Großherzogtum Warschau zu einem unabhängigen Königreich Polen zu erheben. Frankreich hätte sich einen neuen Verbündeten gegen Russland gesichert.

Seit dem Frühjahr 1812 sammelte der Kaiser seine Armee. Aus allen Teilen Europas strömten Soldaten durch Deutschland Richtung Osten. Italien, einige deutsche Staaten und Österreich stellten Hilfskontingente.

In Dresden, der Hauptstadt des Königreiches Sachsen, traf Napoleon die gekrönten Häupter des Rheinbundes. Viele verdankten ihm ihren Machtzuwachs, wie die Könige von Bayern und Württemberg. Die Stimmung in den deutschen Ländern hingegen war den Franzosen weniger günstig gesonnen. Die durchmarschierenden Truppen mussten auf Kosten der Bevölkerung versorgt werden. Soldaten aus den Staaten des Rheinbundes wurden in einen Krieg geschickt, der nur den Interessen der Franzosen diente.

Während Napoleons Berater auch im Frühjahr 1812 pessimistisch blieben, schien der Kaiser davon überzeugt zu sein, die Russen in einem schnellen Feldzug schlagen zu können.

Alexander I. hatte seit 1805 die Ausgaben für das Militär erhöht. Reformen sollten die Schlagkraft der Armee erhöhen. Der Monarch gründete ein Kriegsministerium, das von General Michail Barclay de Tolly geleitet wurde. Allerdings verfügte dieses Ministerium über wenig Macht, sodass die Modernisierung der Streitkräfte 1812 noch nicht abgeschlossen war. Der Zar ernannte Barclay zum Oberbefehlshaber der größten russischen Armee, die bei Kriegsausbruch um Wilna, heute Vilnius, der Hauptstadt Litauens, in einem 100 Kilometer langen Bogen stationiert war. Barclay sollte je nach Lage angreifen oder verteidigen.

Eine zweite, zahlenmäßig nicht so starke Armee unter dem Kommando des Fürsten Bagration nahm südlich davon Stellung und sollte Barclay unterstützen.

Der Krieg beginnt

Napoleon war nach den Beratungen in Dresden endgültig davon überzeugt, dass ein Krieg gegen Russland nicht mehr vermieden werden konnte. Am 24. Juni begann der Feldzug. Die Franzosen setzten 475 000 Mann ein. Napoleon wollte eine schnelle Entscheidung erzwingen und hoffte, der Gegner würde ihm an der Grenze eine Schlacht liefern.

Mit welcher Strategie reagierte die russische Seite? Barclay war Kriegsminister und gleichzeitig Oberbefehlshaber der wichtigsten Armee. Oberster Befehlshaber war der Zar. Militärisches Talent besaß der Monarch nicht. Im Gegensatz zu 1805 übernahm er nicht die Führung der Streitkräfte. Den beiden russischen Armeen fehlte ein gemeinsames Oberkommando. Dies führte in den ersten Wochen zu Unstimmigkeiten, denn Barclay de Tolly und Bagration verstanden sich nicht. Bagration, ein georgischer Fürst, hatte sich in den bisherigen Kriegen als „Haudegen“ ausgezeichnet, der von seinen Soldaten vergöttert wurde. Er wollte Napoleon die gewünschte Schlacht liefern.

Barclay, ebenfalls ein tapferer und fähiger Soldat, stammte aus einer deutschbaltischen Familie. Er glich im Gegensatz zu Bagration eher dem Typ des modernen Generalstabsoffiziers, der kühl und abwägend vorgeht. 1807 hatte er dem Zaren vorgeschlagen, einen möglichen Krieg gegen die Franzosen mit kleinen, beweglichen Einheiten offensiv im Feindesland zu führen.

Während des Krieges von 1812 wurde Barclay oft vorgeworfen, seine Strategie bestünde nur darin, die Franzosen in das Landesinnere zu locken. Dagegen kam dieser Vorschlag von einem preußischen Offizier, der in russische Dienste getretenen war: Generalleutnant Karl Ludwig von Phull. Phull schlug vor, dass Barclay de Tolly mit der 1. Armee sich bis auf die Drissa, einen kleinen Fluss in Litauen, zurückziehen sollte, um dort Napoleon zur Schlacht zu stellen. Bagration sollte warten und den Franzosen schließlich in die Flanke fallen.

Im russischen Hauptquartier prallten die gegensätzlichen Meinungen aufeinander. Alexander und Barclay waren nur bereit, geringe Geländeverluste hinzunehmen. Zuerst aber blieb der 1. Russischen Armee nichts anderes übrig, als den Rückzug anzutreten.

Die Franzosen mussten schon nach Beginn ihres Feldzuges mit ungeahnten Versorgungsschwierigkeiten kämpfen. Am Tag lag eine brütende Hitze über dem Land. In der Nacht brachten stundenlange Regenfälle keine Abkühlung, sondern verwandelten die Wege in Schlamm und Morast. Die französischen Kavalleriepferde taten sich schwer mit diesen Bedingungen. Die Zelte der Infanterie schützten kaum vor den nächtlichen Unwettern.

Auf der Gegenseite wuchs ab Mitte Juli täglich die Kritik an Barclay. Am 27. Juli 1812 wäre es beinahe zu einer Schlacht gekommen, aber die Franzosen hatten Bagration besiegt, sodass dieser seine Einheiten nicht mit der 1. Armee vereinigen konnte. Der Kriegsminister tat das Richtige und zog sich weiter zurück. Ende Juli 1812 nahm Napoleon kampflos Witebsk ein.

Der Historiker Johannes Willms vertritt die Ansicht, dass schon zu diesem Zeitpunkt das strategische Konzept des Korsen gescheitert wäre. Auch der preußische Militärexperte Clausewitz kam zu dem Ergebnis, dass sich Anfang August 1812 die Russen in einer besseren Situation befunden hätten, vorausgesetzt, sie behielten die Nerven und gingen einer Schlacht vorerst aus dem Wege.

Doch gerade daran haperte es. Bagration hatte durch eigene Fehler dazu beigetragen, dass es nicht zu der von Phull geplanten Schlacht gekommen war. In der Öffentlichkeit wurde Barclay de Tolly dafür kritisiert, dass die Russen zurückwichen. Auch die Soldaten der 1. Armee verstanden ihren Kommandeur nicht. Dem Kriegsminister war nun klar, dass seine Armee sich Napoleon stellen musste. Zar Alexander reiste durch die Lande, sprach den Menschen Mut zu und hielt zu seinem Kriegsminister, aber auch er wollte, dass der Rückzug ein Ende nähme.

Kutusow als Hoffnungsträger

Am 17. und 18. August 1812 stellten sich die Russen bei Smolensk zur Schlacht. Napoleon verfügte noch über 175 000 Soldaten. Barclay konnte 130 000 Mann aufbieten. Die Stadt an der Grenze zu Weißrussland galt als „heilig“. Zwei Tage lang leisteten die Soldaten des Zaren heftigen Widerstand. Am Abend des 18. August musste Barclay Smolensk räumen. Beide Seiten waren mit dem Ausgang unzufrieden. Die Russen konnten den Vormarsch der Franzosen nicht stoppen, und Napoleon war es nicht gelungen, den Gegner vernichtend zu schlagen.

Allerdings musste sich Alexander I. dem Druck der Öffentlichkeit beugen und den Oberbefehlshaber der 1. Armee seines Kommandos entheben. Kriegsminister sollte Barclay jedoch bleiben. Zum neuen Oberkommandierenden der 1. Armee ernannte der Zar den Fürsten Kutusow.

Kutusow hatte sich im Krieg gegen das Osmanische Reich ausgezeichnet. 1805 wurde er bei Austerlitz von Napoleon geschlagen. Er war kein überragender General, aber Zar Alexander besaß keine Alternative. Tolstoi hat in seinem Roman „Krieg und Frieden“ den russischen Oberbefehlshaber als nervenstarken und überlegenen Feldherrn verklärt, der die Franzosen immer weiter in das Land gelockt hätte. In Wirklichkeit stand auch der Fürst unter dem Druck, die Einnahme Moskaus zu verhindern.

Am 7. September 1812 stellten sich die Russen bei Borodino, 115 Kilometer von Moskau entfernt, erneut zur Schlacht. Sie endete mit einem Sieg der Franzosen, doch beide Armeen erlitten hohe Verluste erlitten. 40 000 Russen waren gefallen. Napoleon hatte 35 000 Tote zu beklagen.

Kutusow befahl in der Nacht den Rückzug, meldete aber dem Zaren, dass er Napoleon besiegt hätte und wurde zum Feldmarschall befördert. Als sich herausstellte, dass die russische Armee weiter zurückging, sah sich Alexander in seinem Misstrauen gegen Kutusow bestätigt, konnte aber die Ernennung nicht mehr zurücknehmen. Kutusow entschied, Moskau kampflos den Franzosen zu überlassen. Der Feldmarschall sah keine Möglichkeit, mit den Resten seiner Armee die Stadt zu verteidigen. In Moskau kam es zu einer Panik.

Am 14. September 1812 zogen die Franzosen dort ein. In der Stadt brachen am selben Abend Brände aus, die in den nächsten Tagen einen großen Teil der aus Holz gebauten Häuser in Schutt und Asche legten. Die Franzosen erschossen Brandstifter und Plünderer.

Viel mehr Probleme bereitete der französischen Führung die eigene Armee. Es kam unter Alkoholeinfluss zu Ausschreitungen. Die Disziplin lockerte sich. Napoleon wartete im Kreml auf ein Friedensangebot des Zaren.

Am Hofe des russischen Herrschers waren die Meinungen geteilt. Einige Berater plädierten für eine politische Lösung. Doch Alexander war anderer Meinung und wollte sein Land von den Invasoren befreien. Er forderte Kutusow in einem Brief vom 14. Oktober auf, endlich aktiv zu werden.

Der Feldmarschall hatte mit seiner Armee in der Nähe Moskaus Stellung bezogen. Der Brief Alexanders war noch nicht eingetroffen, als die Russen am 18. Oktober 1812 bei Tarutino die französische Vorhut unter Murat besiegten.

Einen Tag darauf verließ Napoleon Moskau. Die letzten französischen Einheiten räumten am 23. Oktober die Stadt.

Der grausame Rückzug

Ungefähr 100 000 Mann traten den Rückmarsch an, doch nur wenige Tausend Soldaten überlebten die nächsten Wochen. Schon beim Abrücken aus Moskau war der Gesundheitszustand der Truppe schlecht.

Anfang November 1812 kam es zu einem frühen Wintereinbruch. Zwar besserte sich das Wetter nach einigen Tagen wieder, aber der November 1812 war im Vergleich zu den Novembertemperaturen anderer Jahre zu kalt. Unter diesen klimatischen Bedingungen wirkte sich der schlechte Gesundheitszustand der französischen Soldaten katastrophal aus.

Hinzu kam, dass die russische Armee ihren Gegner entschieden verfolgte. Bei Malojaroslawez gelang Napoleon am 24. Oktober 1812 noch einmal ein taktischer Sieg. Aber die Russen hatten endgültig die Initiative übernommen und zwangen die Franzosen, ihren Rückmarsch durch das im Sommer verwüstete Gebiet anzutreten. Ursprünglich wollte der französische Kaiser seine Truppen durch Gebiete führen, in denen es keine Kampfhandlungen gegeben hatte. Die Chancen, dort die Soldaten besser versorgen zu können, hatte er nun nicht mehr.

Am 3. November 1812 kam es bei Wjasma erneut zu einem Aufeinandertreffen. Die Russen siegten. Die Niederlage und der in den nächsten Tagen einsetzende heftige Schneefall leiteten den Zusammenbruch der Grande Armée ein. Immer mehr Nachzügler blieben zurück und fielen den Russen in die Hände. Die Disziplin innerhalb des französischen Heeres verfiel von Tag zu Tag. Divisionen und Regimenter lösten sich auf. In einzelnen Gruppen versuchten die Soldaten, sich nach Westen durchzuschlagen, wo Napoleon Nachschublager hatte anlegen lassen. Doch die Russen waren meist schneller. Auch sie litten unter dem Wetter und hatten hohe Verluste. Doch es gelang Kutusow, seine Armee zusammenzuhalten und die Nachschublinien der Franzosen zu unterbrechen.

Am 9. November erreichte Napoleon Smolensk. Ursprünglich sollte die Armee dort überwintern. Die katastrophale Versorgungslage bewog den Kaiser jedoch, den Rückzug fortzusetzen. Kutusow war es mittlerweile gelungen, sich vor die Franzosen zu setzen. Zwischen dem 16. und 18. November konnte sich die Grande Armée noch einmal den Weg freikämpfen.

Am 27. und 28. November erzwangen die Franzosen den Übergang über die Beresina. Danach ging der Rückzug in eine regellose Flucht in Richtung Njemen über. Am 5. Dezember verließ Napoleon die Armee, um in Frankreich neue Truppen auszuheben. Wilna in Litauen wurde am 10. Dezember 1812 von den Franzosen geräumt. Am 13. Dezember überschritten die letzten französischen Soldaten unter dem Kommando von Marschall Ney den Njemen.

Die Niederlage in Russland – das Ende für Napoleon?

Napoleons Angriff auf Russland war ein Wagnis. Der Kaiser ging davon aus, dass die Russen in offener Feldschlacht besiegt werden könnten. Doch er hatte die logistischen Probleme des Unternehmens unterschätzt. Schon im Sommer und Frühherbst starben viele Soldaten an Erschöpfung oder Krankheiten. Außerdem vermochte er keine entscheidenden Siege zu erringen. Bei Smolensk und Borodino warf er den Gegner nur zurück.

Alexander gewann den Krieg, weil er sich im Oktober 1812 dazu entschloss, nicht mit Napoleon zu verhandeln. So musste der französische Kaiser handeln. In Moskau konnte er nicht überwintern. Für eine Offensive in Richtung Sankt Petersburg fehlten ihm die Kräfte. Den Franzosen blieb nur die Möglichkeit, die eroberten Gebiete zu räumen. Auf dem Rückmarsch dezimierten Krankheiten und die russischen Truppen die Grande Armée. Dass sie unter diesen widrigen Umständen die Russen mehrmals besiegte, zeugt von der taktischen Überlegenheit der Franzosen.

War mit der Niederlage in Russland Napoleons Schicksal besiegelt? Das Jahr 1813 sollte zeigen, dass er sein Leben nicht auf Elba im Exil hätte beschließen müssen. Am 26. Juni 1813 bot Fürst Metternich, der leitende Minister des Kaiserreiches Österreich, in Dresden dem Kaiser einen Kompromiss an: Frankreich sollte sich mit den Grenzen von 1792 begnügen. Napoleon hätte große Zugeständnisse machen müssen, aber sein Land hätte weiter zu den Großmächten in Europa gehört. Der Korse soll nach den Erinnerungen Metternichs geantwortet haben, dass er seine Herrschaft seinen militärischen Erfolgen verdanke. Eine Dynastie wie die Habsburger könne einen Krieg verlieren und trotzdem weiter herrschen. Er – Napoleon – müsse siegen oder abdanken.

Ob die Franzosen ihn abgesetzt hätten, wenn ihr Kaiser nur einer unter mehreren großen Herrschern Europas gewesen wäre, bleibt Spekulation. In meinen Augen spricht vieles dafür, dass die Franzosen nach mehr als zwanzig Jahren Krieg dem Korsen treu geblieben wären. 1813 gab es wenige Sympathien für die 1792 gestürzten Bourbonen. Und an den europäischen Höfen hatte man sich mit dem „Emporkömmling“ Napoleon abgefunden. Russland war trotz seines Sieges erschöpft. Preußen wäre damit zufrieden gewesen, dem Kreis der Großmächte wieder anzugehören. Der österreichische Kaiser hätte seinen Schwiegersohn in Paris notgedrungen akzeptiert. In einem englischen Herrenklub wäre Napoleon nie aufgenommen worden, aber die britische Außenpolitik wurde von Pragmatikern gemacht, die wie Österreich an einem europäischen Gleichgewicht interessiert waren.

Napoleon wollte jedoch nicht nur einer von mehreren Kaisern in Europa sein. Insofern ist der Feldzug von 1812 typisch für ihn. Er war ein Mann, für den es das Wort „unmöglich“ nicht gab. Diese Kraft führte ihn zu historischer Größe und in seinen Untergang.

Fotonachweis: Das Foto zeigt ein Gemälde von Peter Hess (1792 bis 1871) über die Schalcht von Smolensk. (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Smolensk_by_hess.jpg#/media/File:Smolensk_by_hess.jpg)